EinstiegsgehaltDer Lehrling, das umworbene Wesen

Im Schnitt steigen Lehrlingsgehälter zwischen 6 und 16 Prozent. Ein wichtiges Signal. Aber um Jugendliche zu gewinnen, müssen Unternehmen oft mehr als Geld bieten: Wir haben Beispiele, welche Extras sich die Unternehmen einfallen lassen.

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Extra-Prämien für gute Leistungen: Christina Toser, Spar-Lehrling © Juergen Fuchs
 

Es gab dicke Luft: Die Kollektivvertragsverhandlungen waren konfliktbeladen und zäh. In einem Punkt waren sich aber alle Beteiligten einig: Lehrlinge sollen mehr Geld erhalten. Und das Plus ist zum Teil auch sehr deutlich ausgefallen. Je nach Branche gibt es zwischen 6 und 16 Prozent mehr Geld. Und das nicht, weil die Firmen einfach so großzügig sind, sondern weil ihnen in den vergangenen Jahren die Lehrlinge „ausgegangen“ sind, und damit vielfach die Fachkräfte von morgen fehlen – vom Koch bis zum Schlosser.

Viele Betriebe würden noch mehr Lehrlinge aufnehmen, wenn es diese gäbe. Es sind sich aber auch alle einig, dass in den vergangenen Jahren eine wichtige Trendumkehr stattgefunden hat und noch stattfindet. Das Image der Lehre, das jahrzehntelang ­gelitten hat, wird deutlich ­aufpoliert. Die Ausbildungsqualität steigt, Modelle wie Lehre mit Matura oder Lehre nach der Matura bieten den jungen Menschen in der Folge zusätzliche Aufstiegs­möglichkeiten im Unter­nehmen. Die ausgebildeten jungen Leute vereinen das Beste aus zwei Bildungswegen in sich. Und ihr höheres Ansehen verdankt die Lehre letztendlich auch der Tatsache, dass nicht mehr wie früher ein „Hungerlohn“ gezahlt wird, sondern die Fachkräfte von morgen zum Großteil eine faire Entlohnung für sich verbuchen können.

Eine Branche, die trotz Lohnerhöhungen mit einem großen Lehrlingsmangel zu kämpfen hat, ist laut ­Wirtschaftskammer der ­Handel. Bei den Lebens­mittelhändlern beispielsweise würden jedes Jahr Hunderte Lehrstellen unbesetzt ­bleiben. Weshalb diese sich auch mehr einfallen lassen müssen. Wie beispielsweise der Spar-Konzern. Christina ­Toser (18) ist im zweiten Lehrjahr in einer Filiale in Graz beschäftigt. Sie war gezwungen, wegen einer Allergie die begonnene Friseurlehre abzubrechen.

Aufgrund der intensiven Werbung, die Spar macht, um junge Leute für die offenen Lehrstellen zu gewinnen, ist sie auf eine Lehre beim Lebensmittelhändler aufmerksam geworden. Und die ­„Extras“, die Spar seinen Lehrlingen bietet, waren für sie „mit ein Grund“ sich zu bewerben. „Für gute Leistungen im Betrieb und in der Schule gibt es Prämien. Das ist schon toll und ein super Anreiz“, sagt Toser

Tatsächlich zahlt Spar bei guten Praxisleistungen je nach Lehrjahr bis zu 140 Euro pro Monat dazu. Und auch für gute Berufsschulzeugnisse winken Prämien von bis zu 218 Euro im Jahr beziehungsweise die Bezahlung des B-Führerscheins. „Neben diesen Benefits bieten wir auch eine monatliche Überzahlung der gesetzlichen Lehrlingsentschädigung an“, sagt die Lehrlingsbeauftragte Eva-Maria Wimmer.

ZUR PERSON

Eva-Maria Wimmer ist Lehrlingsbeauftragte bei Spar. Sie erklärt, dass Lehrlinge sich während der Lehrzeit durch besonders gute Leistungen Prämien von mehr als 4500 Euro dazuverdienen können.

Eva-Maria Wimmer Foto © Juergen Fuchs


Im ersten Lehrjahr verdient ein Lehrling bei Spar ab 1. September 2019 700 Euro, im dritten Lehrjahr 1210 Euro. Christina Toser will auch beim Lebensmittelhändler bleiben, wenn sie ausgelernt hat. Und sie hat sich entschieden, ihre Ausbildung im Sinne künftiger Aufstiegsmöglichkeiten als Lehre mit Matura fortzusetzen: „Ich strebe eine Marktleitung an.“

Eine thematisch völlig andere Welt bietet beispielsweise eine „Lehre 4.0“ bei einem Elektronik-Konzern wie ­Infineon. Die Lehrlingsausbildung wurde hier 2018 verstärkt auf den digitalen Wandel ausgerichtet. Seit ­Februar 2018 arbeiten 15 Lehrlinge im Rahmen des Lehrlingsprojektes „Mini-Fab/Lernfabrik 4.0“ an einer Wafer-Mini-Fabrik und werden in der digitalen Lernfabrik 4.0 ausgebildet.

Eine der Lehrlinge bei ­Infineon ist Jennifer Ober­egger (21). Mit ihrem ­Verdienst ist sie zufrieden. In der Elektro- und Elektronik­industrie werden laut Kollektiv­vertrag im vierten Lehrjahr 1550 Euro brutto ­gezahlt. „Ich wollte schon ­immer in der Technik Fuß ­fassen. Und ich sehe jetzt, dass sich meine Entscheidung ausgezahlt hat und wie viele Zukunftschancen mir meine Lehrausbildung bietet“, sagt die 21-Jährige. Bei Infineon sei man in den laufenden Betrieb gut eingebunden und könne eigene Ideen umsetzen. Und es gebe viele Möglichkeiten, sich weiterzuentwickeln und weiterzubilden.

ZUR PERSON

Jennifer Oberegger ist Lehrling beim Elektronik-Konzern Infineon im vierten Lehrjahr. Die 21-Jährige absolviert eine Lehre mit Matura. Sie wollte schon immer etwas im technischen Bereich machen.


Aber nicht in allen Branchen sind die Kollektivverträge so attraktiv. Die Lehrlingsentschädigung variiert je nach Beruf äußerst stark, wie man an den Zahlen ablesen kann. Während Friseure beispielsweise im ersten Lehrjahr 490 Euro brutto verdienen, sind es im Baugewerbe 963 Euro. Weshalb Susanne Hofer, die Vorsitzende der Österreichischen Gewerkschaftsjugend (ÖGJ), die jüngsten Erhöhungen zwar als „gutes und wichtiges Signal“ wertet, gleichzeitig aber auch eine „Mindestlehrlingsentschädigung“ fordert. Aus Sicht der ÖGJ sollte diese quer durch alle Branchen im ersten Lehrjahr bei mindestens 850 Euro liegen – was intensiv diskutiert wird.