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Erfolg für Schilling-Uraufführung am Landestheater NÖ

Als "Theaterprojekt" war die Uraufführung eines neuen Stücks von Arpad Schilling (Co-Autorin: Eva Zabezsinszkij, Übersetzung: Anna Lengyel) am Landestheater NÖ in St. Pölten fast bescheiden angekündigt worden. Herausgekommen ist ein bitterböses, treffsicheres und kluges Fünfpersonenstück, das gekonnt mit Klischees spielt. Am Freitagabend erzielte "Erleichterung" einen beachtlichen Publikumserfolg.

 

Felix ist Schriftsteller und befindet sich in einer Schreibkrise. Nicht schon wieder so ein lebensferner Protagonist, denkt man zunächst - wie vorschnell! Felix hat auch eine Familie: seine Frau Regina ist ehrgeizige Vizebürgermeisterin und leitet ein Flüchtlingsheim, seine Tochter Johanna maturiert gerade, sein übermächtiger Vater Wolfie erweist sich als übermächtiger Manipulierer. Und dann gibt es noch eine Stimme aus dem Off, aus dem Publikum kommend, die konkrete und zunehmend zentrale Gestalt annimmt. 

Dieser junge Mann heißt Lukas und ist körperlich schwer beeinträchtigt, seit er als Bub von einem fahrerflüchtigen Autolenker überrollt worden ist. Der Lenker war Felix - aber das weiß Lukas nicht. Tim Breyvogel liefert als Lukas eine bemerkenswerte Bravourleistung. Wie er, der verhinderte Fußballer, wie ein verletzter großer Vogel über die Bühne watet, das Bewegungsrepertoire eines Körperbehinderten plötzlich in eine irrwitzige Choreografie umsetzt, wie er mimisch auf alle Verlockungen und Zurückweisungen reagiert, das hat schon ganz große Klasse.

Als bevormundetes Vatersöhnchen Felix bietet Michael Scherff die sehr solide Charakterstudie eines schwachen, sich gedemütigt fühlenden Menschen, der zwar irgendwann durchdreht und kurz rebelliert, aber dabei letztlich nur seine eigenen unangenehmen Machtfantasien zum Vorschein bringt. Bettina Kerl als Regina - ideal besetzt - spielt genau jenen Typ von Frau, unter dessen liberaler und sensitiver Oberfläche sich herrschsüchtige Attitüde und Verbissenheit verbergen. Cathrine Dumont gibt den teils ruppigen, teils sinnlichen Spätbackfisch Johanna, der Lukas verführt und damit die fatale Spirale der Katastrophe in Gang setzt, Helmut Wiesinger ist ein rustikal-väterlicher, fast gemütlicher Wolfie. 

Eine österreichische bürgerliche Familie wird dargestellt, wie sie in fast jedem anderen europäischen Land ebenso anzutreffen sein könnte. Da gibt es keine billigen aktuellen Anspielungen, wird nichts breit ausgewalzt und zeigefingernd in Schwarzweiß kommentiert, und doch werden das Politische im Privaten und das grausam erbärmliche Scheitern ethischer Ansprüche mitten im Alltag verdeutlicht. Am Ende sitzt die Familie scheinbar friedlich am Tisch vereint, den Felix noch kurz davor in seinem Tobsuchtsanfall umgeworfen hatte. Lukas ist tot, aber diesmal ist Felix der Unwissende. Und er hat endlich auch eine Idee für seinen neuen Roman. Die künstliche Idylle scheint wiederhergestellt - aber wie lange wird sie halten?

In einem Interview im Programmheft erläutert Co-Autorin Eva Zabezsinszkij die gemeinsame Arbeitsweise und stellt klar: "Wir denken uns die Story, die Wendungen und die Figuren zusammen aus, aber den Text selbst schreibe ich zu 90 Prozent." Dann übernimmt Schilling: eine Kooperation, die sich - wie schon bei "Eiswind" - sichtlich als sehr produktiv erweist. Der ungarische Autor und Regisseur, in seiner ungarischen Heimat zum Staatsfeind gestempelt, hat in St. Pölten mit dieser vielschichtigen Parabel über den Zusammenhang von Politik und Privatheit für eine der spannendsten und gesellschaftlich relevantesten Produktionen der letzten Jahre gesorgt.

(S E R V I C E - Landestheater NÖ, St. Pölten: Arpad Schilling / Eva Zabezsinszkij: Erleichterung. Regie: Arpad Schilling. Mit Michael Scherff, Bettina Kerl, Tim Breyvogel, Cathrine Dumont, Helmut Wiesinger. Weitere Vorstellungen bis 17. Februar 2018, Gastspiele an der Bühne Baden am 23. und 24. Jänner 2018.Information und Tickets: Tel. 02742/908080-600, )

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