Warnung vor Parallelstrukturen"Pflegedrehscheiben sollen an die Hauskrankenpflege angebunden werden"

Neuer Regierungsplan für Pflegedrehscheiben, 50 Millionen Euro kommen dafür von der EU. Experten aus dem Pflegebereich warnen davor, dass Parallelstrukturen aufgebaut werden. Die Hauskrankenpflege habe sich als Nahversorger in der Pflege bewährt.

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Ziel der Pflegereform ist es, den Pflegebedürftigen genau die Leistungen zugänglich zu machen, die sie brauchen © New Africa - stock.adobe.com
 

500 „Community Nurses“ will die Regierung im Wege eines Pilotprojekts ab Herbst installieren. Sie sollen als regionale Drehscheiben die soziale Nahversorgung in Sachen Pflege bündeln. 50 Millionen Euro sollen dafür aus dem EU-Wiederaufbaufonds nach Österreich fließen.

Jetzt müsse alles dazu getan werden, daraus ein kluges Konzept zu machen und auf dem Weg über das Pilotprojekt die Pflegereform auf den Weg zu bringen, sagen diejenigen, die mit der Pflege befasst sind. Ein großer Träger, das Hilfswerk, nannte am Mittwoch Eckpunkte und warnte vor dem Entstehen von Parallelstrukturen. Die Pflegedrehscheiben sollten an die Hauskrankenpflege angebunden werden, die bereits jetzt viel Erfahrung mit Beratung, Koordinierung und Prävention habe. Die Trägerorganisationen könnten diese Leistungen derzeit aber aufgrund der fehlenden Mittel nicht flächendeckend anbieten.

1,7 Millionen Hausbesuche

Von „Community Nurses“ (oder Gemeindeschwestern) hat man in der Steiermark freilich schon gehört. Zum Beispiel gingen im Vorfeld der Gemeinderatswahlen 2020 die Grünen und die Neos mit diesem Vorschlag hausieren. Die Idee dahinter: ein „Verbindungsglied zwischen Betroffenen, Angehörigen und unterstützenden Maßnahmen in jeder Gemeinde“ zu schaffen.

In der Praxis hat die Steiermark bereits ein Angebot an mobilen Pflege- und Betreuungsdiensten bzw. Hauskrankenpflege. Abgewickelt wird es von der Caritas, vom Hilfswerk, dem Roten Kreuz, SMP und der Volkshilfe. Die Träger kommen auf rund 1,7 Millionen Hausbesuche im Jahr. Die Bindeglied-Funktion übernimmt seit dem Vorjahr wiederum die Pflegedrehscheibe. Im Jahr 2018 gestartet, ist das Service inzwischen in allen Bezirken. Die Ansprechpartner „sind diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegekräfte mit mehrjähriger Berufserfahrung“, teilte Landesrätin Juliane Bogner-Strauß (ÖVP) damals mit.

Ob „Community Nurses“, mobile Dienste oder Pflege im Spital und Wohnheim: Auf allen Ebenen herrscht Personalmangel, die Träger konkurrieren untereinander.

Hilfswerk-Chefin Elisabeth Anselm erklärt das neue System am Beispiel einer 3000-Einwohner-Gemeinde: Im Schnitt wären dort acht Prozent der Einwohner über 75 Jahre alt. Bei ihnen geht es um Prävention, damit der Zeitpunkt, wo sie pflegebedürftig werden, nach hinten verschoben wird. Rund 19 Prozent der Einwohner wären über 65 und potenziell pflegende Angehörige.

Um beide Gruppen gut zu unterstützen, bräuchte es eine Vollzeitstelle, die samt Infrastruktur rund 100.000 Euro pro Jahr koste – mal 500 ergäbe das 50 Millionen. Konkrete Maßnahmen könnten sein:

  • zweimal pro Woche Sprechstunden
  • Hausbesuche
  • Infoabende
  • halbjährlich eine Gesundheitsstraße
  • Begleitung für Angehörige von Demenzkranken
  • und Unterstützung durch die Seniorenverbände.

Die Gemeinde will ihren älteren bzw. chronisch kranken Bürger/innen niederschwellige Informations-, Beratungs- und Anlaufstellen für alle Fragen rund um Alter und Pflege bieten. Außerdem sollen die Selbsthilfepotenziale älterer Menschen und der Zusammenhalt gegen „Alterseinsamkeit“ gestärkt werden.  Und so könnte dabei vorgegangen werden:

  • Die Gemeinde trifft mit den Trägern der regional tätigen mobilen Dienste nach einer Bedarfsanalyse eine Übereinkunft zur Umsetzung eines (erweiterten) „Community Nursing“.
  • Die Träger setzen jeweils ausgewählte, fachlich, organisatorisch und lokal kompetente sowie beratungserfahrene Fachkräfte (Diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegepersonen bzw. „Community Nurses“) samt organisatorischem, fachlichem und personellem Backup ein.
  • Die „Community Nurses“ kooperieren insbesondere mit den Allgemeinmedizinern im Ort, mit den regional tätigen Dienstleistern und Behörden im Gesundheits-, Sozial- und Pflegebereich sowie mit der Regionalbetreuung der „Gesunden Gemeinde“ und diversen Vereinen und Initiativen vor Ort.

Elisabeth Anselm verweist auf die im Regierungsprogramm festgeschriebene Pilotphase des Community Nursing und regt eine rasche Umsetzung samt anschließender Evaluierung an. „Auf deren Basis müssen die Kosten für eine Ausrollung des Community Nursing in ganz Österreich ermittelt werden. Außerdem wäre es dann an der Zeit, weiterführende  Überlegungen anzustellen. Einerseits in Richtung Gesundheitssystem bzw. Primärversorgung und Community Health Nursing, andererseits in Richtung wohnortnaher Sozialraumlotsen mit besonderer Berücksichtigung sozialer Hilfestellungen unterschiedlicher Art.“

„So hilfreich und wirksam richtig aufgesetztes Community Nursing sein kann, so klar ist aber auch: Eine Pflegereform, die ihren Namen verdient, muss noch deutlich größere Brocken stemmen. Allen voran eine effektive, an validen Bedarfszahlen orientierte Personaloffensive. Denn was nutzen uns die schönsten Detailkonzepte, wenn wir zu wenig qualifizierte Leute haben, die sie in der Praxis umsetzen?“, fragt Elisabeth Anselm.

Von der Bundesregierung fordert sie einen Masterplan, der Fragen der Ausbildung, der Arbeitsmarktpolitik und die Verbesserung der Rahmenbedingungen für professionelle Pflegearbeit inkludiert. Auch das Pflegegeld müsste dringend auf neue Beine gestellt werden, insbesondere die Grundlagen und die Praxis der Einstufung, fordert Anselm. „Zu guter Letzt braucht es die von der großen Mehrheit der Bevölkerung gewünschte und volkswirtschaftlich sinnvolle Attraktivierung der Pflege und Betreuung zuhause und eine bedarfsorientierte Weiterentwicklung der Versorgungslandschaft, aber auch eine bessere Absicherung und Unterstützung pflegender Angehöriger“, so Anselm.

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