Bis zum Überdruss hatte Sebastian Kurz 2017 die Erzählung aufgetischt, dass er mit 16 bei der ÖVP andocken wollte, diese ihm ausgerichtet habe, er möge zunächst die Matura machen und dann wieder vorbeischauen. Was er nie erzählte: Wenn man ihn fragt, ob er aus Verärgerung über die Zurückweisung überlegt habe, anderswo anzudocken, etwa bei den Grünen, erntet man ungläubiges Staunen. „Die Grünen? Nie und nimmer“, heißt es sinngemäß.

Als 1979 in Graz die Alternative Liste gegründet wurde, aus der die Grünen entstanden sind, saß bei der konstituierenden Sitzung Reinhold Lopatka im Saal. „Ich habe alle Leute aus der Hochschulbewegung gekannt“, erinnert er sich heute. „Die Aufbruchstimmung faszinierte mich derart, dass ich die Partei näher kennenlernen wollte.“ Lopatka kam eigenen Angaben zufolge nie in Versuchung, den Grünen beizutreten. Unter Schwarz-Blau 2 stieg er zu Schüssels Generalsekretär auf und machte als Klubobmann und Staatssekretär Karriere.

Unterschiedlicher hätte die Sozialisierung nicht sein können: Kurz, der als Gymnasiast bereits eine eigene Firma gegründet hat, der Start-up-Generation angehört, ideologisch der ländlich geprägten niederösterreichischen ÖVP, die keine Politik für den universitären, urbanen Raum entwickeln muss, nahesteht, sowie Lopatka, der zu Zeiten groß geworden ist, als der Nachwuchs von ÖVP-Eltern in großer Schar zu den Grünen übergelaufen ist.

Sollte Sebastian Kurz mangels realistischer Alternativen mit den Grünen in Verhandlungen treten, müssen nicht nur die Grünen über ihren Schatten springen. Kurz muss ebenso einen weiten Weg gehen - auch ideologisch. Auf Betreiben von Ex-ÖVP-Chef Josef Riegler, Erfinder der ökosozialen Marktwirtschaft, fand sich Ende August eine illustre Runde bestehend aus Öko- und Klimaexperten beim steirischen Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer zu einem informellen Gespräch ein. Dem Ex-Kanzler wollte man in vertraulichem Gespräch die Dringlichkeit des Klimaschutzes näherbringen, doch die Experten, berichten Augen- und Ohrenzeugen, zogen ernüchtert von dannen.

"Schwieriger Balanceakt"

Franz Fischler, intimer Kenner der ÖVP und langjähriger Proponent eines Schulterschlusses mit der Öko-Bewegung, schätzt die Chance, dass Türkis-Grün kommt, auf 55 zu 45 Prozent. „Das wird ein sehr schwieriges Unterfangen“, so der langjährige EU-Kommissar, „denn die Wiener Grünen sind nur zur Koalition bereit, wenn 100 Prozent ihrer Forderungen erfüllt sind“. Der Tiroler sieht auch den eigenen Parteichef gefordert. „Kurz müsste von seinem bisherigen Kurs abweichen, der auch deshalb so hart war, um die Blauen in Schach zu halten. Andrerseits kann er kein Interesse haben, dass bei Türkis-Grün die Blauen wieder erstarken.“ Fischler spricht von einem „höchst schwierigen Balanceakt“.

Unnachgiebig klingen derzeit alle Grünen, als ob man sich auf eine Sprachregelung verständigt hätte. „Wir werden uns bewegen“, erklärt Innsbrucks grüner Bürgermeister Georg Willi, „aber zuerst muss sich Kurz bewegen. Wenn er sich nicht bewegt, müssen wir gar nicht anfangen.“ Beim Klimaschutz oder der Mindestsicherung müsse die ÖVP „richtig abbiegen“. Warum die Grünen so hart argumentieren, wird aus einer anderen Bemerkung deutlich: „Keiner, der uns gewählt hat, hat damit gerechnet, dass sich Türkis-Grün ausgeht.“

 "Ist eine Jahrhundertchance"

Zahllose Grüne sprechen im vertraulichen Gespräch allerdings von einer „Jahrhundertchance“. Bisher habe sich noch nie die Gelegenheit geboten, die harte Oppositionsbank zu verlassen. Der Einwand, das Projekt sei mangels grüner Regierungserfahrung risikobehaftet, wird energisch vom Tisch gewischt: „Die Grünen regieren seit Jahren in Vorarlberg, Tirol, Salzburg, Oberösterreich. Haben Sie je von Einzelfällen gehört? Oder dass ein grüner Landesrat unprofessionell agiert? Oder dass ein Hinterbänkler querschießt?“ Sollten die Grünen mit der ÖVP in Gespräche treten, würde Kogler erfahrene Landespolitiker wie den Oberösterreicher Rudi Anschober oder die Salzburgerin Astrid Rössler ins Verhandlungsteam holen. Zum Hinweis, die Wiener Grünen könnten einer türkis-grünen Bundesregierung das Leben zur Hölle machen: „Die sollen schauen, dass sie die Chorherr-Affäre aus der Welt schaffen.“ Angeblich habe sich Kogler bereits das Pouvoir in den Leitungsgremien geholt.


Ein nicht zu unterschätzender Faktor ist der Bundespräsident. Man kann davon ausgehen, dass der ehemalige Grünen-Chef hinter den Kulissen alles unternimmt, um die Schmach von 2003, als die Verhandlungen mit der ÖVP zu Bruch gegangen sind, zu tilgen. Die inhaltlichen Stolpersteine auf dem Weg zu Türkis-Grün bleiben. „Wir haben es leichter auf Landesebene“, räumt ein Landespolitiker ein, „denn die großen ideologischen Themen wie die Vermögenssteuer oder die CO2-Steuer können wir elegant umschiffen.“