Lejla ist 14 Jahre alt, sie sitzt unverschleiert im Straflandesgericht in Graz und erklärt nüchtern und kaltherzig, warum sie einen Terroranschlag in Graz geplant hatte. Sie wurde vom Terroranschlag in Wien von 2020 inspiriert, dort starben vier Menschen und 17 wurden verletzt. „Ich habe gedacht, stark, dass die das machen, weil das mit dem IS zu tun hat. Ich habe gedacht, alles, was mit dem IS zu tun hat, ist der richtige Weg.“ Sie wird im Oktober 2024 zu zwei Jahren Haft verurteilt. Doch der Weg, den sie als so richtig erlebt hat, der hat auf TikTok begonnen.
Wie gefährlich ist Halal-Feminismus, Stefan Kaltenbrunner?
„Dieses Mädchen ist ein Paradebeispiel für die Radikalisierung, die über Social Media mittlerweile fast schon Normalität ist“, sagt Stefan Kaltenbrunner. Der Journalist hat gemeinsam mit profil-Journalist Clemens Neuhold ein Buch geschrieben, es heißt „Allahs mächtige Influencer“ und erscheint am 15. März. In einer monatelangen Recherche haben die beiden versucht, diese neue radikalisierte Normalität auf TikTok nachzuzeichnen. „Das Mädchen in Graz kam mit ihrer Mutter aus Montenegro, hatte Probleme mit Deutsch, fühlte sich nicht gut aufgenommen und hat plötzlich auf TikTok eine Welt entdeckt, die ihr nicht nur Halt, sondern eine neue Identität gegeben hat. Sie kommentierte viel unter Prediger-Videos und dann nahm der Algorithmus seinen Lauf“, so Kaltenbrunner.
Radikalisiert in einer Stunde
Wer viel interagiert, der fällt nämlich auf, kriegt Links geschickt und wird dann zur Plattform Telegram geleitet, wo in geschlossenen Chatgruppen die wahre Manipulation stattfindet. „Man braucht nur eine Stunde, wir haben das getestet, und dann ist man in einer islamistischen abgeschlossenen Parallelwelt. Und in dieser wird einem gezeigt, wie man leben, wie man sich anziehen soll und was man gegen Ungläubige tun kann“, erzählt der Journalist. Frauen spielen eine viel größere Rolle in der islamistischen Welt, als bisher angenommen, sie werden nicht nur geehrt, sondern erhalten auch Verantwortung, organisieren Netzwerke und rekrutieren. „Das Grazer Mädchen hatte etwa eine islamistische Freundin in Deutschland, die den dortigen Behörden bereits aufgefallen war und so kam man auch auf die österreichische Verbindung. Bei ihr fand man mehr als 4000 Prediger-Videos am Computer.“
Der Halal Feminismus
Doch es beginnt nicht beim Attentat, es beginnt mit der schönen Ästhetik von Instagram und TikTok. „Der Halal-Feminismus und die Wellness-Influencerinnen, wie wir ihn genannt haben, hat nichts mit den bärtigen Predigern zu tun, der ist modern, lustig, mit schönen Menschen und einem damit extrem attraktiven Einstieg in eine Welt, die am Ende aber trotzdem heißt: Wir gegen den Westen“, fasst Kaltenbrunner zusammen. Ein weiterer Trend sind auch Frauen, die konvertieren, sich erst später zum Islam wechseln und dabei besonders radikal auftreten, wie das ehemalige Model Hanna Hansen. Sie hat auf Instagram fast 200.000 Follower und propagiert die „einzig wahre Religion“, wie sie auf ihrem Kanal schreibt. „Eine der erfolgreichsten Konvertitinnen ist in Kanada, sie hat eine regelrechte Kampagne gestartet, die sie „We woke up!“ nennt, und damit sagen will, wie viel besser ihr Leben jetzt ist, seitdem sie beim Islam ist.“
Ein Mittel, um schleichend Muslima zu radikalisieren, sind auch Spiele oder Quizzes, die von Influencern gemacht werden. „Wer darf neben meiner Frau im Bus sitzen?“, „Darf ich Musik hören?“, „Darf ich in einer Bar arbeiten?“ - solche Suggestiv-Fragen untermauern das Weltbild in einer unterhaltsamen Weise, wie Jugendliche sie nur zu gern konsumieren. Eine massive Steigerung all dieser extremen Manipulations-Accounts gab es durch zwei Ereignisse der letzten Jahre. „Corona hat viele Jugendliche isoliert und eine Möglichkeit für diese Influencer eröffnet und dann auch noch der Gaza-Konflikt seit dem 7. Oktober 2023“, so Kaltenbrunner. Das bestätigt auch die in London arbeitende Terrorismusforscherin Julia Ebner. „Der Gaza-Konflikt hat den Dschihadisten ein zutiefst emotionalisiertes Thema geboten, auf Basis dessen sie vor allem online enorm rekrutieren konnten“, sagt Ebner, die am „Institute for Strategic Dialogue“ die Wechselwirkungen von Radikalisierung erforscht. Und auch hier ist in den letzten Jahren etwas passiert. „Es gab eine interessante Dynamik zwischen Rechtsextremisten und Islamisten, die man fast als wechselseitige Inspiration bezeichnen muss, gerade was die Kommunikations- und Social-Media-Taktiken betrifft. Zunächst haben Rechtsextremisten viel vom IS kopiert und sich Zugänge quasi abgeschaut, um die ganz jungen Generationen zu erreichen und in den letzten Jahren kam es zur umgekehrten Dynamik. Da haben etwa Salafi-Dschihadisten genau das kopiert, was bei Rechtsextremisten besonders erfolgreich war, bis hin zu fast denselben Memes oder ähnlichen Kampagnentaktiken“, schildert die Österreicherin.
Kaltenbrunner: „Wir sollten als Gesellschaft die Schule zu einer tatsächlich säkularen Zone machen“
Einen Ausweg aus dieser immer schneller agierenden Extremismus-Spirale weiß Journalist Kaltenbrunner zwar nicht, aber Bezug nehmend auf die aktuelle Debatte um den Ramadan oder das diskutierte Kopftuch-Verbot, hat er zumindest einen Vorschlag. „Wir sollten als Gesellschaft die Schule zu einer tatsächlich säkularen Zone machen, keine Kopftücher, keine Kreuze, keine Kippas, das alles weg. Und dafür alle Religionen in einem gemeinsamen Unterricht vereinen und so voneinander und übereinander lernen können.“