Trotz Verlusten bei der Parlamentswahl im Libanon haben die schiitische Hisbollah und ihre Verbündeten bei der ersten Sitzung des neuen Abgeordnetenhauses einen wichtigen Sieg erzielt. Sie konnten am Dienstag mit knapper Mehrheit ihren Kandidaten für das Amt des Parlamentspräsidenten durchsetzen. Der schiitische Politiker Nabih Berri erhielt 65 Stimmen von 128 Abgeordneten.

Der 84-Jährige hat das Amt seit 30 Jahre inne. Seine Kritiker sehen in ihm eines der Symbole für die korrupte und machtbesessene Führung des Landes.

Das Machtmonopol 

Die eng mit dem Iran verbündete Hisbollah und ihre Verbündeten hatten bei der Parlamentswahl Mitte Mai Verluste erlitten. Ihre Kontrahenten legten dagegen zu. So zogen 13 Vertreter der oppositionellen Protestbewegung in das Parlament ein. Sie wollen das Machtmonopol der Parteien brechen, die im Libanon seit Jahrzehnten regieren.

Bei der Abstimmung am Dienstag erhielt der Kandidat des Hisbollah-Blocks offenbar auch Stimmen von Abgeordneten, die ihm nicht zugerechnet worden waren. Mehrere Abgeordnete schrieben keinen Namen auf den Stimmzettel, sondern Slogans der Opposition, darunter "Gerechtigkeit für die Opfer der Explosion im Beiruter Hafen".

Das politische System des Libanon ist bestimmt durch ein fragiles Gleichgewicht zwischen den Konfessionen. Das Staatsoberhaupt ist immer ein Christ, der Regierungschef ein Sunnit und der Parlamentspräsident ein Schiit. Das Land leidet seit mehr als zwei Jahren unter einer schweren Wirtschaftskrise. Rund zwei Drittel der Bevölkerung leben mittlerweile unter der Armutsgrenze. Es war die erste Parlamentswahl seit der Explosionskatastrophe im Hafen der Hauptstadt Beirut im August 2020 mit mehr als 190 Toten.