Die Einschätzung stützt sich unter anderem auf eine Untersuchung der von ihr und anderen Expertinnen und Experten gegründeten internationalen Plattform Alerta Venezuela für Menschenrechte in Venezuela aus dem Jahr 2023, die nach Ansicht der Expertin weiterhin volle Gültigkeit hat. "Das ist eine Forschung, die wir 2023 gemacht haben, und sie ist noch immer relevant", sagt sie.

Untersucht wurden bewaffnete irreguläre Gruppen in Venezuela - allerdings nicht jede Form von Gewaltakteuren. "Nicht irgendeine bewaffnete Gruppe, sondern solche, die Territorium kontrollieren und die Fähigkeit zum Regieren haben", erklärt sie.

Das Ergebnis sei alarmierend gewesen: "Damals gab es diese Gruppen in 22 von 24 Bundesstaaten - also praktisch im gesamten Land." Dabei handle es sich nicht um temporäre Präsenz. "Sie sind dauerhaft dort. Das sind keine Gruppen, die zuschlagen und wieder verschwinden."

Besonders problematisch sei die Rolle bewaffneter Gruppen aus Kolumbien. "In Venezuela sind sie keine Gruppen, die dem Staat die Macht streitig machen", sagt die Politologin. "In Venezuela sind sie Verbündete der Regierung."

In mehreren Bundesstaaten seien paramilitärische Aktionen dokumentiert worden, darunter sogenannte soziale Säuberungen. "Das gab es in Venezuela zuvor nicht", sagt sie. "Was in Kolumbien als Guerilla gilt, agiert in Venezuela als paramilitärische Gruppe und erledigt diese schmutzige Arbeit für die Regierung."

Im Rahmen der Studie wurden Bewohnerinnen und Bewohner von Gebieten befragt, die von bewaffneten Gruppen kontrolliert werden. Die Frage lautete, was im hypothetischen Fall eines Wahlsiegs der Opposition geschehen würde.

"Die Antwort war immer dieselbe: Chaos", sagt die Expertin. Einige hätten sogar von der Möglichkeit eines bewaffneten Konflikts gesprochen. "Das wurde uns 2023 gesagt - und das ist genau die Sorge, die wir heute haben."

"Das ist ein Thema, das seit Jahren existiert", sagt die Politologin. "Aber niemand schenkt ihm Aufmerksamkeit." Heute erscheine dieses Szenario näher als zuvor.

Die mögliche Absetzung Maduros sei "nicht das Ende des Chavismus". Illegale Goldförderung, Drogenlabore und bewaffnete Netzwerke würden nicht verschwinden. "Diese Strukturen geben ihre Macht nicht freiwillig ab."

Die Politologin betont, dass ihre Analyse keine Relativierung der aktuellen Lage sei. "Wir sagen nicht, dass die Situation jetzt ruhig ist", sagt sie. "Es gibt bereits Chaos."

Der Unterschied liege darin, dass bewaffnete Gruppen derzeit mit der Regierung verbündet seien. "Deshalb gibt es keinen offenen Konflikt." Ein Machtwechsel könne dieses Gleichgewicht verändern. "Wenn diese Gruppen nicht mehr verbündet sind, könnten wir in ein Szenario eines bewaffneten Konflikts geraten."

"In Kolumbien waren auch die Guten mehr", sagt sie. "Und trotzdem gab es über 60 Jahre internen bewaffneten Konflikt." Schon wenige bewaffnete Akteure könnten Chaos und Unregierbarkeit auslösen.

Die Gründe sieht sie in neuen Gesetzen gegen die Zivilgesellschaft und im Wegfall internationaler Finanzierung. "Die Mehrheit der Organisationen hat ihren rechtlichen Status verloren", sagt sie. Hinzu komme der Stopp von Fördermitteln aus den USA. "Die Zivilgesellschaft ist intern und extern schwer getroffen."

Die aktuelle Situation beschreibt sie als stark polarisiert - jedoch weniger zahlenmäßig als rhetorisch. "Es ist entweder schwarz oder weiß", sagt sie. "Wenn du Trump kritisierst, heißt es sofort, du stehst auf der Seite Maduros."

Öffentlich äußerten sich nur wenige. "Die meisten schweigen aus Angst", sagt sie. Nach Angriffen auf Boote hätten sich kaum Menschenrechtsorganisationen geäußert. "Viele haben Angst."

Für die Bevölkerung seien geopolitische Fragen oft zweitrangig. "Die Menschen fragen sich nicht, was die USA tun", sagt sie. "Sie fragen sich, wie bis zum Monatsende Essen auf den Tisch kommt."

Dass es keine Panikkäufe gebe, sei kein Zeichen von Ruhe. "Die Leute haben schlicht kein Geld", sagt sie. "Sie leben von Tag zu Tag."

(Das Gespräch führte Sara Meyer/APA)