Zehntausende GehörloseDie Dolmetscherin des Lockdowns

Bei den wöchentlichen Corona-Pressekonferenzen ist sie oft die einzige Frau vorne auf der Bühne. Der Initiative von Marietta Gravogl ist es zu verdanken, dass auch die Gehörlosen über Lockerungen oder Lockdowns im Bilde sind.

×
Artikel gemerkt

Gemerkte Artikel können Sie jederzeit in Ihrer Leseliste abrufen. Zu Ihrer Leseliste gelangen Sie direkt über die Seiten-Navigation.

Zur Leseliste
Noch kein Gespräch mit dem Kanzler -Marietta Gravogl
Noch kein Gespräch mit dem Kanzler -Marietta Gravogl © Andy Wenzel/BKA
 

Wann immer die Spitzen des Staates, im Regelfall alles Männer (Sebastian Kurz, Werner Kogler, Rudolf Anschober, Wolfgang Mückstein, Karl Nehammer) Lockerungen oder Lockdowns verkünden, steht sie stets etwas abseits, den Blick auf eine eigene Kamera gerichtet, um mit kunstvollen Handzeichen Zehntausenden Österreichern die neuesten Maßnahmen zu vermitteln: Marietta Gravogl, die seit genau einem Jahr als Gebärdendolmetscherin allen Corona-Pressekonferenz beiwohnt.

Dass sie regelmäßig beigezogen wird, ist nicht dem Umstand geschuldet, dass die Grünen in der Regierung sitzen und der bisherige Sozialminister Rudolf Anschober darauf bestanden hat - es ist einzig und allein ihrer Initiative zu verdanken. Die Niederösterreicherin, die am Sonntag ihren 40. Geburtstag feiert und nun im Burgenland wohnt, ist mit einem Gehörlosen verheiratet. „Als sich Corona zugespitzt hat, saß ganz Österreicher vor dem Fernseher, doch mein Mann und alle anderen Gehörlosen bekamen nichts mit.“ Sie habe über einen Bekannten das Kanzleramt auf das Manko aufmerksam gemacht, ihre Auftritte sind via Facebook und Regierungshomepage abrufbar.

Sich in der Welt der Virologe zurechtzufinden, bereitete ihr keine Probleme. „Die einzige Gebärde, die es nicht gab, war Corona.“ Das dazu passende Handzeichen ist die Faust, die andere Hand beschreibt mit sich drehenden Fingern die Zacken des Virus. Gravogl, die aus Interesse in jungen Jahren in die Welt der Gebärden eingetaucht ist und so ihren Mann kennengelernt hat, ist freiberufliche Dolmetschern und arbeitet auch für den Nationalrat und den burgenländischen Landtag.

"Hoffe, dass es nach Corona weitergeht"

Über Zuspruch aus der Bevölkerung kann sie sich nicht beklagen. Ob sie am Rande der Pressekonferenzen manchmal mit den Spitzenpolitikern rede? Der Kanzler habe noch nie das Gespräch mit ihr gesucht, der Vizekanzler einmal. Tourismusministerin Elisabeth Köstinger suche zumindest den Augenkontakt, wenn sie den Raum betritt. Das einzige Ministerium, das schon seit längerem auf Gebärdendolmetscher zurückgreift, ist das Gesundheitsministerium. Regelmäßig im Einsatz seien sie oder andere Dolmetscher auch bei Pressekonferenzen im Bildungs- und im Klimaschutzministerium, das Innenministerium habe zweimal darauf zurückgegriffen. "Ich hoffe schon, dass nach Corona darauf nicht mehr verzichtet wird."

Kein Bootführerschein, weil gehörlos

Privat schlägt sie sich gerade mit dem Verkehrsministerium herum. Ihr Mann, Kite-Lehrer am Neusiedlersee, besitzt seit 20 Jahren einen Führerschein und ein Küstenpatent für die Adria. Der Bootsführerschein für den Neusiedlersee will man ihm verwehren, er könne den Passagieren keine Befehle beim Anlegen des Bootes erteilen.

Diskutieren Sie mit - posten Sie als Erste(r) Ihre Meinung!