Der britische Ex-Premier Boris Johnson steht nach Angaben eines Parteikollegen in den Startlöchern für eine erneute Kandidatur um das Amt an der Regierungsspitze. Johnson habe gesagt, er "sei bereit" und wolle antreten, sagte der konservative Abgeordnete James Duddridge am Freitagabend dem Sender Sky News. Zuvor hatten bereits mehrere Medien übereinstimmend berichtet, Johnson habe Interesse an einer Kandidatur.

Mehrere Kabinettsmitglieder sprachen sich bereits für eine Rückkehr des 58-Jährigen aus. Johnson war erst Anfang September nach zahlreichen Skandalen als Premier abgetreten. Er soll sich derzeit auf der Rückreise aus einem Karibik-Urlaub befinden.

Penny Mordaunt kündigte Kandidatur an

Zuvor hatte die für Parlamentsfragen zuständige britische Ministerin Penny Mordaunt als erste ihre Kandidatur für die Nachfolge der scheidenden Premierministerin Liz Truss angekündigt. "Ich bin ermutigt worden von der Unterstützung durch Kollegen, die einen Neustart, eine geeinte Partei und eine Führung im nationalen Interesse wollen", teilte die konservative Politikerin am Freitag auf Twitter mit. Als Parteichefin und Premierministerin wolle sie das Land wieder einen.

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Penny Mordaunt
© APA/AFP/OLI SCARFF

Zudem wolle sie die Wahlversprechen der Tories umsetzen und die nächste Parlamentswahl gewinnen, so die 49 Jahre alte Mordaunt weiter. Truss hatte am Donnerstag nach nur gut sechs Wochen im Amt ihren Rücktritt angekündigt. Wer ihre Nachfolge antritt, soll bereits in der kommenden Woche entschieden werde. Bewerber benötigen dafür die Unterstützung von mindestens 100 Abgeordneten. Bei Abstimmungen in der Fraktion sollen dann zwei Finalisten bestimmt werden, die sich bei einer Online-Wahl dem Votum der Parteibasis stellen.

Mordaunt, die sich bereits nach dem Rücktritt von Truss' Vorgänger Johnson im Sommer um das Amt der Regierungschefin beworben hatte, lag am Freitag nach Zählung britischer Medien bei der Zahl ihrer Unterstützer auf Platz drei hinter Ex-Finanzminister Rishi Sunak und Ex-Premier Johnson. Bis dahin hatte aber noch keiner der drei die notwendige Unterstützerschwelle erreicht.

Wer sind die Kandidaten?

Keine sechs Wochen nach ihrem Einzug in 10 Downing Street, London musste die britische Premierministerin Liz Truss auch schon wieder weichen: Viele Tory-Abgeordnete wollen nach dem Chaos, das sie angerichtet hat, einen "haltbaren" Kandidaten. Wer hätte Chancen, nächster Regierungschef oder nächste Regierungschefin Großbritanniens zu sein?

  • PENNY MORDAUNT (49) ist die Vierte auf der Liste. Sie war überraschend erfolgreich bei den letzten Wahlen zum Parteivorsitz, bis Truss sie in der letzten Fraktionsrunde noch knapp überholte und aus dem Rennen warf. Im September machte Truss sie zur Ministerin für parlamentarische Angelegenheiten. Letztlich sieht sich Mordaunt weder durch die Johnson- noch durch die Truss-Ära sonderlich belastet. Sie war immer "irgendwie da", gehörte aber nie zum inneren Kreis. Gegen sie spricht, dass man wenig über sie weiß. Die Tories wollen nicht den Fehler wiederholen, eine "unerprobte" Kandidatin an die Spitze zu setzen. Andererseits wäre für Mordaunt ein Arrangement zum Beispiel mit Hunt oder Sunak denkbar.
  • JEREMY HUNT (55) glaubt mit Sicherheit, das Zeug zu haben für die Führung, der neue Schatzkanzler spielt inzwischen die zentrale Rolle. Er stellte Truss' Politik prompt auf den Kopf – und verhält sich bereits, als ob er selbst schon Regierungschef wäre. Hunts plötzlicher Aufstieg kam auch für seine Fraktionskollegen überraschend. Bei der Wahl zum Boris-Johnson-Nachfolger in diesem Sommer war er immerhin früh schon ausgeschieden. Aber in der neuen Situation kommt ihm seine langjährige ministerielle Erfahrung zugute. Und er ist fest entschlossen, sich jetzt als Retter in der Not zu präsentieren.

  • RISHI SUNAK (42) ist der zweite Name, der regelmäßig fällt: Sunak war Finanzminister unter Johnson und bei der diesjährigen Vorsitzenden-Wahl klarer Favorit seiner Fraktion. Bei der Mitgliedschaft, die das letzte Wort hatte, fiel er allerdings durch. Die Tory-Aktivisten vertrauten statt auf "konservative Orthodoxie" auf Truss' Verheißung eines schnellen Weges zu mehr Wachstum. Mittlerweile mussten auch sie begreifen, dass es diesen Weg nicht gibt – und dass Sunak mit seinen Warnungen vor gefährlichen Marktturbulenzen genau richtig lag. Das hat ihm zusätzliche Autorität verliehen. Dass er der geeignete Politiker wäre, um Großbritannien durch harte Zeiten zu steuern, wird aber immer wieder bezweifelt. Sein sagenhafter persönlicher Reichtum macht ihn bei ärmeren Briten recht unpopulär.

  • SUELLA BRAVERMAN (42) hat als Vertreterin des rechten Parteiflügels gute Karten im Rennen um die Truss-Nachfolge. Als sie noch das Amt der Innenministerin bekleidete, fuhr sie einen harten Kurs – vor allem in der Migrationspolitik. Alle, die auf illegalen Wegen ins Land kämen, würden zurückgeschickt oder nach Ruanda ausgeflogen, kündigte Braverman an – deren Familie selbst eine Migrationsgeschichte hat. "Die Labour-Partei wird versuchen, uns zu stoppen, die Liberaldemokraten werden verrückt werden und der 'Guardian' wird zusammenbrechen", ätzte sie mit Blick auf die Oppositionsparteien und die liberale Presse. Die "Tofu essende" Linke gehörte zu Bravermans rhetorischem Repertoire. Braverman hielt als Innenministerin genau 43 Tage durch.


  • BORIS JOHNSON (58) Völlig ausschließen will auf der Insel ein Comeback des Ex-Premiers niemand. Truss' roboterhaftes Auftreten hat vielen Konservativen schmerzlich bewusst gemacht, wie sehr sie ihren Wuschelkopf und Wahlmagneten "Boris" vermissen. Vergessen ist freilich nicht, in welche Schwierigkeiten Johnson seine Partei – und wohl auch das Land – brachte. Das Urteil eines Unterhaus-Ausschusses über mögliche Irreführung des Parlaments, das ihn sein Abgeordnetenmandat kosten könnte, steht noch aus. Und bei einer ersten Rede in den USA hat der frühere Regierungschef just satte 150.000 Dollar kassiert – kein schlechtes Geschäft für jemanden, der es schwierig findet, seinen finanziellen Verpflichtungen nachzukommen. Ob Johnson wirklich noch einmal in 10 Downing Street sein will, weiß er vielleicht nicht einmal selbst.