"Dieser Vorfall ist anders als das, was wir in den vergangenen Jahren gesehen haben", sagte der scheidende Ministerpräsident Yair Lapid nach einer Dringlichkeitssitzung mit der Polizei- und Militärspitze. Man werde die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen.

Die erste Explosion ereignete sich an einer Haltestelle am Stadtrand, dabei wurden ein 16-Jähriger getötet und elf Menschen verletzt. Kurz darauf gab es Berichte über eine weitere Explosion an einer Haltestelle in Ramot nördlich der Stadt. Medienberichten zufolge gibt es Hinweise darauf, dass die Sprengsätze aus der Ferne gezündet wurden. Um möglichst viele Opfer zu verursachen, sollen diese demnach mit Nägeln und Schrauben gefüllt gewesen sein.

Der israelische Abgeordnete Joav Ben-Zur von der strengreligiösen Shas-Partei sprach von einer "Rückkehr zum Horror und den schweren und blutigen Tagen des zweiten Palästinenseraufstands Intifada". Israels Abschreckungskraft sei kaum noch existent. "Jeden Tag erhebt der Terror wieder sein Haupt", sagte er.

Der rechtsextreme Politiker Itamar Ben-Gvir sagte am Ort der Explosion am Stadtrand von Jerusalem, die Verantwortlichen müssten einen "Preis für den Terror" zahlen. Er forderte unter anderem eine Rückkehr zu gezielten Tötungen und eine Verschärfung der Haftbedingungen für militante Palästinenser in Israel. "Wir müssen so schnell wie möglich eine Regierung bilden", sagte Ben-Gvir, der derzeit bei den Koalitionsverhandlungen das Ministerium für innere Sicherheit für sich fordert. "Der Terror wartet nicht." Das Bündnis von Ben-Gvir und dem Politiker Bezalel Smotrich wurde bei der Parlamentswahl in Israel am 1. November drittstärkste Kraft.

Die radikal-islamischen Hamas, die im palästinensischen Gazastreifen an der Macht ist, begrüßte die Anschläge, bekannte sich aber nicht dazu. Ihr Sprecher Abdel-Latif al-Kanua sagte, die Bombenanschläge seien "das Ergebnis der Verbrechen der Besatzung und der Siedler". Jüdische Siedlungen in den besetzten Gebieten im Westjordanland und in Ost-Jerusalem werden von den Vereinten Nationen nicht anerkannt und als Verstoß gegen das Völkerrecht eingestuft.

Eine Sprecherin des Weißen Hauses bot der israelischen Regierung die Unterstützung der USA bei der Aufklärung an und drückte ihr Beileid aus.

Vergangene Woche waren bei einem Anschlag nahe einer israelischen Siedlerstadt im Westjordanland drei israelische Männer getötet worden. Ein 18-jähriger Palästinenser hatte dem Militär zufolge an zwei Orten mehrere Menschen mit einem Messer angegriffen.

In diesem Jahr starben bereits mindestens 26 Menschen durch Anschläge in Israel, Ost-Jerusalem und dem Westjordanland, darunter auch mehrere Soldaten und Sicherheitskräfte. Seit dem Frühjahr unternimmt Israels Armee im besetzten Westjordanland auch vermehrt Razzien.

Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Ramallah wurden dieses Jahr mehr als 140 Palästinenser in Zusammenhang mit Militäreinsätzen, bei Zusammenstößen oder eigenen Anschlägen getötet. Es gibt zudem zunehmend Berichte über Gewalt israelischer Siedler gegen Palästinenser, israelische Aktivisten oder Soldaten.

Für Aufsehen sorgten am Mittwoch zudem Berichte über die Entführung der Leiche eines israelischen Staatsbürgers aus einem Krankenhaus in der Palästinenserstadt Jenin. Der 18-jährige Zivilist sei zuvor bei einem Autounfall ums Leben gekommen, teilte die israelische Armee mit. Man erwarte nun, dass sie in einem humanitären Akt an die israelischen Behörden übergeben werde. Die Stadt Jenin gilt als eine Hochburg militanter Palästinenser.