Ost-Ghouta laut Miliz-Kommandant geteilt

Die syrische Armee hat einen Keil in die Rebellen-Enklave Ost-Ghouta getrieben und sie nach Angaben einer regierungstreuen Miliz faktisch zweigeteilt. Die aus Osten vorstoßenden Kämpfer stünden davor, sich mit Einheiten im Westen zusammenzuschließen, sagte ein Kommandant der Miliz am Donnerstag. Ein Rebellenvertreter bestritt diese Darstellung.

© APA (AFP)
 

Ein noch nicht von regierungstreuen Kräften besetzter, etwa ein Kilometer breiter Gebietsstreifen sei eine No-Go-Area, sagte der Milizen-Kommandant. Sie liege in direkter Schusslinie der Regierungstruppen und könne von den Aufständischen nicht mehr genutzt werden. Daher sei die Enklave militärisch geteilt. Ähnliches hatte am Mittwoch auch die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtet.

Zuletzt gab es heftige Kämpfe am Rand von Douma sowie um die Ortschaften Hammuriyeh und Jisrin. Ziel der Regierungstruppen ist es laut der Beobachtungsstelle, Ost-Ghouta in der Mitte zu zerteilen, um die Gebiete unter Kontrolle der Rebellengruppe Jaish al-Islam im Norden von den Gebieten von Faylaq al-Rahman im Süden zu trennen.

Ein Sprecher der Rebellengruppe Faylaq al-Rahman wies hingegen die Berichte über eine Teilung des Gebietes östlich von Damaskus zurück. Rebellenvertreter kündigten an, ihre Taktik zu ändern. In den verlorenen Gebieten würden sie sich auf einen Guerilla-Kampf einstellen, um den Vormarsch der Regierungstruppen aufzuhalten.

Wegen der Kämpfe sagte das Rote Kreuz einen geplanten Hilfskonvoi nach Ost-Ghouta ab. Helfer und Oppositionsvertreter warfen der Regierung den Einsatz von Chlorgas vor. Der UNO-Sicherheitsrat wiederholte seine Forderung nach einer 30-tägigen Feuerpause im gesamten Land.

Seit Beginn der massiven syrischen Militäroffensive auf Ost-Ghouta kamen nach Angaben der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen bereits mindestens 1.005 Menschen ums Leben. Zudem seien 4.829 Menschen seit etwa Mitte Februar verletzt worden.

"Jeden Tag hören wir von mehr Hoffnungslosigkeit, während unsere medizinischen Kollegen die Grenzen dessen erreichen, was eine Person ertragen kann", sagte die Generaldirektorin von MSF, Meinie Nicolai, am Donnerstag. 15 der 20 von MSF unterstützten Krankenhäuser und Kliniken seien im Zuge der Offensive beschossen oder bombardiert worden.

Die syrische und die mit ihr verbündete russische Regierung begründen ihre Angriffe damit, den Beschuss der Hauptstadt durch Rebellen zu stoppen. Nach Angaben der Beobachtungsstelle kamen dabei seit Mitte Februar 27 Menschen ums Leben, die staatlichen Medien sprechen von mehr Toten. Nach Informationen der Beobachtungsstelle wurden durch die syrische Militäroffensive in den vergangenen 18 Tagen knapp 900 Zivilisten getötet, allein 91 am Mittwoch. In der Region leben laut Vereinten Nationen rund 400.000 Menschen.

Die Regierung wies Vorwürfe zurück, Chlorgas einzusetzen. Russland und Syrien beschuldigen ihrerseits die Rebellen, Giftgas zu verwenden. Helfern der sogenannten Weißhelme zufolge waren bei einem Angriff am Mittwoch etwa 50 Zivilisten von Chlorgas betroffen. Ärzte gaben die Zahl mit mehr als 100 an. Der französische Außenminister Jean-Yves Le Drian bekräftigte die Entschlossenheit seines Landes zu handeln, sollte nachgewiesen werden, dass Menschen durch Chemiewaffen getötet wurden. Wie eine mögliche militärische Intervention aussehen könnte, sagte er aber nicht.

Zugleich rief Le Drian Russland und den Iran auf, ihren Einfluss auf den syrischen Präsidenten Bashar al-Assad geltend zu machen und ihn zur Einhaltung der von der UNO geforderten 30-tägigen Feuerpause zu drängen. Das UN-Nothilfebüro (Ocha) appellierte an die Kriegsparteien, Hilfskonvois ungehinderten Zugang zu gewähren. Am Montag hatte ein Transport das Gebiet erreicht. Über ein Dutzend Lkw konnten aber nicht entladen werden, weil der Konvoi wegen anhaltender Luftangriffe vorzeitig das Kampfgebiet wieder verließ.

Ein syrischer Militärvertreter sagte, es sei ein neuer Fluchtkorridor für die Zivilbevölkerung eingerichtet worden. Assads Verbündeter Russland hat allen Einwohnern und Rebellen freien Abzug zugesichert. Bisher hat jedoch niemand davon Gebrauch gemacht. Eine von Russland verkündete tägliche mehrstündige Feuerpause wird schon seit Dienstag nicht mehr eingehalten.

Der UN-Sicherheitsrat beriet am Mittwoch drei Stunden hinter geschlossenen Türen über das Scheitern einer am 24. Februar beschlossenen Waffenruhe für Syrien. Ein Diplomat sagte, der UN-Syrienbeauftragte Staffan de Mistura habe vor dem Rat angeboten, sich gegenüber Russland für eine Vereinbarung zum Abzug der Rebellen aus Ost-Ghouta einzusetzen.

Der syrische UN-Botschafter in Genf, Hussam Aala, rechtfertigte die Angriffe in Ost-Ghouta. Sie stünden im Einklang mit internationalem humanitärem Recht und hätten Terror-Organisationen zum Ziel. Die Regierungstruppen hätten sich an eine tägliche Feuerpause gehalten, die Terroristen hätten jedoch pausenlos Damaskus beschossen. Staatlichen Medien zufolge öffnete die syrische Regierung für Zivilisten einen zweiten Fluchtkorridor im Süden der Enklave.

Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu erklärte bei einem Besuch in Wien, der Militäreinsatz seines Landes gegen die kurdische YPG-Miliz in der nordsyrischen Region Afrin werde so schnell wie möglich abgeschlossen. Die Regierung in Ankara sieht die YPG als Teil der als Terrororganisation eingestuften PKK. In Syrien ist die YPG mit den USA im Kampf gegen die Islamistenmiliz IS verbündet.

Zwischen 22 Uhr und 8 Uhr ist das Erstellen von Kommentaren nicht möglich.
Danke für Ihr Verständnis.