Pressestimmen Medien über Kurz-Rücktritt: "Hochmut kommt vor dem Fall"

Am Sonntag kommentierten Zeitungen die Regierungskrise in Österreich und den Rücktritt von Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP):

×
Artikel gemerkt

Gemerkte Artikel können Sie jederzeit in Ihrer Leseliste abrufen. Zu Ihrer Leseliste gelangen Sie direkt über die Seiten-Navigation.

Zur Leseliste
© 
 

"Süddeutsche Zeitung" (Online-Kommentar):

"Schamlos hat Kurz alles getan, um an die Macht zu kommen. Er hat aktiv Projekte der Regierung torpediert - sogar als deren Mitglied. Für sehr viele Menschen in Österreich ist Kurz deshalb mehr als untragbar geworden. Das Bild, das sich aus den bekanntgewordenen Chats ergibt, zeigt einen Menschen, der keine Moral hat und dem Werte nichts bedeuten. Einen Politiker, der mit seinen Helfern seinen politischen Aufstieg ohne Skrupel vorbereitet und umgesetzt hat. (...) Die Regierungsarbeit kann zwar fortgesetzt werden, weil die Forderung der Grünen nach einer "untadeligen Person für das Kanzleramt" erfüllt wurde. Aber das System bleibt - und dazu gehört auch das für Aufklärung nicht gerade förderliche sehr enge Verhältnis von Politik und Medien.

(...) Schwer wiegt, dass Kurz alles getan hat, um den Rechtsstaat und die Gewaltenteilung in Österreich zu diskreditieren. Es gehört zur Ironie der jüngsten Geschichte, dass nun Kurz im Parlament sitzt - eine Institution, der er bisher erkennbare Abneigung entgegengebracht hat. Aus persönlichen Gründen hat er die Justiz attackiert und deren Unabhängigkeit infrage gestellt - und damit das Vertrauen in den Rechtsstaat unterhöhlt.

Im Lichte der jetzigen Erkenntnisse wird auch klar, warum die von Kurz geführte Regierung im vergangenen Frühjahr vorgeschlagen hat, Hausdurchsuchungen zu verbieten. Sein Verbleib an den Schalthebeln der Macht bewirkt, dass mit ihm auch das System Kurz bleibt. Aber aus einer Lichtgestalt ist eine dubiose politische Figur geworden. Und es zeigt sich: Hochmut kommt vor dem Fall."

"Neue Zürcher Zeitung am Sonntag":

"Es war die Entscheidung, die eigentlich am naheliegendsten war und Sebastian Kurz doch besonders undenkbar erschien: ein Rücktritt als Kanzler nach den so schwerwiegenden Vorwürfen der Staatsanwaltschaft gegen ihn und seine engsten Mitarbeiter. (...)

Der junge Kanzler wollte das erst nicht einsehen. Drei Tage hat er gebraucht für den Sinneswandel. So lange lagen die polizeilichen Durchsuchungen des Kanzleramts und des Parteisitzes seiner ÖVP zurück. Aber Kurz, der Shootingstar der Bürgerlichen in Europa, hat sich am Ende zu diesem Schritt durchgerungen: Staatsräson über Parteiräson, das Wohl des Landes über den eigenen Ehrgeiz und den Willen zur Machtausübung. Kurz hat staatsmännische Reife bewiesen. Gerne hätte man sie auch vorher gesehen, während der zehn Jahre, in denen Kurz hohe Regierungsämter bekleidet hat. Dass er sich nun als Märtyrer stilisiert und an ein Comeback glaubt, schmälert die Größe der Entscheidung zum Rücktritt nicht."

"Die Welt" (Berlin):

"Im Nationalrat wird in Paragrafen gegossen, was auf Regierungsbänken beschlossen wird. Ein Clubchef ist der Rammbock einer Partei. Ein Rücktritt sieht anders aus. Vor allem, wenn ein zwar durchaus charmanter und schlauer Karrierediplomat das Amt übernehmen soll, dieser allerdings keinerlei politisches Profil und einem Hang zum Ablesen ihm vorgelegter Positionen hat.

Und so ist das, was Kurz am Samstagabend zur besten Sendezeit direkt in die Wohnzimmer der Österreicher sprach, nicht mehr als ein Manöver. Eines, das Druck von ihm selbst nimmt und ihn angesichts einer drohenden Lawine an Korruptions-Anklagen vor allem in die parlamentarische Immunität rettet.

Was da nicht ist, ist Einsicht. Kurz hat eben nicht die Konsequenzen aus dem gezogen, was ihm vorgeworfen wird. Er hat durchwegs die Position weiter getragen, dass er im Zentrum einer Intrige stehe. Er hat sich aus der Schusslinie gerettet, nicht mehr und nicht weniger. Die Koalition kann damit weiter bestehen. Mit Kurz als Schattenkanzler."

"Corriere della Sera" (Mailand):

"Das Märchen Sebastian Kurz , dem Wunderkind der Politik, der Wien verzaubert hat, ist zu Ende. Der Prinz mit dem Porzellangesicht, der aus dem Nichts gekommen ist und eine ehrwürdige Partei wie die ÖVP zu einem zahmen Instrument seines politischen Aufstiegs gemacht hat, hatte einem satten, reichen und verschlafenen Land den Nervenkitzel des Wandels und einer neuen politischen Grenze angeboten".

"Il Messaggero" (Rom):

"Wer glaubt, dass die Karriere des jungen österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz hier endet, der irrt sich gewaltig: Der Rücktritt könnte nur ein Schritt zur Seite sein. Kurz hat nämlich schon einmal die Macht zurückerobert, nachdem er wegen des Sturzes seines damaligen rechtsextremen Verbündeten Heinz Christan Strache kurzzeitig das Kanzleramt verlassen hatte. Der 35-Jährige verlässt auch diesmal die Politik nicht: Er bleibt Fraktionsvorsitzender und Vorsitzender der ÖVP, zwei wichtige Funktionen, mit denen er die politische Agenda weiterhin auf entscheidende Weise beeinflussen wird".

"Il Giornale" (Mailand):

"Mit Alexander Schallenberg ist die Führung der österreichischen Regierung in die Hände eines erfahrenen Diplomaten übergegangen. Es wird viel Diplomatie nötig sein, um sicherzustellen, dass die ÖVP an der Führung der Regierung bleibt, während man darauf wartet, dass Kurz das Kapitel des neuen Skandals abschließt, in den er involviert ist, und an die vorderste Front zurückkehrt. Vorausgesetzt, er wird nicht im Alter von 35 Jahren von jenen endgültig in den Ruhestand geschickt, die er in seiner eigenen Partei beseitigt hat und die immer noch auf Rache aus sind".

Zwischen 0 Uhr und 6 Uhr ist das Erstellen von Kommentaren nicht möglich.
Danke für Ihr Verständnis.

wischi_waschi
0
0
Lesenswert?

Furchtbar

DAS Bild im Ausland.......
Ich schäme mich in Grund und Boden.

helmutmayr
0
2
Lesenswert?

Das Gesamtbild

das Kurz hinterlässt ist grausam. Was weiss er, das die ÖVP nicht von Ihm lassen kann? Oder ist es schlicht die Machtgier der Partei die Kurz jetzt in die Immunität entließ um selbst zu überleben?

Jelineck
46
8
Lesenswert?

Etwas seltsam,

dass Sie genau diese eine Zeile in der Überschrift zitieren. Lässt auf Vorverurteilung schließen.

Lepus52
9
40
Lesenswert?

Es ist seltsam, dass Sie nicht verstehen!

Warum sollte er und seine Truppe Einsicht und gar Buße tun? Das ist doch nur die Ansicht von alten Teppen (Zitat). Moral und Anstand sind keine politische Kategorie für diese Gang, das ist maximal etwas um den Pöbel (Zitat) ruhig zu stellen.

Lupoo
2
0
Lesenswert?

Und Tiere zu quälen,

habens vergessen.
Ich liebe meine Bagage ( Koffer ).

Pelikan22
18
10
Lesenswert?

Wir haben offensichtlich noch eine Partei!

Die mischt sich überall ein, macht gegen die eine oder andere Partei Stimmung (je nach coleur) und versucht sich auch in die Personalpolitik einzumischen! Noch nicht erraten? Die Medien!

himmel17
7
31
Lesenswert?

Es hat geklappt. Vorwürfe/ Fakten hintangestellt

Wichtig ist Österreich, nicht die Person Kurz und schon gar nicht die Faktenlage. Alles schon so lange her.. Aufklärung: Später einmal. Alles ungerechtfertigte Angriffe auf die Person Kurz. Unschuldsvermutung wichtiger als alle Chatnachrichten zusammengenommen. Hat geklappt! Kurz darf weitermachen! Er wurde freigespielt - sozusagen!

Gelernter Ösi
7
28
Lesenswert?

unfassbar, eie vermutlich namhafte JournalistInnen

an ihrem Idol verzweifelt festhalten (NZZ). Diejenigen, die die Korrektive der Macht sein sollten, haben am wenigsten durchschaut, was sich im türkisen Lager abgespielt hat. Der gekaufte Boulevard ist ohnehin nur kapitalistischer Selbstzweck. Trump hat mit "Fake News" durchaus ins Schwarze getroffen. Weil sie es selber ohnehin schon lange wusste, wurmt diese treffende Bezeichnung die Branche dermaßen.

schteirischprovessa
45
36
Lesenswert?

Wenn Kurz überzeugt ist, nichts strafrechtlich verbotenes gemacht zu haben,

ist das sein gutes Recht. Genau so, dass er sich gegen die Vorwürfe wehrt.
Schussendlich wird die Justiz das feststellen.

Jelineck
8
2
Lesenswert?

Ich wüsste gern

Wes Geistes jene sind, die bei so einer Selbstverständlichkeit den Daumen nach unten drehen.

RonaldMessics
8
31
Lesenswert?

@schteirischprovessa

Und das gilt ja dann sicher für alle Politiker? Und wieso verlangen wir nicht mehr an Ehrlichkeit? Sagte er nicht, er sei die Form von Politik? Hat es dem Volk egal zu sein wenn es belogen wird? Lügen sind eben nicht immer ein Strafdelikt.

schteirischprovessa
11
37
Lesenswert?

Wer ehrlich ist und Moral hat, wird nicht Politiker.

Weil er nicht dafür geeignet ist für diesen Job.
Oder er wird bestenfalls erfolgloser Politiker.
Das zieht sich durch alle Parteien.

RonaldMessics
4
16
Lesenswert?

@schteirischprovessa

ich postete, dass wir dies einfordern sollten. Ehrlichkeit im Volk heißt auch ehrlich mit dem Namen offen posten. Ehrlichkeit heißt auch sich mehr an Gesetze halten. Ich beobachte diese UNEHRLICHKEIT ja nicht nur bei den Politikern.
Mehr Mut zur Meinung. Anonym zum Beispiel posten Menschen, die sich vor IRGEND ETWAS fürchten.
Daher meine ich auch:
WIR SIND SO, nicht alle, aber zu viele.

deCamps
0
9
Lesenswert?

dem kann ich nur zustimmen, dass ist die crux der Sache

+++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++