Auf dem Markusplatz steht das Wasser immer noch knöchelhoch. In den Gassen werden bunte Plastik-Überzieher für Schuhe und Stiefel ausgegeben. In einem Caffè, das „chiuso“ ist, wischt ein Mann den Fliesenboden wieder und wieder. Der Schlamm ist aus den Fugen nur schwer herauszubekommen. Der modrige Geruch bleibt ohnehin.  Wo das Wasser sonst noch hingekrochen ist, unter Holzböden wahrscheinlich, hinter Vertäfelungen vermutlich, wird sich erst nach und nach zeigen.

Es herrscht wenig Gelassenheit in der Serenissima in diesen Tagen. Obwohl sich die Venezianer mit ihrer Stadt zu arrangieren wissen, die von Anbeginn vom Untergang bedroht war und gerade deshalb den anziehenden morbiden Charme der Vergänglichkeit in sich trägt.
Doch wenn die Katastrophen sich häufen, dann werden auch die Venezianer mürbe und müde. Mitte des 20. Jahrhunderts lebten noch 165.000 Venezianer in der Altstadt Venedigs, heute sind es nur noch 60.000.

Denn Venedig hat mittlerweile von allem zu viel: zu viel Wasser, zu viele Touristen, zu viele Verordnungen, zu viele Handwerksbetriebe, die schließen, und viel zu viele Souvenirverkäufer. Talmiglanz zwischen Häusern, die Geschichte atmen. Kreuzfahrtschiffe, die wie Monster vor dem Dogenpalast aufragen, spucken Tausende Tagestouristen aus. Und auch wenn Venedig im Wasser zu Hause ist, kämpft es ständig gegen die drohende Katastrophe des Untergangs.

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© APA/AFP/FILIPPO MONTEFORTE

Auf Katastrophen folgen Versprechungen. „Wir werden niemanden allein lassen“, versicherte Italiens Regierungschef Giuseppe Conte, der nach dem Hochwasser nach Venedig geeilt ist, um Anteilnahme zu demonstrieren.

Das Meerwasser wird noch immer aus der Stadt gepumpt, der Wasserpegel sinkt, die Menschen in den Geschäften, Büros und Privathäusern putzen, wischen, kehren, räumen. Die Venezianer wissen, wie man Wasser aus den Häusern bringt, ihre Stadt wurde schließlich auf sumpfigen Inseln errichtet. Aber bitte nicht so viel Wasser! Beim jüngsten Hochwasser gab es einen Pegel von fast zwei Metern. Um Soforthilfe leisten zu können, hat Italiens Ministerrat den Notstand für Venedig ausgerufen.

Conte verspricht allen betroffenen Geschäftsinhabern sofort 20.000 Euro, für andere Betroffene gibt es ad hoc immerhin 5000 Euro. Für den nach wie vor überfluteten Markusdom sollen drei Millionen Euro aus dem Kulturministerium flüssig gemacht werden. Die Schäden, die das Salzwasser verursacht hat, sind noch nicht abzuschätzen, werden erst langsam sichtbar.

König Wasser schenkt den Venezianern zwar smaragdgrüne Fluchten und kornblumenblaue Kanäle, er lehrt sie aber auch in immer regelmäßigeren Abständen das Fürchten.
Von Fluten bedroht war Venedig immer schon. Der erste Bericht stammt aus dem Jahr 875. Die Flut und der Schirokko, der aus Südosten weht, hatten schon damals Wasser durch die Öffnungen gedrückt, die das Meer mit der Lagune verbindet.

Seit den 1950er-Jahren häufen sich jedoch die Überschwemmungen. Einerseits ist Venedig abgesunken, andererseits ist der Wasserspiegel der Adria gestiegen. Am 4. November 1966 gab es einen Rekordwasserstand von 194 Zentimetern, der fast ganz Venedig unter Wasser setzte. Dieses Mal stieg der Pegel auf 187 Zentimeter.


Italiens Umweltminister Sergio Costa spricht von einer „Tropikalisierung“ des Klimas in Italien. Noch nie zuvor habe es so häufig so massive Stürme und tropische Niederschläge gegeben.

„Venedig ist ein Symbol für die ganze Welt“, ist auch Venedigs Bürgermeister Luigi Brugnaro überzeugt, „wir sind die vorderste Grenze im Einsatz gegen den Klimawandel.“ Venedig müsse zum Ort werden, wo Wissenschaftler, Experten und Politiker zum Thema Klimawandel auf globaler Ebene beraten. Er fordert die UNO auf, in Venedig eine Agentur des Wassers zu gründen, wo man über Meere, Ozeane und Verschmutzung sprechen müsse.

In Südostasien versinken schon jetzt immer mehr Städte und Inseln im Meer. Die Verletzlichkeit Europas zeigt sich in Venedig zuerst.