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Krieg in Slowenien"Und dann saßen wir mit den Kindern im Keller"

Anton Novak, Generalkonsul der Republik Slowenien in Klagenfurt, blickt im Podcast-Gespräch mit Thomas Cik zurück auf die Jahre des Zerfalls des Vielvölkerstaats Jugoslawiens und den 10-Tage-Krieg. „Wir hätten nie damit gerechnet, dass es wirklich zu Kämpfen kommen wird“, sagt der Diplomat im Rückblick. Teil 1 unseres Podcast-Dreiteilers zum Krieg in Slowenien.

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"Wir wollten eine westliche Demokratie sein." Anton Novak im Podcast-Gespräch mit Thomas Cik. © Dieter Kulmer
 

"Als ich 1980/81 in der Armee in Maribor war, gab es schon Spannungen im Kosovo. Ein Teil unserer Einheit wurde dorthin versetzt und bekam Waffen, " erinnert sich Anton Novak. Das war kurz nach dem Tod Titos. Der slowenische Diplomat war gerade Mitte zwanzig und spricht im Podcast darüber, wie das damals war in Slowenien: Als sich der Beginn des Zerfalls Jugoslawiens abzuzeichnen begann, als der Wunsch der Slowenen nach Unabhängigkeit immer größer wurde und letztendlich durch die Unabhängigkeitserklärung und den kurz darauf folgenden 10-Tage-Krieg im Juni 1991 erreicht wurde.

"So war das damals in Jugoslawien" 

Novak ist heute Generalkonsul der Republik Slowenien in Klagenfurt, damals war er Armeeangehöriger. Für ihn war die Armee jener Ort, an dem der Vielvölkerstaat Jugoslawien am stärksten spürbar war, da hier die verschiedenen Ethnien gemischt wurden. "Nur sieben Prozent der Slowenen dienten auch in Slowenien, der Rest musste in andere Republiken gehen – und umgekehrt", so Novak. Er selbst hatte Glück, eine Bekannte war in der Position ihn auf die Liste derer zu schreiben, die in der Heimat bleiben konnten. "So war das damals in Jugoslawien." 

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Und ihn dieser Heimat, so Novak, hatte man schon früh den Eindruck, dass zu viel Geld von Slowenien nach Belgrad floss. "Wir hatten das Gefühl, dass das unsere Entwicklung verhindert, auch die Armeeausgaben. Wir wollten eine westliche Demokratie sein."

In den Achtzigern begannen Intellektuelle in Slowenien über die Unabhängigkeit zu schreiben. Das war nicht ungefährlich: Jože Pučnik musste etwa ins Gefängnis, auch der heutige Ministerpräsident Janez Janša wurde inhaftiert, Proteste in Slowenien waren die Folge.

"Alle die ich kenne, haben für die Unabhängigkeit gestimmt"

Der immer stärker werdende Wunsch nach Unabhängigkeit wurde im Dezember 1990 in einem Referendum unmissverständlich bestätigt. 88,2 Prozent stimmten für die Souveränität. Das nächste halbe Jahr wurde mit großen Mühen versucht, eine Lösung auf diplomatischen Weg zu finden. In enger Absprache mit Kroatien und im Geheimen bereitete man die Unabhängigkeitserklärung vor, am 25. Juni 1991 war es soweit: Ein Grund für die Slowenen zu feiern. Aber dachte man dabei auch an einen Krieg? 

"Wir haben nicht damit gerechnet, das war für uns ein Schock, als wir nach dem Fest der Unabhängigkeitserklärung im Radio gehört hatten, das Panzer auf slowenischen Straßen auffahren." Anton Novak hatte damals gerade seine dritte Tochter bekommen und den Krieg aus nächster Nähe mitbekommen. "Wir konnten vom Fenster aus sehen, wie die jugoslawische Armee einen Radio- und Fernsehsender angriff."

Nach nur 10-Tagen war der Krieg vorbei, schnell kehrte relative Normalität zurück. Aber wie konnte die slowenische Territorialverteidigung die Volksarmee nach so kurzer Zeit besiegen? 

In der jugoslawischen Armee in Slowenien waren Kroaten, Montenegriner, Bosnier – sie hatten keinen Motiv, gegen Slowenen zu kämpfen. Und auch ihre Versorgung funktionierte nicht gut. Soldaten mussten ohne Nahrung und Wasser in heißen Panzern ausharren.

Anton Novak
"In der jugoslawischen Armee in Slowenien waren Kroaten, Montenegriner, Bosnier – sie hatten kein Motiv, gegen Slowenen zu kämpfen. Und auch ihre Versorgung funktionierte nicht gut. Soldaten mussten ohne Nahrung und Wasser in heißen Panzern ausharren." Zugleich sei Slowenien nicht von hoher Priorität für die Serben,  beziehungsweise Slobodan Milošević gewesen.

Anders als in Bosnien oder Kroatien lebten in Slowenien kaum serbische Minderheiten, jene Serben, die im Land waren, waren zerstreut, es gab kein ethnisch serbisches Gebiet wie in anderen Republiken, begründet Novak das Fehlen eines "Bruderkriegs" in Slowenien, der die übrige Region ein Jahrzehnt lang nicht zur Ruhe kommen ließ.  

"70, 80 Prozent der Bucht von Piran sollten slowenisch sein"

Trotz des gemeinsamen Vorgehens mit Kroatien im Prozess bis zur gemeinsamen Unabhängigkeitserklärung kam es nach der Eskalation zu Streitigkeiten um Grenzgebiete zwischen den beiden Ländern. Warum setzte man den Gleichschritt, den man bis zur Unabhängigkeit ging danach nicht fort?

Novak sieht einen Grund in einer laut ihm ungerechten Grenzsetzung zwischen Kroatien und Slowenien nach dem Zweiten Weltkrieg. Er spricht auch den noch immer andauernden Konflikt um die Bucht von Piran an. Diese wäre niemals kroatisch gewesen und sei immer von der slowenischen Polizei kontrolliert worden, auch in Jugoslawien. Plötzlich hätte Kroatien die Hälfte der Bucht beansprucht, kritisiert Novak.

Zugleich spekuliert er, dass die ganze Bucht in slowenischen Händen geblieben wäre, hätte es damals nicht die Entscheidung gegeben, das Gebiet nicht zu okkupieren. Dafür hätte die slowenische Armee ein Zeitfenster von ein paar Stunden gehabt. Stattdessen kam es zu einer Vereinbarung, die die Kroaten nicht anerkennen würden. 

Innerjugoslawische Konflikte werden noch lange bestehen 

Wann gibt es tatsächlich richtigen Frieden, keine nationalistischen, rassistischen Ressentiments mehr zwischen den Menschen im südlichen Balkan? Jüngere Generationen seien mobiler, hätten andere Interessen. Geschichte ist ihnen nicht mehr so wichtig, sie wollen gut leben, meint Anton Novak. Er sieht damit die Hoffnung, dass diese Spannungen einmal abnehmen könnten – irgendwann. Am Beispiel von Bosnien sehe man, dass das nicht schnell geht.  

Im nächsten Teil unserer Podcast-Serie

Gunther Spath, ehemaliger Kärntner Militärkommandant, beobachtete als einer der Strategen und Taktiker des Österreichischen Bundesheers den Zerfall des Nachbarlands Jugoslawien. Im Podcast-Gespräch mit Thomas Cik berichtet er vom bewaffneten Einsatz des Heeres in Südkärnten und kritisiert auch die aktuelle Verteidigungspolitik scharf.

 

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