APA: Ihre Intendanz in St. Pölten zeichnet sich durch internationale Koproduktionen, partizipative Projekte und einen hohen Frauenanteil in der Regie aus. Das sind nicht gerade Attribute, die man mit dem Theater in der Josefstadt verbindet. Wollen Sie diesen Weg in Wien weitergehen?
Marie Rötzer: In St. Pölten konnte ich vieles umsetzen, unter anderem die Etablierung von starken, aufstrebenden Regisseurinnen wie Sara Ostertag, Anne Bader oder Mira Stadler, genauso auch internationale Partnerschaften mit Luxemburg oder dem NTGent. In dieser Spielzeit zeigen wir etwa die Österreichische Erstaufführung von "Der blinde Passagier" von Maria Lazar in der Regie von Mira Stadler. Und es kommt eine der letzten René-Pollesch-Inszenierungen von der Berliner Volksbühne und mit "Fremder als der Mond" ein wunderbarer Brecht-Abend vom Berliner Ensemble.
Mir ist wichtig, dass ich mit meinem Programm so viele Menschen wie möglich erreichen kann. Für die Josefstadt heißt das, neben der Frage "Wofür steht die Josefstadt und ihr Publikum?", die Institution und das Medium Theater weiterzuentwickeln. Ich will zum Beispiel Verbindungen mit anderen Institutionen schaffen, nicht nur in der Stadt Wien, sondern auch international, um damit das Theater zu öffnen. Es geht mir darum, das europäische Narrativ zu verteidigen: Wir müssen Werte der Demokratie, der Toleranz, des Miteinanders verhandeln, heute noch mehr als vor ein paar Jahren. Fest steht aber auch: Man kann das Konzept eines Hauses nicht einem anderen Haus überstülpen. In Wien gibt es starke Mitbewerber, da muss man eine neue klare inhaltliche Positionierung finden.
APA: Welche konkrete Positionierung schwebt Ihnen vor?
Rötzer: Die Josefstadt wird weiter das große Theater für österreichische Literatur und Schauspielkunst sein, eine weitere Säule wird die Öffnung über nationale Grenzen hinweg sein. Wir möchten Themen aufgreifen, die die Stadt beschäftigen oder die verdrängt wurden. Mich interessiert die Verführung durch Inhalte und Themen, genauso auch die Sinnlichkeit und die spielerischen Möglichkeiten, die das Theater hat.
APA: Was ist an partizipativen Projekten geplant?
Rötzer: Ich will viele Gesprächsangebote schaffen, Debatten anstoßen, über das Reden zueinander finden. Ich denke etwa an Nachgespräche mit Experten oder auch lange Tische in den Foyers, an denen sich Gäste mit Künstlern treffen.
APA: Die Josefstadt verfügt mit den Kammerspielen über eine zweite Spielstätte. Wie sehen Sie das künftige Verhältnis dieser beiden Bühnen?
Rötzer: Die Kammerspiele haben eine langjährige Geschichte und liegen mitten im Partyzentrum Wiens, zwischen Stephansdom und der Amüsiermeile. In den 1920er Jahren hat der Theatervisionär Max Reinhardt als Intendant der Josefstadt die Kammerspiele so umbauen lassen, dass es zwischen Bühne und Zuschauerraum kaum einen Abstand gibt. Diese Nähe bietet viele Möglichkeiten der Bespielung verschiedener Formate. So planen wir musikalische Revuen, die gleichzeitig auch eine ernsthafte Relevanz haben: Es wird etwa "Biopics" zu Menschen geben, die hier gearbeitet haben, darunter sehr viele jüdische Künstler und Künstlerinnen. Hierfür habe ich junge Autorinnen und Autoren eingeladen, die Texte zu verfassen. Ich habe auch Ideen, die Bars und Cafés einzubinden und den 1. Bezirk auch aus seiner Geschichte heraus für Theaterprojekte zu erkunden, etwa die Eden Bar, die z.B. in den 70er Jahren ein Ort für viele bekannte Persönlichkeiten war. Was in den Kammerspielen zählt, ist natürlich auch der Aspekt der guten Unterhaltung.
APA: Wie steht es um Uraufführungen?
Rötzer: Wir haben in den Kammerspielen viele Erstaufführungen geplant. Im großen Haus wird es ebenso neue Stücke geben, aber auch bewährte Klassiker. Wir haben auch Überschreibungen von Klassikern in Auftrag gegeben, wo sich Gegenwartsautorinnen mit den Stoffen verbinden und eine neue Interpretation finden. Ebenfalls geplant ist eine "Junge Josefstadt" und die Förderung von Autorinnen.
APA: Wie stehen Sie zu Dramatisierungen, derer es zuletzt ja sehr viele gab?
Rötzer: Gute Geschichten gehören immer auch ins Theater. Man muss aber überprüfen, ob sie in eine Bühnenform gebracht werden können. Ich vertraue dabei den künstlerischen Teams, dass sie die Geschichten für das Theater dramaturgisch nachvollziehbar erzählen. Aus welchem Medium sie kommen, ist zweitrangig, solange es am Theater funktioniert. Im heutigen Theater sehe ich oft viel zu wenig Konflikte. Ich vermisse Stücke, in denen Konflikte über einen dialektischen Disput ausgefochten werden, wo Meinungen und Perspektiven aufeinanderprallen. Wie in zwischenmenschlichen oder gesellschaftlichen Beziehungen müssen wir auch im Theater die Widersprüche und offenen Fragen stehen lassen können.
APA: Der Führungsstil an Theatern war zuletzt immer wieder Thema bei Nicht-Verlängerungen bzw. Neubesetzungen. Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?
Rötzer: Das Thema Führung ist sehr komplex. Meine Aufgabe liegt in der Kommunikation, in der Gestaltung von Räumen, in denen Menschen gut arbeiten und sich künstlerisch verwirklichen können. Wir wollen weiter am "Code of Conduct" arbeiten, Verhaltensregeln aufstellen und ein Konfliktmanagement etablieren.
APA: Wie nehmen Sie die Stimmung im Ensemble wahr?
Rötzer: Das Ensemble hat einen unglaublichen Zusammenhalt. Man hat mit vielen Menschen zu tun, die diese Theaterleidenschaft mitbringen, viel Erfahrung und Know-how authentisch vermitteln. Die Schauspielerinnen und Schauspieler genauso wie die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in den Abteilungen sind hoch motiviert und denken immer das Publikum mit.
APA: Sowohl im Bund als auch in der Stadt Wien herrscht zunehmender Spardruck. Wie ist das Theater in der Josefstadt derzeit finanziell ausgestattet, und wie gut können Sie damit arbeiten?
Rötzer: Die Josefstadt hat im Moment eine solide Finanzierung. Da die Förderung in Zeiten von Inflation nicht entsprechend wachsen wird, haben wir per se auch darauf zu schauen, wie wir das Budget effektiv verwenden. Die Anpassung des Theaters an eine ökonomische und zeitgemäße Situation ist schon vor meiner Berufung geschehen. Diesen Prozess setzen wir fort, sodass die Josefstadt weiterhin als eines der größten Sprechtheater agieren kann.
APA: Wie gestaltet sich die Übergabe zwischen Ihnen und Herrn Föttinger?
Rötzer: Wir sind jetzt in einer Übergangsphase. Nach Herbert Föttingers letzter Premiere werden wir mit den ersten Vorbereitungsproben für meine erste Spielzeit beginnen. Ich werde auch einige Produktionen übernehmen, so wird das Publikum auch Kontinuitäten spüren. Bis jetzt ist es ein reibungsloser Übergang. Das Haus gehört ja weder Herrn Föttinger noch mir, es gehört letztendlich dem Publikum.
APA: In Wien fand und findet derzeit ein Wechsel statt: Stefan Bachmann leitet das Burgtheater ohne große Aufreger, Philipp Gloger hatte zu Beginn seiner ersten Saison riesige Erfolge auch im Komödienfach. Sara Ostertag setzt im TEATA auf Mehrsprachigkeit. Und ab Herbst tritt auch Aslı Kışlal am Theater der Jugend an und bringt neue Perspektiven. Wo ordnen Sie sich da ein?
Rötzer: Ich will das Haus nicht komplett umkrempeln, das wäre Unsinn. Die Josefstadt war schon immer ein Schauspieler*innen-Theater und ein Literatur- und Erzähltheater. Wir begeben uns mit dieser Tradition des Hauses in die nächste Ära. Mir ist dabei wichtig, dass wir aus den Theatertexten eine zeitgenössische sprachliche und inhaltliche Form finden, die auf der Bühne praktiziert wird und die wir in den Stücken vorfinden, woraus wir schöpfen. Und wir wollen uns mit unserer Zeit, der Stadt Wien und mit dem Blick auf die Welt hinaus beschäftigen.
Denn wir leben nicht im luftleeren Raum, sondern sind in einer Welt im Umbruch eingebettet. Also werden wir uns stark mit der gesellschaftlichen Entwicklung beschäftigen und die Frage stellen, wie wir miteinander leben wollen. Das Miteinander funktioniert nur, wenn wir uns in andere Menschen hineinversetzen können. Ich sehe das Theater nicht so sehr als moralische Anstalt, sondern mehr als ein Haus der Utopien. Einen Ort, wo wir verschiedene Lebensmodelle und Fragen diskutieren und die Bedeutung von unserem demokratischen Zusammenleben verhandeln.
(Das Gespräch führte Sonja Harter/APA)