Hnin Nu HlaingWiderstand in Myanmar: "Wir haben keine Wahl"

Myanmars Junta wird den zivilen Protest gegen ihren Putsch nicht mehr los. Aufgeben ist für Hnin Nu Hlaing keine Option.

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Seit Monaten kommt Myanmar nicht zur Ruhe © AFP
 

Seit das Militär am 1. Februar die Regierung gestürzt hat, gibt es ungebrochen zivilen Protest. Wie leisten Sie Widerstand?
HNIN NU HLAING: Am Anfang bin ich selbst zu den Protesten gegangen, außerdem habe ich eine geheime Facebook-Gruppe gegründet, um die Leute in den ersten Reihen zu unterstützen. Zuerst waren es nur wenige, denen wir helfen konnten, mittlerweile sind es viele Hunderte Menschen. Wir sammeln Geld und Essen und versuchen Demonstranten zu verstecken, wenn sie ins Visier des Militärs geraten. Frauen unterstützen vor allem Frauen.

Die Junta reagierte mit zunehmender Gewalt, seit dem Umsturz wurden fast 800 Menschen getötet, mindestens 4600 sind in Haft. Macht Ihnen das nicht Angst? Wie reagiert man?
Jede Nacht dachte ich daran, ob sie wohl heute kommen und mich verhaften. Wir hatten Nachtwächter in Schichten organisiert, die uns warnten. Mittlerweile sind sie alle tot. Seit das Militär mit immer mehr Gewalt vorgeht, gehen weniger Menschen auf die Straße. Der Protest hat sich verändert. Mehr hin zu spontanen Kundgebungen. Oder auch Streiks, wie bei den Lehrern. Sie unterrichten nicht mehr. Auch die meisten Schüler weigern sich, in den Unterricht zurückzukehren. So will man den Druck auf die Junta erhöhen. Auch ich gehe nicht mehr selbst auf die Straße, seit die Cousine eines Freundes verhaftet, vergewaltigt, gefoltert und schließlich getötet wurde. Die Hilfe für Demonstranten geht im Untergrund aber weiter. Als im März die Junta jedoch begonnen hat, Bekannte in meinem Umfeld zu verhaften, haben mein Mann und ich beschlossen, nach Thailand zu fliehen und von dort aus weiter zu helfen.

Hnin Nu Hlaing

Eigentlich betreibt die 39-jährige Burmesin eine Reinigungsfirma, doch seit das Militär Anfang Februar putschte, ist sie vor allem Aktivistin.

Auch von dort aus machen Sie weiter? Wie so viele andere. Woher kommt dieser Mut?
Wir haben keine Wahl. Wenn wir jetzt aufgeben, werden wir unter der Kontrolle des Militärs für die nächsten Jahrzehnte sein. Wir haben die Demokratie in den vorigen zehn Jahren erlebt und zuvor 50 Jahre Militärdiktatur. Es tat so gut, frei sprechen zu können – etwa über Politik –, ohne dafür verhaftet werden zu können. Nun leben wir wieder jede Nacht in Angst. Wann werde ich verhaftet? Wann werden sie meine Freunde holen? Daran denkt man zu jeder Zeit. Man lebt in permanenter Angst. Niemand kann so auf Dauer existieren. Also ist die Frage: Wie viel mehr Angst kann uns das Militär noch machen? Auch wenn ich heute aufhören würde, Widerstand zu leisten, würde ich weiter Angst haben müssen. Sie greifen auch Unbeteiligte an. Wenn du ihnen nicht zu Gesicht stehst, können sie dich ohne Angabe von Gründen einfach verhaften.

Ist es deswegen so wichtig für Sie, Widerstand zu leisten?
Ja, wir leben bereits in der Hölle, wie viel schlimmer kann es also noch werden? Wir müssen für unsere Rechte aufstehen. Der Keim der Demokratie ist in uns bereits gewachsen. Er lässt sich nicht mehr einfach ersticken.

Die Proteste gehen bereits seit drei Monaten, das Land versinkt immer mehr im Chaos, die Gewalt wird täglich schlimmer. Wie hält man das durch?
Was uns nun einen Hoffnungsschimmer gibt, ist, dass sich die Opposition zu einer Regierung formiert hat. Sie treten nun in Kontakt zur UNO und auch zu den USA. Wir hoffen, sie und wir bekommen Unterstützung. Das macht uns Mut und gibt Hoffnung.

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