APA: Wie haben Sie die letzten 48 Stunden seit dem US-israelischen Angriff auf den Iran erlebt?

Kian Kaiser: Die letzten 48 Stunden waren Alarm. Wie viele in der Diaspora klebte ich am Handy, habe Nachrichtenseiten aktualisiert, fast zwanghaft, als könnte ich durch bloßes Refreshen Einfluss nehmen. Jede neue Meldung war ein mögliches neues Beben. Mehr Tote, mehr Chaos, mehr Sorge um meine Familie in Teheran.

Und gleichzeitig stehe ich am Abend auf der Bühne und spiele mein Kabarettprogramm "Hoamatlond, Hoamatlond". Ich rede über Herkunft, Identität, Zugehörigkeit. Das Publikum lacht. Und irgendwo zwischen zwei Pointen vibriert mein Handy in der Garderobe mit Nachrichten aus einer Heimat, die ich nie kennenlernen durfte.

Dieses Nebeneinander ist schwer auszuhalten. Dort Angst und mögliche Eskalation. Hier Stabilität und Sicherheit. Und diese Sicherheit schafft Abstand. Abstand tut weh. Vor allem jetzt, während ich meiner Familie doch so gerne nah wäre. Eine Familie, die ich noch nie real getroffen habe. Es fühlt sich an, als würde ich zwei Realitäten gleichzeitig leben. Angst, Ohnmacht, Privileg, Schuldgefühle, alles überlagert sich. Und über allem schwebt ein offenes Fragezeichen: Was kommt als Nächstes?

APA: Wie bewerten Sie die Rolle und Vorgehensweise von US-Präsident Donald Trump und Israels Premier Benjamin Netanyahu?

Kaiser: Auf mich wirkt das wie ein geopolitisches Schachspiel. Am Ende sind es aber weder Präsidenten noch Generäle, die den Preis zahlen, sondern Zivilist*innen, die zu Bauernopfern gemacht werden. Beide Staaten, die USA und Israel, verfolgen ihre eigenen strategischen Ziele. Das ist auch den Menschen im Iran bewusst. Die Geschichte zeigt leider immer wieder, dass Gewalt selten einen sauberen Schnitt setzt. Sie erzeugt neue Gewalt, sie verhärtet Fronten, sie vertieft gesellschaftliche Risse, statt demokratische Bewegungen zu stärken. Revolutionen lassen sich nicht von außen herbeibomben. Von Frieden ganz zu schweigen. Ich fürchte, dass am Ende mehr Chaos bleibt als Stabilität. Und auch das könnte im Interesse der USA und Israels sein.

Ja, Chameini ist tot. Das System aber noch immer da. Die religiösen Hardliner, die Netzwerke aus Sicherheitsapparat, Justiz und Milizen, das über Jahrzehnte gefestigte Machtgefüge bestehen weiter. Strukturen überleben Personen, vor allem wenn sie, wie im Iran einzementiert wurden. Für Chameinis Anhänger*innen kann er nun zum Märtyrer werden. Das sieht man bereits an den Vergeltungsschlägen und der aufgeladenen Rhetorik. Ein Staat, der bereit war, zehntausende eigene Bürgerinnen und Bürger brutal zu unterdrücken, zu foltern und zu töten, wird nach außen kaum Zurückhaltung zeigen.

APA: Welche Perspektiven hat das iranische Volk aus Ihrer Sicht nun? Reza Pahlavi, der Sohn des ehemaligen Schahs von Iran, brachte sich als Übergangsführer ins Spiel. Wie bewerten Sie diese Option?

Kaiser: Als Mensch mit iranischen Wurzeln lernt man, vorsichtig mit Hoffnung umzugehen. Zu oft wurde sie enttäuscht. Der Iran ist seit Jahrzehnten von einem autoritären System geprägt und auch davor war er nie wirklich frei. Eine Generation nach der anderen ist mit Angst, Kontrolle und dem Gefühl aufgewachsen, dass Freiheit immer anderswo stattfindet.

Der Wunsch nach Freiheit ist trotzdem nie verschwunden. Aber in Zeiten extremer Gewalt verändert er sich. Dann wird Nostalgie plötzlich attraktiv. Ich verstehe die Stimmen, die nach dem Schah rufen. Wenn alles brennt, greift man nach etwas, das sich zumindest nicht nach Feuer anfühlt. Brandgefährlich bleibt es aber trotzdem. Auch unter dem Schah gab es Repression, Korruption und Gewalt. Die Revolution der 1970er Jahre hatte reale Ursachen. Sie ist tragisch geendet, aber sie hatte berechtigte Gründe.

Meine Sorge ist, dass aus Verzweiflung alte Illusionen wiederbelebt werden. Die Menschen im Iran verdienen mehr als die Wahl zwischen zwei autoritären Modellen. Sie verdienen echte Freiheit. Und vor allem ein Leben ohne Angst und Tyrannei.

APA: Wie schätzen Sie die Zukunft des Iran nach möglichen demokratischen Wahlen ein?

Kaiser: Demokratie ist für viele Menschen im Iran keine gelebte Erfahrung, sondern eine Erzählung. 1953 wurde der demokratisch gewählte Premierminister Mohammad Mossadegh mit Unterstützung der CIA und Großbritanniens gestürzt, nachdem er das Öl verstaatlichen wollte. Das Misstrauen gegenüber ausländischen Eingriffen sitzt tief und hat auch die politische Entwicklung des Landes stark beeinflusst.

Auch ich misstraue äußeren Akteuren, dass sie heute in erster Linie ein stabiles und starkes Iran im Sinn haben. Geopolitik folgt Interessen, nicht Idealen. Und ein wirklich unabhängiger Iran wäre für viele Mächte schwer kontrollierbar. Zusammen mit der inneren Zerrissenheit des Landes macht das demokratische Entwicklung besonders kompliziert.

Und trotzdem wäre es falsch, die iranische Gesellschaft zu unterschätzen. Da ist eine junge Generation, politisch wach, digital vernetzt, mutig. Viele machen sich keine Illusionen mehr, weder über das eigene Regime noch über fremde Regierungen. Sie wissen, dass Veränderung nicht importiert werden kann. Sie wissen auch, wie hoch der Preis ist, wenn man offen widerspricht.

Ich erwarte keine schnelle Lösung. Eher eine Phase der Unsicherheit, in der Macht neu sortiert wird. Vielleicht entstehen Risse im System. Vielleicht zieht es die Schrauben noch fester an. Sicher ist nur: Die Menschen werden weiter zwischen Anpassung und Widerstand balancieren müssen. Das ist eine enorme Belastung. Und gleichzeitig zeigt es, wie viel Widerstandskraft in dieser Gesellschaft steckt. Ich wünschte, sie müssten diese Kraft nicht ständig unter Beweis stellen.

(Die Fragen stellte Sonja Harter/APA per Mail.)

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