"Ich merke das in meiner Arbeit in den Schulen, in Asylheimen auf zwei Ebenen. Zu einem, wie distanziert die jungen Menschen gegenüber Deutschland und Europa geworden sind aufgrund des Nahost-Konflikts. Und wie gut und wie erfolgreich die Islamisten andererseits in den sozialen Medien genau diese Stimmung nutzen, um anzuwerben", erläutert Mansour im Gespräch mit der APA. Dabei wolle er deutlich betonen, dass das Thema Islamismus größer sei als das Thema Flüchtlinge - aber hier hätten die Integrationsbemühungen in den vergangenen drei, vier Jahren massiv abgenommen.

Wir stehen unter einer massiven Radikalisierungswelle

Das habe mit der Corona-Pandemie begonnen, ging weiter mit budgetären Kürzungen samt Rückgängen bei der ehrenamtlichen Tätigkeit - und zudem sei das Thema zeitweise nicht mehr so im Mittelpunkt gestanden. "Und ich sehe und ich sah, wie viele Leute einfach in Parallelwelten gegangen sind, die zwar physisch in Europa waren, aber emotional dort noch überhaupt nicht angekommen waren." Gleichzeitig sei die linke Politik nicht in der Lage gewesen, selbstbewusst ihre Werte zu vertreten und zu sagen, was "eine gelungene Integration emotionaler Art" bedeutet.

All das habe er seit Anfang 2024 etwa in Talkshows immer wieder zum Thema gemacht. Mansour beobachtete zudem auch starke Veränderungen an den Schulen: "Ich sage, vor dem 7. Oktober haben wir in Bezug zu Islamismus oder Antisemitismus drei, vier Anfragen bekommen. Nach dem 7. Oktober waren das hunderte pro Tag." Die Entwicklung zeigte sich dann auf der Straße, so Mansour unter Hinweis auf teilweise gewalttätige Pro-Palästinenser-Demos, hier hätten sich "Tausende sozusagen auch klar von der Mehrheitsgesellschaft und deren Werten" distanziert. All dies habe ihn, inklusive einer Verharmlosung von links, dazu bewegt, in aller Deutlichkeit zu sagen: "Die Lage ist lebensgefährlich. Wir stehen unter einer massiven Radikalisierungswelle, die natürlich auch im Extremfall in Terror umschlagen wird." Es sei traurig gewesen zu sehen, dass viele diese Realität nicht sehen wollten und hier Panikmacherei oder anderes geortet hätten.

Distanz zur Mehrheitsgesellschaft als Ziel

Auch die Islamisten hätten ihre Strategien nicht zuletzt aufgrund der erfolgreichen Arbeit der Strafverfolgungsbehörden in Deutschland und Österreich zuvor schon geändert, diese neuen Online-Strukturen seien auch seit Jahren bekannt. Hier sei mit professionellen Videos und ebensolchem Auftreten auf Hochdeutsch an Jugendliche über TikTok oder Instagram herangetreten worden, um so deren Themen anzusprechen, sie für sich zu gewinnen - mit dem Ziel, diese auf Distanz zur Mehrheitsgesellschaft zu bringen.

"Der 7. Oktober wirkte dann wie Tag X. Islamisten brauchen diese emotionale Stimmung und diese aufgeheizte Atmosphäre", so Mansour - das sei dann ein sehr einfaches Spiel gewesen. Die Online-Strategie unterscheide sich von IS und Hinterhof-Moscheen, die den Sicherheitsapparaten noch Möglichkeiten gaben zu identifizieren, zu beobachten und auch zu verhindern. Mit der neuen Welle würden die radikalen Inhalte kaum nach außen getragen und im Dunkelfeld bleiben - ein Verhindern von Terroranschlägen werde so natürlich schwierig.

Mansour fordert Evaluierung der Integrationsarbeit

Es brauche daher jetzt Gegenstrategien in den sozialen Medien, man müsse bei Jugendlichen ein Verständnis für komplexe Sachverhältnisse erzeugen, für Demokratie und Menschenrechte - das wäre das Allerwichtigste. "Zweitens, solange ein Chaos in der Migrations- bzw. Integrationspolitik herrscht, werden wir immer Leute verlieren." Es müsse begriffen werden, dass die Integrationsarbeit enorm viele Ressourcen benötige. Es brauche Begleitung und Betreuung, die insbesondere auch etwaige psychische Erkrankungen bei Migranten und Flüchtlingen erfordern würden. "Und dann müssen wir wissen, wie viel kann Österreich, wie viel kann Deutschland in einem Jahr eigentlich begleiten?" Denn alles, was diese Ressourcen übersteige, führe dann zu Leuten, die wir an die Radikalisierung verlieren, "und zwar systematisch immer wieder verlieren".

Es gelte, die Integrationsarbeit insgesamt zu evaluieren, es gehe nicht um ein finanzielles Problem. Es gebe im Umfeld der Integration Akteure, die Menschen nicht ernst nehmen, die keine Wertevermittlung betreiben, sondern teilweise sagen, "egal was euch passiert, das passiert nur wegen der Mehrheitsgesellschaft". Auch im Fall von unbegleiteten Flüchtlingen gelte es anzusetzen, da Einsamkeit ebenfalls ein Weg in die Radikalisierung sein kann. Es brauche eine Antwort auf das Bild von Deutschland oder Österreich, das über soziale Medien vermittelt wird, "solange diese Leute nicht begleitet werden, solange wir nicht dagegen arbeiten, sollte es uns nicht wundern, dass diese Leute irgendwann in ihrer Anfälligkeit und in ihrer Labilität ein gefundenes Fressen für Radikale werden".

Welle noch nicht zu Ende

Ähnlich wie im Fall von Sekten suche sich jede radikale Ideologie labile Menschen, die ansprechbar und manipulierbar sind, Leute, die nicht angekommen sind oder Jugendliche ohne Selbstwertgefühle, "da sehe ich natürlich Parallelitäten auch zu Rechtsextremismus, zu Linksextremismus, zu Sekten und vielem mehr". Die jetzige Welle werde laut Mansour dieses Jahr unser Leben noch massiv bestimmen und werde noch länger dauern, insbesondere "wenn wir nicht anfangen, Jugendliche für uns zu gewinnen und das Thema Migration lösen, indem wir andere, realistische und machbare Wege gehen". Und mit jedem weiteren islamistischen Anschlag werde sich infolge auch die extreme Rechte ebenfalls weiter radikalisieren, denn beide Seiten "brauchen sich auch gegenseitig".