Viereinhalb Monate sind seit der Nationalratswahl vergangen, und eine neue Koalition ist mit dem nunmehrigen Platzen der Gespräche von FPÖ und ÖVP entfernter denn je. Von Anfang an war die Regierungsbildung kompliziert. Zunächst erhielt Karl Nehammer als ÖVP-Chef den Auftrag zur Regierungsbildung. Nach dem Scheitern der Gespräche zwischen ÖVP, SPÖ und NEOS war Wahlsieger Herbert Kickl (FPÖ) an der Reihe, bis die Verhandlungen nach einem Monat scheiterten.

Das ist seit der Wahl passiert

29. September: Nationalratswahl: Die FPÖ wird erstmals stärkste Partei im Parlament. Sie erreicht 28,8 Prozent der Stimmen (57 Mandate), die ÖVP 26,3 (51), die SPÖ 21,1 (41), die NEOS 9,1 (18) und die Grünen 8,2 Prozent (16). Als Zweier-Koalitionen kommen nur FPÖ-ÖVP, FPÖ-SPÖ sowie - mit äußerst knapper Mehrheit - ÖVP-SPÖ in Frage.

ABD0453_20240929 - ÖSTERREICH-WEIT - ÖSTERREICH-WEIT: Herbert Kickl (FPÖ) am Sonntag, 29. September 2024, anlässlich der FPÖ Wahlparty im Rahmen der Nationalratswahl in Wien. - FOTO: APA/ROLAND SCHLAGER
Mit 28,8 Prozent wird die FPÖ stärkste Kraft © APA / Roland Schlager

1. Oktober: ÖVP-Chef und Bundeskanzler Karl Nehammer spricht sich dafür aus, dass FPÖ-Obmann Herbert Kickl von Bundespräsident Alexander Van der Bellen mit Sondierungen beauftragt wird.

2. Oktober: Die türkis-grüne Regierung bietet dem Bundespräsidenten den Rücktritt an, er betraut sie mit der Fortführung der Geschäfte. Einzig Kunst- und Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer (Grüne) gibt ihren Posten auf eigenen Wunsch bereits ab.

4. Oktober: Van der Bellen beginnt die erste Gesprächsrunde mit den fünf Parlamentsparteien. Als erster wird Kickl in der Präsidentschaftskanzlei empfangen. Dabei teilt er dem Bundespräsidenten seinen Willen zum Regieren mit, wie er am folgenden Tag in einer Pressekonferenz berichtet.

9. Oktober: Van der Bellen erteilt nach der ersten Gesprächsrunde vorerst keinen Regierungsbildungsauftrag und fordert die Chefs der stimmenstärksten Parteien FPÖ, ÖVP und SPÖ auf, „zu klären, welche Zusammenarbeit vorstellbar wäre“, um die „Pattsituation“ zu lösen.

15. Oktober: Kickl und Nehammer kommen zu einem Gespräch zusammen. Nehammer bleibt dabei, dass er eine Koalition mit der FPÖ unter Kickl ausschließt.

18. Oktober: Kickl und Andreas Babler (SPÖ) kommen zu einem Gespräch zusammen. Auch der SPÖ-Chef schließt erneut jede Zusammenarbeit mit der FPÖ aus.

20241021 Bundespraesident Van der Bellen empfaengt Karl Nehammer WIEN, OESTERREICH - 21. OKTOBER: Bundespraesident der Republik Oesterreich Alexander -Sascha- Van der Bellen vor seinem weiteren Gespraech mit OeVP Bundesparteiobmann, Bundeskanzler und Spitzenkanditat fuer die Nationalratswahl 2024 Karl Nehammer im Maria-Theresien-Zimmer in der Praesidentschaftskanzlei am 217. Oktober 2024 in Wien, Oesterreich. 241021_SEPA_17_031 Copyright: xIsabellexOuvrardx SEPAxMedia
Bundespräsident Van der Bellen und Ex-ÖVP-Chef Karl Nehammer © IMAGO / Isabelle Ouvrard

Nehammer erhält Auftrag zur Regierungsbildung

22. Oktober: Nach einer zweiten Gesprächsrunde erteilt Van der Bellen Nehammer den Auftrag zur Regierungsbildung und ersucht ihn, umgehend Verhandlungen mit der SPÖ aufzunehmen und zu klären, ob es einen dritten Partner braucht.

24. Oktober: Konstituierende Sitzung des Nationalrats mit der Wahl von Walter Rosenkranz (FPÖ) zum Nationalratspräsidenten.

25. Oktober: Start der Sondierungsgespräche zwischen ÖVP und SPÖ.

12. November: Nach der vierten Sondierungsrunde laden ÖVP und SPÖ die NEOS ein, als dritter Partner am Gesprächstisch Platz zu nehmen. Am folgenden Tag beginnen die Sondierungen zu dritt.

18. November: Nehammer, Babler und Beate Meinl-Reisinger (NEOS) kündigen die Aufnahme offizieller Koalitionsverhandlungen an.

ABD0057_20241118 - WIEN - ÖSTERREICH: ZU APA0156 VOM 18.11.2024 - SPÖ-Chef Andreas Babler, ÖVP-Chef Karl Nehammer und NEOS-Chefin Beate Meinl-Reisinger am Montag, 18. November 2024, im Rahmen von Pressestatements nach dem heutigen Gespräch mit ÖVP und SPÖ zur Regierungsbildung in Wien im Palais Epstein in Wien. - FOTO: APA/HELMUT FOHRINGER
Ab November verhandelten ÖVP, SPÖ und NEOS © APA / Helmut Fohringer

21. November: Die Koalitionsverhandlungen in sieben Hauptclustern und 33 Untergruppen starten.

26. November: Der Gehaltsabschluss der öffentlich Bediensteten sorgt für den ersten Zwist zwischen ÖVP, SPÖ und NEOS. Die pinken Verhandler fordern ein klärendes Gespräch, das am folgenden Tag stattfindet.

2. Dezember: Die angespannte Budgetsituation belastet das Koalitionsklima. Die SPÖ droht mit einer Pause der Koalitionsgespräche, sollte es keinen „Kassasturz“ geben.

13. Dezember: Die Untergruppen schließen ihre Arbeit ab.

16. Dezember: Von der EU-Kommission werden die vier möglichen Konsolidierungspfade vorgelegt: Innerhalb von vier oder sieben Jahren muss Österreich zwischen 18 und 24 Milliarden Euro einsparen.

ABD0013_20250103 - WIEN - ÖSTERREICH: (v.l.) NEOS-Parteichefin Beate Meinl-Reisinger, Nikolaus Scherak, Markus Hofer und Douglas Hoyos am Freitag, 3. Jänner 2025, anlässlich eines Pressestatements zu den Koalitionsverhandlungen in Wien. - FOTO: APA/MAX SLOVENCIK
Die NEOS steigen aus den Verhandlungen aus © APA / Max Slovencik

Dreierkoalition scheitert

3. Jänner: Meinl-Reisinger erklärt den Ausstieg der NEOS aus den Koalitionsverhandlungen. Sie vermisst die Bereitschaft zu grundsätzlichen Reformen seitens ÖVP und SPÖ. ÖVP und SPÖ wollen dennoch weiterverhandeln.

4. Jänner: Nehammer bricht die Gespräche mit der SPÖ ab und kündigt seinen Rücktritt als Kanzler und ÖVP-Chef an.

5. Jänner: Nehammer legt den Regierungsbildungsauftrag zurück. Die ÖVP hat mit Christian Stocker einen neuen geschäftsführenden Parteichef. Er betont, ein allfälliges Gesprächsangebot der FPÖ zu Koalitionsverhandlungen annehmen zu wollen.

Christian Stocker, Austrian Peoples' Party secretary general and the party's interim leader after the expected resignation of Chancellor Karl Nehammer, attends a news conference, in Vienna, Austria, Sunday, Jan. 05, 2025. (AP Photo/Heinz-Peter Bader)
Christian Stocker übernimmt ÖVP-Führung und tritt in Verhandlungen mit der FPÖ © AP / Heinz-peter Bader

Van der Bellen beauftragt Kickl

6. Jänner: Nach einem rund einstündigen, von Protesten begleiteten Gespräch zwischen Bundespräsident Van der Bellen und FPÖ-Chef Kickl teilt das Staatsoberhaupt mit, dem Freiheitlichen den Auftrag zur Regierungsbildung erteilt zu haben. Er habe sich diesen Schritt nicht leicht gemacht, sagt Van der Bellen.

7. Jänner: FPÖ-Chef Kickl lädt die Volkspartei zu Verhandlungen ein.

8. Jänner: Stocker erklärt, das FPÖ-Angebot für Verhandlungen annehmen zu wollen. Am Abend kommen Kickl und Stocker zu einem ersten Gespräch zusammen, dabei wird die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen beschlossen.

9. Jänner: Mehrere Zehntausend Menschen demonstrieren am Wiener Ballhausplatz gegen eine Regierungsbeteiligung der FPÖ, auch in anderen Landeshauptstädten wie Graz, Salzburg und Innsbruck wird protestiert.

Participants demonstrate during a protest rally organised by aid organisation 'Volkshilfe', Greenpeace and SOS Mitmensch under the motto 'Alarm for the Republic: Protest against a right-wing extremist chancellor' in front of the President's Office (C) and Hofburg Palace (back 2ndR) in Vienna on January 9, 2025. Austria's foreign minister Schallenberg will take over as caretaker chancellor from January 10, as the far right seeks to form a government with the conservatives in a tense political climate. The announcement came after conservative Karl Nehammer said over the weekend he would step down as chancellor and party chairman following the collapse of coalition talks to form a government excluding the far-right Freedom party (FPOe). (Photo by Joe Klamar / AFP)
Demonstration gegen eine FPÖ-Regierungsbeteiligung © AFP / Joe Klamar

10. Jänner: Bundespräsident Alexander Van der Bellen betraut Außenminister Alexander Schallenberg (ÖVP) mit dem Vorsitz der Regierung. FPÖ und ÖVP nehmen Koalitionsverhandlungen auf.

The leader of the far-right Freedom party (FPOe) Herbert Kickl (R) and Austrian People's Party (OeVP) interim leader Christian Stocker address a press conference on coalition negotiations in the Parliament in Vienna, on January 13, 2025. Austria's president on January 6 tasked far-right leader Herbert Kickl with trying to form a government, in a historic move after coalition talks to forge a government without the Freedom party (FPOe) collapsed. (Photo by Alex HALADA / AFP)
ÖVP und FPÖ einigen sich auf Budget-Pfad und wenden ein EU-Defizitverfahren ab © AFP / Alex Halada

13. Jänner: FPÖ und ÖVP verkünden eine Einigung auf einen gemeinsamen Budget-Pfad, der nach Brüssel übermittelt wird, um ein Defizitverfahren zu vermeiden.

14. Jänner: Für Befremden bei der ÖVP sorgen eine heimlich mitgeschnittene Aufnahme von Stammtisch-Aussagen der FPÖ-Nationalratsabgeordneten Harald Stefan und Markus Tschank über die Volkspartei sowie die EU.

16. Jänner: Die blau-schwarzen Koalitionsverhandler stellen Details des geplanten Sparpakets in Höhe von rund 6,4 Milliarden Euro vor.

17. Jänner: Die EU-Kommission erklärt, nach Prüfung der Maßnahmen aktuell kein Defizitverfahren gegen Österreich einzuleiten.

20. Jänner: Die thematischen Untergruppen nehmen ihre Arbeit auf.

25. Jänner: Für Verstimmungen bei der FPÖ sorgen Aussagen von ÖVP-Chef Stocker, der in einem medialen Hintergrundgespräch eine Kurskorrektur von den Freiheitlichen forderte. Für weiteren Zündstoff sorgt die von der FPÖ eingebrachte Forderung nach einer Bankenabgabe.

5. Februar: Die Regierungsbildung ist mit 129 Tagen die längste in der Geschichte der Zweiten Republik. So lange dauerte die Regierungsbildung nur nach der Nationalratswahl 1962 - damals wurde nach 129 Tagen eine neue Regierung angelobt.

ABD0225_20250206 - WIEN - ÖSTERREICH: FPÖ-Chef Herbert Kickl am Donnerstag, 06. Februar 2025, bei seiner Ankunft in der Präsidentschaftskanzlei der Wiener Hofburg. FPÖ-Chef Herbert Kickl trifft Bundespräsident Alexander Van der Bellen zu einem Gespräch. - FOTO: APA/GEORG HOCHMUTH
Bundespräsident Alexander Van der Bellen empfängt Herbert Kickl (FPÖ) und Christian Stocker (ÖVP) getrennt voneinander © APA / Georg Hochmuth

Heftige Differenzen zwischen FPÖ und ÖVP

6. Februar: Die nach heftigeren Differenzen unterbrochenen Koalitionsverhandlungen werden wieder aufgenommen, geben Kickl und Stocker bekannt. Zuvor waren beide bei Van der Bellen. Hauptstreitpunkt war die Ressortverteilung.

9. Februar: Die Differenzen sind weiter groß, geht aus durchgesickerten Unterlagen der Verhandler hervor. Dafür kommt man sich angeblich bei der Ressortverteilung näher. Gestritten wird weiter um das Innenministerium.

10. Februar: Zeichen der Annäherung bleiben auch nach einem abendlichen Treffen von Kickl und Stocker aus.

11. Februar: Die Vorzeichen eines Platzens verdichten sich. Nach scharfen Tönen aus den Reihen der ÖVP und Terminen beider Parteichefs beim Bundespräsidenten heißt es jedoch, die Verhandlungen seien weiter aufrecht.

ABD0145_20250212 - WIEN - ÖSTERREICH: ZU APA0285 VOM 12.2.2025 - Parteichef Herbert Kickl (FPÖ) am Mittwoch, 12. Februar 2025, im Rahmen der gescheiterten Koalitionsverhandlungen zwischen FPÖ und ÖVP, vor der FPÖ-Zentrale in Wien. - FOTO: APA/HELMUT FOHRINGER
Herbert Kickl legt den Auftrag beim Bundespräsidenten zurück - auch die blau-schwarzen Verhandlungen scheitern © APA / Helmut Fohringer

12. Februar: Herbert Kickl legt bei Bundespräsident Van der Bellen den Regierungsbildungsauftrag zurück. Davor hatten sich FPÖ und ÖVP über die Medien neben weiteren Unfreundlichkeiten noch neue Vorschläge für die Verteilung der Ressorts ausgerichtet.