Wegbereiter der städtischen Gasversorgung und gleichzeitig Wegbereiter des politischen Antisemitismus. Den früheren Bürgermeister Karl Lueger kann man durchaus als problematischen Protagonisten der Geschichte Wiens bezeichnen. Das Denkmal, das ihm zu Ehren seit 1926 auf dem gleichnamigen Platz am Ring steht, verdient wohl eine ähnliche Bezeichnung. Inspiriert von ins Wasser gestürzten Statuen in Großbritannien fordert die Jüdische Hochschülerschaft mit einer Petition jetzt den Abriss des Denkmals. Knapp 700 Menschen haben sie bereits virtuell unterschrieben.
 
Die Diskussion um den Umgang mit Lueger im öffentlichen Raum ist wahrscheinlich so alt wie das Denkmal selbst. 2012 wurde der Dr.-Karl-Lueger-Ring schließlich umbenannt, der Platz und das Denkmal blieb. Vier Jahre später bekam das Denkmal eine Hinweistafel, die es kontextualisiert. Für Historiker Florian Wenninger reicht das nicht: "Die Tafel beim Denkmal ist ein Fortschritt, aber sie allein kann es nicht richten. Sie ändert nichts am grundsätzlichen Problem, nämlich der Ehrung Luegers in dieser Form." Wenninger arbeitete 2013 an einem Bericht mit, der problematische Straßennamen in der Stadt aufzeigen sollte. Der Lueger-Platz ist im Bericht einer von 28 Fällen "mit intensivem Diskussionsbedarf". Wenninger wünscht sich eine breitere Auseinandersetzung mit der Person und Politik Luegers sowie mit dem Denkmal. 


 
Eine solche hat es vor gut zehn Jahren gegeben. Damals hat die Universität für Angewandte Kunst einen Wettbewerb für eine mögliche Umgestaltung ausgeschrieben. Mehr als 150 Vorschläge wurden eingesandt, darunter auch durchaus amüsante. Eine Idee sah vor, auf dem Denkmal Nistkästen für Vögel zu montieren, als Symbol für "Bewusstseinswandel und Gedankenfreiheit". Das hätte wohl unweigerlich dazu geführt, dass die Vögel ihre Exkremente auf den Ex-Bürgermeister abladen würden. Möglich, dass das auch im Sinne der Idee war. Der Siegervorschlag wollte das Denkmal um 3,5 Grad kippen, damit "die Ehrwürdigkeit gebrochen und die Aufrichtigkeit in Frage gestellt" wird, wie es in der Beschreibung heißt.
 
Eva Blimlinger war damals in den Wettbewerb involviert. Die heutige Kultursprecherin der Grünen im Parlament bezeichnet die Idee, das Denkmal zu kippen nach wie vor als "superguten Vorschlag". Von einem möglichen Abriss des Denkmals hält sie wenig: "Weg mit der Geschichte ist keine Lösung", sagt Blimlinger. Das Denkmal gehöre kontextualisiert. Dass die Idee damals nicht umgesetzt wurde, sei an den Kosten gelegen, jetzt wäre aber wieder eine gute Gelegenheit dafür, so Blimlinger.
 
 
Eine gute Gelegenheit wäre es wohl auch, einen kritischen Blick auf andere Denkmäler in der Stadt zu werfen. Historiker Florian Wenninger denkt dabei etwa an das Dollfuß-Relief in der Michaelerkirche oder die Denkmäler für Graf Radetzky: "Warum der Schlächter der Revolution von 1848 rauf- und runtergefeiert wird, während jemand wie Franz Hebenstreit, ein demokratischer Offizier, der in den 1790ern hingerichtet worden ist, nirgends geehrt wird, ist unter dem Blickpunkt einer demokratischen Gedenkkultur nicht einzusehen." Gleichzeitig ist das natürlich kein ausschließliches Wiener Problem, sagt Wenninger: "Wenn ich mir in Graz die Hötzendorf-Straße ansehe oder wenn wir uns mit den Kärntner ‚Abwehrkämpfern‘ kritisch auseinandersetzen würden, gäbe es außerhalb Wiens mindestens so viel zu tun wie in der Stadt."