Pro & ContraSollten die Olympischen Spiele in China boykottiert werden?

Einige Länder wie die USA oder Großbritannien haben Boykottmaßnahmen gegen Olympia in Peking angekündigt. Warum dies ein wichtiges Signal sein kann und das ÖOC die Spiele in China doch vehement verteidigt. Wolfgang Benedek und Karl Stoss im Pro & Contra.

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Feuerwerk über dem Pekinger Olympiastadion
Feuerwerk über dem Pekinger Olympiastadion 2008 © imago sportfotodienst
 

Pro

Chinas Regierung hat einen Überwachungsstaat
geschaffen. Peking stellt sich damit selbst gegen die olympische Idee. Ein diplomatischer Boykott stellt klar, dass wir das nicht unterstützen. Sportler sind nicht betroffen.

Wolfgang Benedek, Professor für Völkerrecht

Im Jahr 2018 mussten Graz und Schladming ihre Hoffnung, die Olympischen Winterspiele 2026 zu veranstalten, begraben, weil Teile der steirischen Bevölkerung solchen Großprojekten skeptisch gegenüberstehen. Im Fall der Winterspiele in Peking haben bisher die USA, Kanada, Australien und Großbritannien entschieden, keine diplomatischen Vertreter oder andere Regierungsvertreter zu entsenden. Die Sportler und ihre Betreuer sind nicht betroffen, die Wettkämpfe können stattfinden. Ein Boykott sportlicher Veranstaltungen ist grundsätzlich problematisch, soll doch der Sport und nicht die Politik im Vordergrund stehen. Die olympische Idee soll das friedliche Zusammenleben aller Menschen fördern.

China als Veranstalter will sich als deren Vertreter präsentieren. Tatsächlich hält es jedoch in seiner Provinz Xinjiang im Zuge einer allgemeinen Unterdrückungspolitik Hunderttausende Uiguren in Internierungslagern fest, die dort Zwangsarbeit, Umerziehung und Folter erleiden. Die EU hat Sanktionen gegen einige beteiligte Institutionen und Personen verhängt, sie plant auch ein Importverbot für Produkte aus Zwangsarbeit.

Der uigurische Menschenrechtsverteidiger Ilham Tohti erhielt 2019 den Sacharow-Menschenrechtspreis und ist weiter im Gefängnis. Der Träger des Friedensnobelpreises 2010, Liu Xiaobo, musste 2017 im chinesischen Gefängnis sterben, weil ihm trotz schwerer Krankheit eine Entlassung verweigert wurde. In den letzten Jahren hat China systematisch die Freiheitsrechte der Bevölkerung in Hongkong eingeschränkt und die Vertreter der Demokratiebewegung hinter Gitter gebracht. In China selbst errichtete die Regierung einen Überwachungsstaat für die eigene Bevölkerung.

Autoritäre Regierungen neigen dazu, ihr Image mit Großsportveranstaltungen aufbessern zu wollen. So nutzten die Nationalsozialisten 1936 die Olympischen Spiele für ihre Propaganda. Die Boykottentscheidung sendet somit eine Botschaft, nämlich dass die Haltung der chinesischen Regierung den Zielen der olympischen Idee vielfach widerspricht. China selbst ist auch nicht zimperlich mit Boykotten gegen Staaten vorzugehen, die seine Politik nicht teilen, was zuletzt Australien und Litauen erfahren mussten, wo China völkerrechtswidrig Handelsboykotte verhängte. Die westliche Welt, insbesondere die EU, tut gut daran, ihre Werte in Erinnerung zu rufen, um damit zu vermeiden, dass sie durch eine naive Beteiligung am sportlichen Großereignis zur indirekten Unterstützerin des chinesischen Systems wird.

Zur Person

Wolfgang Benedek ist Jurist, Menschenrechtsexperte und Autor. Er war von 2003 bis 2016 Leiter des Instituts für Völkerrecht und internationale Beziehungen an der Karl-Franzens-Universität Graz.

© Jürgen Fuchs, KLZ

Contra

Der IOC-Präsident wird nicht zum Sympathisanten der chinesischen Regierung, wenn er eine dort in Ungnade
gefallenen Sportlerin kontaktiert. Das friedliche Miteinander des Sports ist einmalig – und nicht zu unterschätzen.

Karl Stoss, Präsident des Österreichischen Olympischen
Komitees (ÖOC) und Mitglied des IOC

Wenn IOC-Präsident Thomas Bach mit der chinesischen Tennisspielerin Peng Shuai Videokontakt aufnimmt, im Beisein einer IOC-Athletensprecherin und einer Vertreterin des Chinesischen Olympischen Komitees, gilt er dann automatisch als Sympathisant der chinesischen Regierungs- und KP-Parteispitze? Oder war das nicht der logische Schritt, um einen persönlichen Eindruck zu bekommen? Das führt zur Frage: Ist das IOC dafür verantwortlich, dass traditionelle Wintersportländer ihre Olympia-Kandidaturen nach Volksbefragungen zurückgezogen haben und sich deshalb Peking im direkten Kandidaten-Duell gegen Almaty (KAZ) durchsetzen konnte?

Die Debatte ist scheinheilig und führt am Kern vorbei. Diese eindeutigen Worte fanden der 2-fache Olympiasieger Aksel-Lund Svindal und ÖSV-Star Vincent Kriechmayr. SportlerInnen sind nicht automatisch für Kinderarbeit und gegen Menschenrechte, wenn sie in Peking starten. Es wäre naiv zu glauben, dass AthletInnen durch Verzicht auf ihre Berufsausübung Probleme lösen, die die Politik seit Jahrzehnten nicht in den Griff bekommt.

Wer persönlich ein olympisches Dorf besuchen konnte, der weiß, dass dort Aktive aus aller Welt respektvoll miteinander umgehen. Da sitzen Araber neben Israelis, Moslems neben Christen, Afrikaner Seite an Seite mit Asiaten, Europäern usw. Sie treten unter klaren Regeln an und respektieren die Leistung des anderen. Dieses friedliche Miteinander ist einmalig. Möglich wird das, weil der Sport im Mittelpunkt steht, nicht politische Interessen.

Das IOC ließ sich vom Veranstalter per Vertrag zusichern, dass während der Spiele in Peking Meinungs- und Pressefreiheit zu 100 Prozent gelten. Das gilt für jedes Mitglied des Olympic Team Austria. Es wird keinen Maulkorb geben.

Wir halten es für legitim, dass sich unsere SportlerInnen in Peking ihren sportlichen Lebenstraum erfüllen. Das ist in Zeiten der Pandemie nicht selbstverständlich. Die IOC-AthletInnen-Vertretung und IOC-Präsident Thomas Bach werden sich im Vorfeld um ein persönliches Treffen mit Peng Shuai bemühen. Dass sich die Lebenssituation der 3-fachen Olympia-Teilnehmerin konkret verbessert, bleibt zu hoffen. In jedem Fall ist es ein Schritt in die richtige Richtung. Hätten wir es vor Pyeongchang 2018 für möglich gehalten, dass Nord- und Südkorea unter gemeinsamer Flagge bei Olympia antreten? Auch dadurch wurden nicht alle Probleme gelöst. Aber es war ein überdeutliches Zeichen gegenseitiger Annäherung. Damit liegt der Ball wieder bei der Politik bzw. NGOs.

Zur Person

Karl Stoss, geboren 1956 in Dornbirn in
Vorarlberg, ist Präsident des
Österreichischen Olympischen Komitees (ÖOC) und Mitglied des IOC. Er war von 2007 bis 2017 Generaldirektor der Casinos Austria AG.

Kommentare (12)
Isidor9
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Keine Autorität

Der Herr Benedek ist doch der ,der hochrangige Islamisten zu einer Vortragsreihe auf die Karl Franzens Uni eingeladen hat ( Bericht in der Kleinen Zeitung) und der mit einem führenden Moslembruder ein Buch herausgegeben hat in dem auch andere Moslembrüder zu Wort kommen. Der Herr hat für mich jede Autorität verloren.

heinz31
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zu den Uiguren

Es gibt ca. 15 Mio Uiguren, die hauptsächlich in der chinesischen Region Xinjiang leben. Es handelt sich hier um eine muslimisch geprägte Minderheit. Das Problem in China mit den Minderheiten ist ja bekannt. Die Iguen stellen für die chinesische Regierung insofern ein besonderes "Problem" dar, weil, wie auch im Westen, der Islam von allen Religionen die meisten Angehörigen ihre Religion fanatisch vertreten und sich daher leicht radikalisieren lassen. Und das (radikale islamische Gruppierungen) will China absolut nicht im eigenen Land.
China beobachtet diese Gruppen genau und fischt jeden, der ihrer Meinung nach raikal ist oder gefährdet ist, radikal zu werden, in ihre "Umerziehungslager".
Dieses Programm zur Assimilation wurde öffentlich verkündet und durch den “Überragenden Führer” Xi Jinping im Jahr 2014 begonnen.
Der gewünschte Effekt: keine raikalisierung des Islam.
Da Erdogan hinter seinen Glaubensbrüdern steht, hat er ja schon tausende zu sich ins Land geholt.
Der Westen wird diese Programme nicht stoppen können, da China teils nachvollziehbare Gründe dafür abgibt. Ein Boykott ist daher kontraproduktiv.

Kuan_abc
9
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Es gibt keinen Grund

Wir nähern uns mit grossen Schritten dem chinesischen System an, siehe Meinungsfreiheit in Europa, bist gegen das System oder findest die Entscheidungen der Regierungen nicht ok dann wirst gekündigt, also warum boykottieren? Kritische Personen sind nun mal unangenehm! Also, auf nach China zu den Schulungen, ah sorry zu den Spielen!

Musicjunkie
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Sollten die Olympischen Spiele in China boykottiert werden?

Was denn, etwa genauso wie die Fußball-WM in Katar? 😂😂😂

fwf
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NEIN !

Sport soll nichts mit Politik zu tun haben ! Das sind traditionelle Wettkämpfe der besten Sportler und das sollten sie auch bleiben - keine Druckmittel hysterischer Politiker !

WASGIBTSNEUES
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JA - BOYKOTT

wenn man Rückgrad beweisen will muss man sich distanzieren. Staaten wie China benutzen derartige Veranstaltungen um sich zu profilieren. Im Hintergrund siehts anders aus.
Wie die Vergaben durch das IOC zustande kommen ist ja hinlänglich bekannt. Dasselbe gilt für die Fussball WM in Katar. Auch hier werden die Menschenrechte mit Füssen getreten. Arbeiter, welche an den Baustellen für die Stadien arbeiten, werden ausgenützt, extrem schlecht oder überhaupt nicht bezahlt und es sind hunderte dabei umgekommen. ALSO BOYKOTT - nur für Entertainment sollte der Sport nicht benutzt werden.

user10335
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Staaten, die Menschenrechte unterdrücken, sollten schon von einer Bewerbung für

Olympiade, WM etc. ausgeschlossen werden! Und zu den betroffenen chinesischen Sportlern: Wie in den meisten Staaten (auch Österreich) gehören viele dem Militär oder der Polizei an. In China könnten daher viele aktiv an Menschenrechtsverletzungen beteiligt sein!

goergXV
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???

LEIDER wird der Sport von der Politik mißbraucht !
Da brauchen wir gar nicht so weit gehen: selbst bei uns gibt es ASKÖ, Union und so weiter - ALLES Vereine, die Parteien Nahe stehen.
Von den "großen" Wiener Fußballklubs ganz zu sch´weigen ...

deCamps
7
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Aus meiner Sicht eine klare kompetente Feststellung. Mehr ist nach meiner Meinung dazu nichts zu sagen

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"Im Fall der Winterspiele in Peking haben bisher die USA, Kanada, Australien und Großbritannien entschieden, keine diplomatischen Vertreter oder andere Regierungsvertreter zu entsenden. Die Sportler und ihre Betreuer sind nicht betroffen, die Wettkämpfe können stattfinden. Ein Boykott sportlicher Veranstaltungen ist grundsätzlich problematisch, soll doch der Sport und nicht die Politik im Vordergrund stehen. Die olympische Idee soll das friedliche Zusammenleben aller Menschen fördern."
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Diese Trennung zwischen Politik und Sport ist gerade in der heutigen Zeit eine akzeptable Lösung, um nicht in die eigenen ´Belange eines Staates sich einzumischen und <<<<< anderen Länderstrukturen unseren Willen und unsere Meinung und unsere Lebensweise aufdrängen. <<<<<<
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Es ist schlicht und einfach u.a. rechthaberisch zu sagen, wir sind die Guten, wir sind die Gerechten und haben dabei in unseren Gesellschaften in der westlichen Hemisphäre genug menschenrechtliche, sozialrechtliche, militärische und politische chaotische Zustände. Tendenz steigend.

scionescio
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Natürlich wollen sich die Funktionäre des IOC eine Lustreise nach China nicht nehmen lassen….

…. solange China die Menschenrechte systematisch verletzt und den Klimawandel mit Kohlekraftwerken befeuert, sind olympische Spiele in Peking ein Hohn und sind eine Analogie zu den Spielen 1936 in Berlin.

Die Demokratische Welt kommt auch ohne China zurecht, das chinesische Regime aber nicht ohne die westlichen Exportmärkte … höchste Zeit, dass auch einmal klar zu demonstrieren!

goergXV
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"part of the game"

LEIDER ist auch das IOC von "part of the game" beeinflußt und gesteuert ...
Ist doch das IOC bei FIFA und UEFA "in die Schule" gegangen ...
Es gilt die USV

hbratschi
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18
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es ist spannend,...

...wie lange sich so ein riesenreich mit immer stärkerer werdender gewalt, zensur, überwachung und unterdrückung zusammenhalten lässt. ein boykott der spiele wär zwar ein zeichen aber viel wichtiger wäre, wenn sich die gesamte welt (vor allem europa) nicht so abhängig von china machen würde. aber die gier ist halt ein schwein und solange mit dem geschäft mit china satte gewinne gemacht werden können, wird sich daran nichts ändern. leider...