Es gibt viele Formen von Anerkennung. Geld ist vielleicht nicht die vornehmste, aber mit Sicherheit die praktischste. Barack und Michelle Obama erhielten nach dem Auszug aus dem Weißen Haus für ihre noch ungeschriebenen Memoiren umgerechnet rund 61 Millionen Euro.

Gabriele Burgstaller, nur so als Gegenbeispiel, „did it her very own way“. Als der SPÖ-Politikerin die mittlere Sensation gelang, die Salzburger Landtagswahlen 2004 gegen die bis dahin übermächtige ÖVP zu gewinnen, war Burgstaller gerade einmal 40 Jahre alt. Neun Jahre später stürzte die SPÖ dann im Schatten einer Finanzaffäre um mehr als 15 Prozentpunkte ab, Platz eins war perdu und Burgstaller kehrte als Abteilungsleiterin für Gesundheit und Pflege in die Arbeiterkammer zurück, wo sie bis zu ihrer Pensionierung 2023 auch blieb. Als wäre das nicht schon ungewöhnlich genug, begann Burgstaller im Unruhestand eine Ausbildung als Hospizbegleiterin. Das ist so ungewöhnlich, dass es schon wieder beeindruckend ist.

Bundeskanzler Alfred Gusenbauer und Salzburgs Landeshauptfrau Gabi Burgstaller, von links, unterhalten sich am Freitag, 9. Feb. 2007 im Bundeskanzleramt in Wien vor einem Treffen einer Expertengruppe zur Staats- und Verwaltungsreform ein. (AP Photo/Hans Punz) --- Austrian Chancellor Alfred Gusenbauer listens to Salzburg's Governor Gabi Burgstaller, from left, at the Federal Chancellery in Vienna, on Friday, Feb. 9, 2007. (AP PhotoHans Punz)
Ein ungleiches Paar: Alfred Gusenbauer und Gabi Burgstaller, beide SPÖ © APA/Hans Punz

Viel Stoff für Hobbypsychologen

Apropos Arbeiterkammer. Was für Burgstaller als ehemalige Landeshauptfrau kein Problem war, muss ein ehemaliger Bundeskanzler als tiefe Kränkung empfunden haben. Alfred Gusenbauer (SPÖ), Regierungschef 2007 und 2008, kehrte nach seiner unsanften Demontage für wenige Monate ebenfalls an seine alte Arbeitsstätte in der AK zurück. Dort wurde der Ex-Kanzler in ein schmuckloses Arbeitszimmer im Charme der 70er Jahre abgeschoben. Hobbypsychologen könnten versucht sein, in dieser unfreundlichen Behandlung durch die eigenen „Parteifreunde“ die Motivation für Gusenbauers darauffolgendes demonstratives Streben nach Geld und Statussymbolen eines guten Lebens zu erkennen. Schon kurz darauf dockte er beim heute in U-Haft sitzenden Immo-Investor René Benko an. Auch seine Dienstleistungen für zentralasiatische Potentaten hielten und halten etliche in der eigenen Partei eines echten Genossen unwürdig.

Nicht wenige sehen auch den fliegenden Wechsel Karl Nehammers (ÖVP) auf den Posten eines Vizepräsidenten der Europäischen Entwicklungsbank (EIB) als Provokation. Ein monatliches Gehalt von 31.000 Euro samt verminderter Steuerleistung – Arbeitsort in Luxemburg – bei einer Einrichtung, die vor allem finanz- und wirtschaftspolitischen Sachverstand erfordert, steht in einem gewissen Widerspruch zum diesbezüglichen Leistungsausweis des Ex-Kanzlers angesichts des nationalen Budgetelends. Ex-Nationalbankchef Ewald Nowotny, der einst vier Jahre bei der EIB gearbeitet hat, widerspricht dem: „Nehammers Nominierung war natürlich eine politische Entscheidung, aber es ist eine Entscheidung, die fachlich vertretbar ist. Er bringt eine politische Erfahrung mit, die man bei der EIB braucht.“ Bei der Hausbank der EU gebe es einen gesunden Mix aus Leuten, die aus dem Finanzbereich kommen, aber auch Personen, die über politische Kontakte verfügen. Nehammer könnte für Projekte am Balkan, in der Ukraine, vielleicht auch im Verteidigungsbereich tätig werden. Kritische Fragen sind trotzdem angebracht.

Mindestens so sehr trifft dieser Vorwurf Ex-Finanzminister Magnus Brunner, der nunmehr als EU-Kommissar für Asyl- und Migrationsfragen werkt. In dieser Hinsicht war die Rolle von Ex-Minister Martin Kocher deutlich weniger exponiert, seine Berufserfahrung als Wirtschaftsforscher und ehemaliger IHS-Direktor kommt ihm als künftigen Gouverneur der Nationalbank zweifellos entgegen. Nicht wirklich in diese Aufzählung passt Pamela Rendi-Wagner: Die ehemalige SPÖ-Chefin war immer schon mehr Expertin als Politikerin, deshalb führt die Epidemiologin jetzt auch das Europäische Zentrum für die Prävention und Erkennung von Krankheiten mit Sitz in Schweden.

Sind Spitzenpolitiker Menschen ohne echte Eigenschaften?

Worin die Qualifikation von amtierenden und ehemaligen Spitzenpolitikern wirklich besteht, ist ein ewiges Thema für unentspannte Diskussionen. Die Pole bewegen sich dabei zwischen „alles Nichtskönner und Unfähige“ und „stressresistente und hochflexible General Manager mit strategischem Überblick“. Das Problem ist, dass beide Extreme durchaus vorkommen, aber das Gros der Spitzenpolitiker auf der Suche nach einer beruflichen Anschlussverwendung dennoch irgendwo dazwischen liegt. Tatsache ist, dass die Politik unter den Bedingungen von Dauerkrisen samt 24-Stunden-Hamsterrad ein Knochenjob ohne die Chance auf ein Privatleben ist. Wer sich hier einige Jahre zu halten vermag, verfügt, so schwer es Außenstehenden auch zu vermitteln ist, auch jenseits eines gut sortierten Telefonbuchs über ein Set an Fähigkeiten, die auch in anderen Berufswelten gefragt sind.

ABD0075_20220908 - WIEN - ÖSTERREICH: Der ehemalige Bundeskanzler Christian Kern und Parteivorsitzender Pamela Rendi-Wagner im Rahmen eines Hintergrundgespräches der SPÖ mit dem Titel 'Energiemarkt am Limit: Strategie für Markteingriffe auf EU-Ebene' am Donnerstag, 8. September 2022, in Wien. - FOTO: APA/ROLAND SCHLAGER
Bahn-Manager trifft Epidemiologin: Christian Kern und Pamela Rendi-Wagner © APA/Roland Schlager

Ex-Finanzminister Wilhelm Molterer (ÖVP) hat bei der EIB gute Arbeit geleistet, Ex-Kanzler Christian Kern (SPÖ) ist ein erfahrener Bahn-Manager, Vorgänger Werner Faymann (SPÖ) hält sich als Immobilienberater höchst bedeckt, Ex-Vize Josef Pröll (ÖVP) managt die Leipnik-Lundenburger Holding, Ex-Staatssekretärin Brigitte Ederer (SPÖ) war im Vorstand von Siemens höchst erfolgreich, bei Susanne Riess-Hahn (ehemals FPÖ) gilt das bei Wüstenrot bis heute. Sebastian Kurz (ÖVP) polarisiert als Unternehmer wie zuvor schon als Kanzler; nach allem, was man weiß, dürfte er dennoch recht erfolgreich sein. Sein ehemaliger Vizekanzler Heinz-Christian Strache (FPÖ) hatte weniger Glück: Er tingelt als Chef seiner eigenen Kleinstpartei durch Talkshows und den Wiener Landtagswahlkampf. Die langjährige Grünen-Chefin Eva Glawischnig heuerte zunächst zur Irritation der eigenen Partei beim Wettanbieter Novomatic an und schwingt bei „Dancing Stars“ das Tanzbein.