Angesichts der ukrainischen Rückeroberungen in der Region Charkiw hat Russland am Samstag einen Rückzug seiner Truppen aus den Städten Balaklija und Isjum erklärt. Das russische Verteidigungsministerium sprach von einer "Umgruppierung". Ein Ministeriumssprecher, den die Nachrichtenagentur Tass zitiert, bezeichnet den Rückzug als einen weiteren Schritt der von Russland so bezeichneten "Befreiung" der ukrainischen Donbass-Region.

Die ukrainische Armee hatte bei ihrer Gegenoffensive im Osten des Landes einen bedeutenden Erfolg erzielen können. Wie der Inlandsgeheimdienst SBU am Samstag bestätigte, drangen Einheiten in die strategisch wichtige Stadt Kupjansk in der Region Charkiw ein. Damit wäre die Versorgung der russischen Truppen im weiten Teilen des Donbass gekappt. In sozialen Medien gab es zudem unbestätigte Berichte über die Einnahme der Stadt Isjum, einem der wichtigsten Stützpunkte der Besatzer.

Über Kupjansk verläuft die Eisenbahnlinie zwischen Russland und Isjum, die aufgrund ihrer erhöhten geografischen Lage von großer Bedeutung für die Kontrolle des gesamten Donbass ist. Entsprechend haben die Invasoren dort bedeutende Kräfte zusammengezogen. Berichten zufolge drohte mehr als 10.000 russischen Soldaten die Einkesselung. Allerdings gab es auch Berichte, wonach die Russen bereits aus Isjum geflohen seien. Die Stadt war Anfang April von den Russen eingenommen worden.

Der Geheimdienst SBU veröffentlichte am Samstag auf Telegram Fotos, die eigene Einheiten in Kupjansk zeigen sollen. "Wir werden unser Land bis auf den letzten Zentimeter befreien!", heißt es dazu. Zuvor hatten bereits ukrainische Medien die Rückeroberung von Kupjansk gefeiert und ein Foto von Soldaten veröffentlicht, die die ukrainische Flagge halten. "Kupjansk ist Ukraine. Ruhm der Armee der Ukraine", schrieb die Charkiwer Spitzenbeamtin Natalia Popowa am Samstag auf Facebook.

Der Militärexperte Philipp Eder sagte im Ö1-Mittagsjournal, die ukrainischen Erfolge seien "für die Moral bedeutsam". Es sei aber noch schwer, diesen taktischen Erfolgen eine strategische Bedeutung zu geben, sagte der Bundesheer-Brigadier. Auf die Frage, ob die Einnahme von Kupjansk der Wendepunkt im Krieg gewesen sein könnte, sagte er: "Wenn es so gewesen wäre, werden wir es später erfahren."

Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach am Freitagabend von mehr als 30 zurückeroberten Siedlungen in der Region Charkiw. "Überall bringen wir die ukrainische Flagge und den Schutz für unser Volk zurück", sagte er in seiner abendlichen Videoansprache. Sowohl im Donbass im Osten der Ukraine als auch im Süden des Landes dauerten die "erbitterten Kämpfe" an, sagte der Präsident. Nach mehr als einem halben Jahr Krieg sind die ukrainischen Truppen bei ihren Gegenoffensiven zuletzt im Gebiet Charkiw sowie im Gebiet Cherson im Süden vorgerückt.

Für Erstaunen unter Beobachtern sorgte das rasche Tempo des Vormarsches in Charkiw, wo die ukrainische Armee Berichten zufolge in nur drei Tagen 50 Kilometer vorgestoßen sein soll. Unklar war jedoch, ob es sich dabei um einen Zusammenbruch der russischen Front oder einen taktischen Rückzug handelte. Erst am Donnerstag hatte Selenskyj die Rückeroberung der Kreisstadt Balaklija im Gebiet Charkiw bestätigt.

Von russischer Seite wurde der Vormarsch der Ukraine eingeräumt. Die russische Militärverwaltung rief Zivilisten in Kupjansk und auch Isjum auf, zu flüchten. Russland hat Schwierigkeiten an der Front eingeräumt und die Entsendung weiterer Truppen angekündigt. Die Einnahme des Verkehrsknotenpunktes Kupjansk erschwert jedoch die Verlegung.

In Regionen im Süden und Osten der Ukraine gab es in der Nacht Luftangriffe. Die ukrainische Armee gab am Samstag in der Früh die Zerstörung einer Behelfsbrücke in der Nähe von Lwowe in der Region Cherson sowie eines Munitionsdepots bekannt. Dort hatte Kiew eine Offensive gestartet, die nach anfänglichen Erfolgen nur langsam voranzukommen scheint. Allerdings berichtete die ukrainische Armee am Samstag, dass sie auch im Süden "zwischen zwei und mehreren Dutzend Kilometern vorgerückt sind".