Die Erinnerung ist selektiv

"Sich erinnern heilt" lautete das Thema der Matinee: Ein Zitat aus dem Stück, das ein Schriftsteller von sich gibt, mit dem sich Köhlmeier selbst allerdings gar nicht restlos identifiziert. Die Erinnerung, so meint er im APA-Gespräch, sei immer selektiv und daher auch eine Form des Selbstbetrugs mit tröstlicher Funktion. Verdrängen und Vergessen seien manchmal sogar lebensnotwendig. Und Ingeborg Bachmanns Diktum, wonach die Wahrheit dem Menschen zumutbar sei, beziehe sich auf die Historie: "Da hat sie recht, im Privaten natürlich überhaupt nicht."

Der Schauplatz "Praterstern" könnte auch ein anderer sein. Ein Terroranschlag bildet den Hintergrund des Geschehens. Daraus erwächst nun angesichts des Amoklaufs in Graz eine Aktualität, die "alles andere ist als ich mir wünsche", so Köhlmeier: "Der Grundgedanke: Wenn noch so etwas Grässliches in meiner Umgebung passiert wie jetzt in Graz, heißt das nicht, dass meine kleinen persönlichen Sorgen, Vorlieben, Hoffnungen, Ängste, Begehrlichkeiten deswegen erlöschen." Auch wenn man im Fall einer persönlichen Katastrophe der Welt "verbieten will, dass sie weitergeht": Sie geht weiter.

Gerade bei den Dialogen getrennt gearbeitet

Wie darf man sich den Entstehungsprozess eines Auftragsstücks vorstellen, das zu zweit entwickelt wird? Das gemeinsame Schreiben, so Köhlmeier, "geht nicht", sondern "sie schreibt im ersten Stock, ich unten. Meist kommunizieren wir dabei per Mail." Ob nicht so mancher pointierte Dialog im lustvollen gemeinsamen Extemporieren zustande kommt? Köhlmeier: "Das führt dann zu einem privaten Spaß, aber nicht zu einem Dialog. Gerade bei den Dialogen haben wir immer getrennt gearbeitet."

Die Sommerspiele Melk haben ihre Stoffe bisher meist aus den großen Mythen der Menschheit bezogen. Auch Köhlmeier wurde nicht zuletzt durch seine Nacherzählungen klassischer Sagen populär. Somit wäre doch die Erwartungshaltung berechtigt gewesen, dass diese Kooperation in eine Fortsetzung der Aufführungstradition mündet. Doch das Auftragswerk des Schriftstellerehepaars scheint eher ein "Lob des Alltags" geworden zu sein, oder - laut Untertitel - "Szenen aus unserem tragikomischen Leben" darzustellen.

Können uns die Zeit des Homer nicht vorstellen

Hauer: "Monika Helfer und Michael Köhlmeier waren mir diesmal weit wichtiger, als meine Konzeption unhinterfragt beizubehalten. Ich glaube, diese Veränderung ist auch wirklich notwendig. Unser Publikum erwartet das auch. Wobei: Es scheint ja nur so, als hätten wir eine große Kehrtwende gemacht. Wir waren immer am Puls der Zeit und haben über Menschen und ihren Platz im Leben erzählt. Diesmal sind uns die Figuren aber viel näher."

Und Köhlmeier ergänzt: "Das Große an diesen sogenannten großen Stoffen hat mich nie interessiert. An der Penelope hab ich unsere Nachbarin gesehen, die vor über 30 Jahren von ihrem Mann verlassen worden ist. Wir können uns die Zeit des Homer ja nicht vorstellen. Aber über uns wissen wir etwas. Wir müssen uns vielleicht davon verabschieden, den Alltag als etwas Niedriges zu sehen. Der Alltag ist der Mythos der Demokratie. Das erhebt ihn auch."

(Das Interview führte Ewald Baringer/APA)

(S E R V I C E - Sommerspiele Melk: Michael Köhlmeier und Monika Helfer, "Praterstern. Szenen aus unserem tragikomischen Leben". Regie: Christina Gegenbauer. Uraufführung am 18. Juni um 20.15 Uhr. www.wachaukulturmelk.at)