Unlängst bekam ich Post von einer Leserin. Ein Kommentar von mir hatte sie erbost. Zornig empfahl sie mir als Korrektiv zum, wie sie es nannte, medialen Einheitsbrei die Lektüre der Schweizer Weltwoche.
Ich schrieb ihr zurück, dass ich das Magazin gut kenne, für meine Meinungsbildung aber neben rechten auch bürgerliche, liberale und erklärt linke Blätter lese.
Antwort bekam ich keine. Trotzdem will ich die kritischen Zeilen nicht einfach so abtun. Denn in ihnen kommt eine Irritation zum Ausdruck, die wir als Journalisten ernst nehmen sollten, wenn wir uns selber ernst nehmen. Es ist das um sich greifende Gefühl vieler, in den klassischen Medien heute zu politisch brisanten Themen keine oder, wenn überhaupt, dann nur in sehr eingeschränkter Weise abweichende Meinungen zu finden.
Egal ob Trump, die Migration, der Klimawandel oder eine gendergerechte Sprache: Journalismus wird heute allzu oft mit Haltungsturnen verwechselt, das in der Gegenrede vor allem anderen ein Ärgernis sieht.
Das gilt freilich nicht nur für die Publizistik. Es gilt für unsere Debattenkultur insgesamt. Wir leben in unduldsamen Zeiten, wollen uns mit dem unbequemen Anderen immer weniger konfrontieren und verhalten uns auf der permanenten Suche nach Selbstbestätigung nicht selten wie ein selbstbefruchtender Organismus, der immer nur mehr vom Gleichen hervorbringt. Der gepflegte, anregende Dissens, der nicht auf das Niedermachen des Gegenübers aus ist, sondern im freien Wettstreit der Ideen auf das bessere Argument setzt, hat da einen schweren Stand.
Aus dem wachsenden Unbehagen darüber kann man wie Roger Köppel, der Herausgeber der Weltwoche, ein Geschäftsmodell machen, indem man den Widerspruch zum Prinzip erhebt. Das kann eine Zeit lang unterhaltsam sein, aber auf Dauer wird es, weil alles so schrecklich vorhersehbar ist, fad und intellektuell reizlos.
Was uns fehlt, ist eine robuste Streitkultur, die Rede und Gegenrede als selbstverständlich voraussetzt und nicht in jedem noch so kleinen Widerspruch sofort die große persönliche Kränkung wittert. Der Demokratie und dem Meinungspluralismus im Land würde es nicht zum Schaden gereichen. Und es wäre ein guter Vorsatz für den heutigen Tag. Was meinen Sie?