Viel Lob gab es gleich für den ersten Text, Müllers "Wen ich hier seinetwegen vor mir selbst rette", in dem sich eine Schwelle schon zu Beginn persönlich zu Wort meldet, ein Raum sich dahinter öffnet, in dem sich Wäsche und Stoffreste türmen, und ein anwesender "Rio" mit dem suspekten erzählerischen Ich eine Auseinandersetzung beginnt. Auch ein Therapeut, der möglicherweise nur eingebildet ist, mischt sich in den Sprachfluss ein. Mara Delius fand Müllers Text "sehr souverän und gelassen vorgetragen" und lobte wie andere Jurymitglieder seine "schönen Bilder". Thomas Strässle, der die Autorin eingeladen hatte, nannte ihn "einen großartigen Text - er ist klug, er ist kühn, er ist schön", auch Philipp Tingler fand ihn "wirklich gelungen", kritisierte aber das "nicht durchgehende sprachliche Niveau des Textes", der in Mithu Sanyal dagegen "Flimmermomente" erzeugte. Auch von Brigitte Schwens-Harrant gab es vor allem Lob, wogegen der neue Juryvorsitzende Klaus Kastberger einwendete: "Für mich ist dieser Text zu unentschieden. Was ich gut finde an diesem Text, ist, dass er Risiko nimmt." Die neue Schweizer Jurorin Laura de Weck lobte die "klassische Erzählspannung": "Ich hab diesen Text wie so eine Art Thriller gelesen", meinte sie zu ihrer Landsfrau: "Ich fand die Sprache sehr präzise. Kein Wort ist zu viel. Die Dosierung ist richtig."
Danach erzählte die Österreicherin Ulrike Haidacher in "Schwestern" über den Besuch der Enkelin Anja am Sterbebett der Oma im Krankenhaus. Bei der im Spital gemeinsam verbrachten letzten Nacht von drei Generationen kommt es auch zur Annäherung von Mutter und Tochter, die zuletzt kaum mehr miteinander gesprochen hatten. Die Jurydiskussion entwickelte sich überaus kontroversiell. "Unglaublich präzise und genau" fand Klaus Kastberger den Text, den er eingeladen hatte. Neben ihm verteidigte Mithu Sanyal den "sehr beeindruckenden Text", der einen "frischen Umgang mit Extremsituationen" bringe. Sie lobte die "sehr originelle Erzählstimme" und nannte ihn "unglaublich elegant gemacht". Die übrige Jury hatte Einwände. Laura de Weck fand die Geschichte "auserzählt" und "abgeschlossen". Der Text biete keine Möglichkeit, diesen über das reale Geschehen auszuweiten und zu öffnen. "Sehr klischeehaft" und "zu konventionell" lautete das Urteil von Philipp Tingler. Mara Delius wünschte sich, "dass aus dem Moment des Abschieds mehr gemacht wird". Ähnlich Thomas Strässle: Der Text sei zart, still und liebevoll, wolle "eine Grenze beschreiben, nämlich den Tod, nähert sich dieser Grenze aber nicht".
Der von Strässle eingeladene Schweizer Roland Jurczok beschloss mit "Das Katangakreuz" den ersten Lesevormittag. In seinem Text beschäftigt sich die Erzählstimme mit "Papa", der offenbar viel erlebt und ebenso viel gesammelt hat - preußische Münzen, Salzbarren, Kaurischnecken, Teeziegel und Katangakreuze etwa. Auch Papa stirbt, und im Text erhält "Mama" immer stärkere Bedeutung. Die Jury war uneins. Tingler fand den Text "etwas unterwältigend" und ortete "schwerwiegende Mängel". Schwens-Harrant sah "Brüche, die hier keinen Sinn machen", und eine mangelnde Verortung der Erzählerposition. "Es ist keine Erzählung, es ist eine Erinnerung", erwiderte Laura de Weck. Lob gab es dagegen von Mara Delius, während Kastberger ein "zu liebliches Bild für den Vater" ortete.
Mit seiner Mutter, nämlich mit dem "Tag, an dem meine Mutter verrückt wurde", beschäftigte sich nach der Mittagspause der in Sarajevo geborene und seit 1994 in Deutschland lebende Autor Tijan Sila. Dieser Tag ist der 12. August 2007 und konfrontiert den zu seinen Eltern gekommenen Sohn mit seltsamen Aussagen seiner Mutter, die eine im Balkankrieg umgekommene Patentante sieht und ihn selbst zu einem Geständnis bewegen will: "Sag mir, wer dir den Auftrag gegeben hat." Später, so erfährt man, wird auch der Vater verrückt werden und alte Elektrogeräte anhäufen.
"Mir gefällt der Text ausgesprochen gut", meinte Kastberger und zog Parallelen zu dem letzten Text des Vormittags, aber auch zu den literarischen Verarbeitungen der Belagerung von Sarajevo durch Dzevad Karahasan. "Ein Text, der mich sehr umgehauen hat", urteilte Sanyal, eine "einzigartige Form von Erzählökonomie" entdeckte Delius. Lob gab es auch von de Weck und Schwens-Harrant, die es sehr gelungen fand, wie diese Familiengeschichte auf ein Größeres ziele: "Hier ist eine riesige Verrückung im Gange, und man fragt sich, wie das jemals heil werden kann." Tingler lobte die "Qualität des Tragikomischen" an dem von ihm eingeladenen Text, den auch Strässle "außerordentlich gut" fand.
Christine Koschmieder aus Deutschland beschloss mit "Nylfrance" den ersten Lesetag. Der Text führt ins Kassel der Wirtschaftswunderjahre und erzählt von einer energischen Geschäftsfrau, die mit Bademode "für die reife Frau", bei der das Material sich dem Körper anpassen soll und nicht umgekehrt, Erfolg haben möchte - ein schwieriger, doch prototypischer Aufbruch in eine neue, emanzipierte Zeit.
Thomas Strässle kritisierte, dass Harry, der Ehemann der Hauptfigur, zu klischeehaft gezeichnet sei. "Ich glaube dem Text durchgehend", sagte dagegen Sanyal, die die Zeit der 1950er- und 60er-Jahre großartig erfasst fand. Auch er finde den Text handwerklich ausgezeichnet gemacht, versicherte Kastberger, der jedoch mehr "historische Patina" als "aktuellen Sinn" darin fand. Schwens-Harrant lobte die Ambivalenz der Hauptfigur, Mara Delius sah genau dort einige offene Fragen. Fazit: Christine Koschmieder bleibt wohl im Rennen um einen der Preise.
Freitag und Samstag folgen die übrigen neun Lesenden, darunter morgen um 14.30 Uhr die Wienerin Kaśka Bryla und am Samstag die in Hamburg lebende Österreicherin Johanna Sebauer (11 Uhr) sowie zum Abschluss um 13.30 Uhr die in Wien lebende slowenische Musikerin und Autorin Tamara Štajner. Der Ingeborg-Bachmann-Preis und die weiteren Auszeichnungen werden dann am Sonntag vergeben.
3sat überträgt das Wettlesen sowie die Preisverleihung bereits zum 36. Mal. Der gesamte Bewerb wird zudem im Deutschlandradio und als Livestream auf der Homepage des Bachmann-Preises übertragen.
(S E R V I C E - https://bachmannpreis.orf.at/)