Sein Spitzname war „Big Balls“, dicke Eier. Am letzten Wochenende wurde Edward Coristine von zehn Jugendlichen in Washington überfallen, sein tausend Dollar teures iPhone gestohlen. Der 19-Jährige hatte versucht, die Bande daran zu hindern, ein Auto zu stehlen. Coristine hat für DOGE gearbeitet, die schnelle Truppe von Elon Musk, die im Akkord Verwaltungsstellen gestrichen hat. US-Präsident Donald Trump nahm die Attacke auf Coristine persönlich: Unsere Hauptstadt werde von gewalttätigen Gangs und blutdurstigen Kriminellen übernommen, von Mobs von wilden Jugendlichen, vollgedröhnten Verrückten und Obdachlosen, sagte er. Er werde die Hauptstadt nicht mehr der städtischen Polizei überlassen, sondern der Bundesregierung unterstellen, was heißt, der Nationalgarde.

Trump hat nicht nur Washington im Visier. In vielen US-Städten sei die Kriminalität zu hoch, auch in seiner ehemaligen Heimatstadt New York. In Washington, so behauptete Trump, gebe es mehr Kriminelle als in Mexico-City oder Bogota; die Mordrate sei 18 Mal so hoch wie in Havanna. Nationalgardisten sollen noch in diesen Tagen anfangen, zu patrouillieren. Derweil verweisen Kritiker, vor allem aus der Stadtverwaltung darauf, dass die Kriminalitätsrate tatsächlich sinkt.

Washington war 1990 die US-Verbrechenshauptstadt

Washington ist, wie viele amerikanische Städte, segregiert. Es gibt ein Regierungsviertel mit Monumenten und Museen, wo Millionen Touristen flanieren. Aber nur ein paar Häuser weiter liegen Viertel, wo mehrheitlich Afro-Amerikaner wohnen und sich kein Bundesbeamter hinein getraut. Höhere Regierungsangestellte, aber auch Journalisten, leben meist in den Suburbs, wo auch die Schulen weiß sind. Im Nordwesten des Regierungsviertels wurde erst am Montag ein Mann am helllichten Tag auf der Straße erschossen, ganz in der Nähe des Ortes, wo nur Wochen zuvor ein Kongress-Praktikant umgebracht worden war.

Gleichwohl stimmt es, was Trump-Kritiker sagen: Die Kriminalitätsrate ist derzeit die niedrigste seit 30 Jahren: „Nur“ 187 Morde gab es im letzten Jahr in Washington, rund ein Drittel weniger als im Vorjahr. 1991 hingegen, während der Crack-Cocaine-Krise, waren es noch 482 Morde. Der Stadt, die knapp 700.000 Einwohner hat, hatte damals den Ruf, die „Verbrechenshauptstadt“ zu sein – im zehn Mal so großen New York wurden im gleichen Jahr um die 2200 Menschen umgebracht.

Trotzdem: Ein Vergleich mit den gefährlichen 1990er-Jahren ist unredlich. Damals hatte Amerika Gangmorde und Straßenschießereien wie in der Dritten Welt. Trump wendet zudem mit Recht ein, dass es auch andere Gewaltverbrechen gebe, von denen zudem viele nicht angezeigt würden. Die Mordrate in Washington liegt bei 27,3 pro 100.000 Einwohnern, das ist die vierthöchste des Landes und ein Vielfaches von New York oder Boston. Die ersten drei Plätze teilen sich traditionell St. Louis in Missouri, New Orleans in Louisiana und Detroit in Michigan.

Ein noch größeres Problem ist „Carjacking“, gewalttätiger Autodiebstahl. Hier gab es 2023 noch um die tausend Fälle, eine Zahl, die seit 2024 ebenfalls sinkt, aber immer noch hoch ist. Selbst die Trump-kritische „Washington Post“ sprang dem Präsidenten bei. Verbrechen und Schwierigkeiten mit der öffentlichen Ordnung seien tatsächlich ein Problem. Ein nicht ganz so großes wie vor ein paar Jahren, aber so wie bei Krebs sei „das Problem ist etwas geringer“ keine gute Neuigkeit.