Die Regierung bemüht sich um eine Reform des viel kritisierten Sozialhilfesystems in Österreich. Im Rahmen eines Medientermins am Dienstagvormittag präsentierte Sozialministerin Korinna Schumann (SPÖ) die Ergebnisse der Sozialhilfestatistik von 2024. Die schwierige Arbeitsmarktsituation und die anhaltend hohe Inflation führten zu einem Zuwachs von 4,5 Prozent im Vergleich zum selben Zeitraum des Vorjahres. Insgesamt beziehen 205.781 Menschen in Österreich Sozialhilfe und damit rund 8.800 mehr als 2023. Damit ist die Anzahl der Sozialhilfebeziehenden aber immer noch unter den Höchstständen von den Jahren 2017 bis 2020. Die Gesamtausgaben der Sozialhilfe stiegen damit auf 1,317 Milliarden Euro. Für Astrid Pennerstorfer von der Wirtschaftsuni (WU) Wien ist trotzdem wichtig zu betonen: „Wir müssen uns die gesamten Ausgaben des sozialen Netzes in Österreich anschauen - da ist die Sozialhilfe immer noch ein sehr kleiner Teil davon“. Der Anteil der Kosten am Gesamtbudget ist mit 0,27 Prozent des BIP immer noch gering, man könne das Budget also nicht über Kürzungen bei der Sozialhilfe sanieren, betonte Schumann. 60 Prozent der Mehrausgaben sind zudem auf die Valorisierung zurückzuführen.
Sozialhilfe als Spiegel der Arbeitsmarktsituation
Sozialministerin Korinna Schumann sieht die Sozialhilfe als Spiegel der Arbeitsmarktsituation. So sind von den 8.800 zusätzlichen Beziehenden neun von zehn Personen beim AMS (Arbeitsmarktservice) als arbeitssuchend gemeldet. „Plötzlich von der Sozialhilfe abhängig zu sein, kann alle treffen. Das trifft eine alleinerziehende Mutter genauso wie einen Lagerarbeiter im Waldviertel oder eine Pensionistin in Wien“, so Schumann. Rund 70% aller Sozialhilfe- und Mindestsicherungsbeziehenden leben im Ballungsraum Wien – die Sozialhilfe ist allgemein ein eher städtisches Phänomen, wie auch am Beispiel Steiermark erkennbar wird: Rund 60% der Beziehenden aus der Steiermark leben in Graz. Das liege vor allem daran, dass das Beziehen von Sozialhilfe oft mit Scham behaftet ist. „Im ländlichen Raum wollen die Menschen deshalb oft nicht um Hilfe bitten, weil sie Angst vor sozialer Ausgrenzung haben“, so Schumann.
Die Inflationsrate lag im Oktober 2025 bei vier Prozent - für die ärmsten zehn Prozent der Bevölkerung liege die Teuerung jedoch monatlich um 0,4 Prozentpunkte höher als für die wohlhabendsten zehn Prozent. Grund dafür ist das Konsumverhalten: Denn Geringverdienende müssen fast ihr gesamtes Einkommen für Wohnen, Energie und Lebensmittel aufwenden: genau die Bereiche mit den höchsten Preissteigerungen.
Chronisch Kranke und Menschen mit Behinderung besonders oft Sozialhilfebezieher
Von den fast 206.000 Sozialhilfebeziehenden in Österreich sind 32% Frauen, 31% Männer und 37% Kinder.
Mehr als die Hälfte der Beziehenden stammen aus Drittstaaten, 38 Prozent sind österreichische Staatsbürger, 44% sind subsidiär schutzberechtigt oder haben ein Asylrecht. Wien hat allerdings angekündigt, ab 2026 bei Asylwerbern zu sparen: jene Menschen fallen künftig in den Zuständigkeitsbereich der Grundversorgung. Damit sollen 200 Millionen Euro eingespart werden.
Von den Sozialhilfeempfangenden sind nur 43 Prozent erwerbsfähig. Davon sind 35 Prozent arbeitslos gemeldet, acht Prozent befinden sich in Beschäftigung, erhalten die Sozialhilfe aber als sogenannte „Aufstocker“, da ihr Einkommen sonst zu gering ausfällt. Mehr als die Hälfte der Sozialhilfebeziehenden im erwerbsfähigen Alter sind chronisch krank, 22 Prozent sind Menschen mit einer Behinderung.
Abgesehen von den Einzelschicksalen – für jene Personen ist es oft nicht möglich, die Miete pünktlich zu zahlen oder ihre Wohnung angemessen zu heizen – hat insbesondere Kinderarmut auch wirtschaftliche Folgen für den Staat. So beziffert die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) die jährlichen Folgekosten von Kinderarmut auf rund 18 Milliarden Euro. Gründe dafür sind geringere Bildungschancen und damit verbundenes niedrigeres Einkommen sowie schlechtere Gesundheit und höhere medizinische Folgekosten. „Wir können es uns nicht leisten, in der Sozialhilfe zu sparen. Die Folgekosten sind 14 Mal so hoch wie die Kosten der Sozialhilfe“, so Schumann. Im Gespräch ist auch eine Kindergrundsicherung, die entkoppelt von der Sozialhilfe ausbezahlt werden soll. Für Pennerstorfer sei eine Entkoppelung nur dann sinnvoll, „wenn der Prozess dahinter vereinfacht“ werde. Das ganze System der Sozialhilfe ist im Moment wenig durchsichtig und für Bedürftige oft mit vielen Hürden verbunden. Ein weiteres, ebenso kompliziertes System trage demnach nicht zur Lösung des Problems bei - sollte eine Kindergrundsicherung allerdings transparenter gestaltet sein, begrüßt die Expertin das. Auch für Silvia Rocha-Akis vom österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO) ist eine Kindergrundsicherung durchaus denkbar: „Eine eigenständige Kindergrundsicherung könnte gezielt helfen, Kinderarmut zu reduzieren, ohne dass Familien durch bürokratische Hürden oder Stigmatisierung abgeschreckt werden“. Denn viele Familien würden die Sozialhilfe nicht in Anspruch nehmen, obwohl sie ihn hätten. Das zentrale Ziel einer Kindergrundsicherung sollte also sein, soziale Treffsicherheit sicherzustellen, dass sie nicht nur bei jenen ankommt, die sich sowieso eigenständig darüber informieren. Demnach seien Beratungsleistungen essenziell, so Rocha-Akis.
Sozialhilfe in der Steiermark stark gestiegen
Während die Zahlen der Sozialhilfebeziehenden im Industriestandort Steiermark um 6,2 Prozent stark gestiegen sind, sind die Zahlen in Kärnten fast gleich geblieben.
Ziel sei es jetzt, die Integration in den Arbeitsmarkt zu stärken und insbesondere auf die Situation der Frauen Rücksicht zu nehmen, indem beispielsweise Kinderbetreuungsangebote geschaffen werden, so Schumann.
NGOs sprechen sich gegen Kürzungen aus
Am Mittwoch sprachen sich soziale Organisationen gegen Kürzungen der Sozialhilfe aus. Caritas und Volkshilfe verwiesen auf steigende Preise und eine schwierige Arbeitsmarktsituation. Volkshilfe Direktor Erich Fenninger forderte zudem eine bundesweit einheitliche Sozialhilfe mit Mindeststandards und spricht sich für eine Kindergrundsicherung aus. Amnesty International kritisierte zudem die geplante Integrationsphase, die auf Zuwanderer abzielt und während der nicht die volle Höhe der Sozialhilfe gewährt werden soll. Damit werde eine gesamte Gruppe aus der Sozialhilfe ausgeschlossen, hieß es.