Die im Fachmagazin "Hydrology and Earth System Science" veröffentlichte Untersuchung reiht sich in eine Riege mehrerer wissenschaftlicher Veröffentlichungen ein, die den Alpenraum im Zentrum großer Veränderungen sehen. So hat etwa die an der Universität Basel tätige österreichische Ökologin Sabine Rumpf anhand von Aufnahmen aus dem All von 1984 bis 2021 eine starke Vegetationszunahme und ein leichtes Minus bei der Schneebedeckung über 1.700 Metern registriert. Wissenschafter von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG), von MeteoSchweiz und Meteo-France haben kürzlich im Fachjournal "Climate Dynamics" gezeigt, dass durch die Erwärmung vor allem unterhalb von rund 1.500 Metern Seehöhe öfter Regen statt Schnee fallen bzw. der Schnee schneller wieder schmelzen wird.

Studienleiter Michael Matiu von Eurac Research in Bozen hat nun regionale Klimamodelle mit täglichen hochaufgelösten Satellitendaten aus insgesamt rund 20 Jahren gefüttert. Von der jeweiligen Schneelage ausgehend wurden dann die Prognosen unter verschiedenen Klimaszenarien in Richtung Ende des Jahrhunderts gerechnet.

Einmal gingen Matiu und der Ko-Autor der Studie, Florian Hanzer von der Universität Innsbruck, von einer starken Erwärmung von vier bis fünf Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau im von Frankreich bis Ostösterreich und von Süddeutschland bis Norditalien, Slowenien oder Südfrankreich reichenden Alpenbogen aus. Dieses Szenario würde laut Experten eintreten, wenn keine Anstrengungen zum Klimaschutz mehr ergriffen würden, sagte Matiu im Gespräch mit der APA.

Auf der anderen Seite stehen Modellierungen zu Entwicklungen, die den Pariser Klimazielen mit der angepeilten Erwärmung von 1,5 bis zwei Grad Celsius entsprechen. Unter dieser Annahme würden laut dem Wissenschafter in niedrigen Lagen rund ein Viertel der Schneetage verloren gehen. In rund 1.500 Metern Seehöhe gäbe es dann um ein Fünftel weniger Tage mit Schneebedeckung, in noch höheren Lagen wäre mit einem Verlust von rund einem Achtel oder rund 25 Tagen zu rechnen.

Bleiben die Treibhausgasemissionen aber ungebrochen hoch, würden auf rund 2.500 Metern gleich 76 Tage abhanden kommen, so die neuen Berechnungen. Auf ungefähr 500 Metern Seehöhe würde sich die Anzahl der Schneetage um 14 auf nur noch fünf verbleibende reduzieren. Würden die Emissionen hingegen eingedämmt, könnten dort der Untersuchung zufolge rund zehn Tage mit Schneebedeckung quasi gerettet werden.

Die Situation der nördlichen und östlichen Alpen hat Matiu zwar nicht detailliert simuliert, es sehe aber danach aus, dass der österreichische Teil des Gebirges bei den Schnee-Reduktionen etwas besser davonkäme. "Die Änderungen sind für Deutschland und Österreich geringer als für Italien und Frankreich", was vor allem die Effekte der starken Erwärmung betreffe. Gehe man allerdings von einem Plus von "nur" 1,5 bis zwei Grad aus, sind der Norden und der Süden ähnlich betroffen. Die Schneetag-Verluste lägen dann je nach Höhenlage recht ähnlich bei ungefähr 15 bis 30 Tagen.

Weniger Schneetage hätten jedenfalls Auswirkungen auf die Wasserverfügbarkeit auch in Regionen abseits der Berge, da diese vielfach eng mit der Schneeschmelze in alpinen Gebieten verflochten ist. Selbst wenn viele Skigebiete weiter Kunstschnee produzieren könnten, käme es bei Wasser- und Energiemangel öfter zu Konkurrenzsituationen. Neben wirtschaftlichen Effekten würde die Umwelt der Alpen voraussichtlich massiven Verwerfungen ausgesetzt. Daher gelte es, die Veränderungen durch Klimaschutz möglichst zu begrenzen, so der Wissenschafter.

(S E R V I C E - )