Das kleine Rendezvous von Historie und persönlichem Schicksal trägt sich vor aller Augen um eine Minute vor neun zu. Gleich beginnt die Sitzung des Bundestags, gleich soll das deutsche Parlament den neuen Kanzler wählen. Da stehen dieser wohl künftige und der alte voreinander und plaudern. Friedrich Merz neigt, wie immer, den Kopf aus seinen 1,98 Metern hinab — Olaf Scholz reckt sich, wie stets, nicht einen winzigen Millimeter über seine knapp 1,70 hinaus. Beide lächeln — und dann zuckt Scholz für einen winzigen Moment die Schultern. Wenn Bedauern eine Geste hat: dann diese.
Fünf Minuten später startet Parlamentspräsidentin Julia Klöckner den Wahlgang. Geheime Abstimmung, namentlicher Aufruf. Los geht es mit Sanae Abdi, 38, von der SPD, gebürtige Marokkanerin, enden wird es mit Armand Zorn, 36, auch SPD, gebürtiger Kameruner. Das sagt etwas über den Bundestag im Jahr 2025, auch über Deutschland — aber niemand achtet darauf. Spannender sind fürs Publikum die Promis auf den Ehrentribünen. Unter ihnen Altkanzlerin Angela Merkel — und ganz links alleine in Reihe eins Charlotte Merz, eingerahmt von den beiden Töchtern.
Der Tag im Rückblick
Die Stimmung im ganzen Haus ist an diesem Dienstag aufgeräumt — im Plenum aber besonders. Regierungschefinnen und -chefs der Länder, begrüßen und herzen sich ganz überparteilich. Kanzlerwahl bedeutet auch Politikwechsel; da kann Beziehungspflege nur nützen. Einzig rechts außen bleibt die AfD, wie üblich, ganz unter sich.
Im Plenum wird es immer stiller
Und dann, knapp nach zehn, wird es immer stiller unten im Plenum. Und oben kursiert: Merz ist nicht gewählt. 316 Stimmen hätte er gebraucht, 328 haben CDU, CSU und SPD zusammen — gezählt wurden 310. „Der Abgeordnete Friedrich Merz“, sagt Präsidentin Klöckner, „hat die erforderliche Mehrheit nicht erreicht.“ Dann unterbricht sie die Sitzung. Auf unbestimmte Zeit.
Binnen Minuten leert sich das Hohe Haus. Zurück bleiben Stille — und Schrecken. Das hat es in 20 Kanzlerwahlen zuvor nie gegeben. Das ist ein Desaster, zuallererst für die zweite deutsche Demokratie. Und jenseits der Frage, wer Merz die Stimmen verweigert hat, ist da auch eine, die sowohl verfahrenstechnisch wie politisch zu beantworten ist: Wird es nun einen zweiten Wahlgang geben? Dafür braucht es die Zustimmung der Opposition: Linke und Grüne — oder AfD. Für Letztere fordert Co-Chefin Alice Weidel eiligst: „Herr Merz sollte direkt abtreten“ — für „Neuwahlen“. Ihr Chef-Partner Tino Chrupalla jubelt: „Ein guter Tag für Deutschland.“
Unterdessen haben Friedrich Merz und Lars Klingbeil geredet; der designierte Vizekanzler verlässt den designierten Kanzler mit versteinerter Miene. Die Schwarzen wie die Roten beginnen zu beteuern, an ihnen habe es nicht gelegen. Nicht nur, weil die Fakten andere sind, sind alle Zweifel erlaubt. Merz wie Klingbeil haben mit breitbeinigem Agieren — zuletzt beim Nominieren ihrer Regierungsteams — jede Menge Parteifreundinnen und -freunde verprellt. Bekannte wie SPD-Co-Vorsitzende Saskia Esken und CDU-Außenexperte Norbert Röttgen. Und Unbekannte. Erfolgreiche Intrigen werden oft in den hinteren Reihen gesponnen.
325 Stimmen in Runde zwei
Mittags um zwölf meldet sich aus München der bayerische Ministerpräsident Markus Söder. Der sonst so angriffslustige CSU-Chef klingt beschwörend, fast flehentlich. Man möge im Bundestag „daran denken, was auf dem Spiel steht“, mahnt er — und erinnert an das Ende der ersten deutschen Demokratie. Aber alles sei „noch lösbar, noch heilbar“, man könne sogar „einen guten Start hinbringen“.Das klingt sehr nach Pfeifen im tiefdunklen Keller. Wenn das keine Blamage ist vor der Welt — was dann?
Im Schloss Bellevue wartet unterdessen Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier aufs Vereidigen, in Paris und Warschau, wohin Merz an seinem ersten vollen Tag fliegen wollte, wissen sie nicht: Kommt er — oder nicht?
Die Entscheidung fällt nach langen Stunden in einem eigentlich nicht vorgesehenen zweiten Wahlgang. Aber exakt viertel nach vier hat Deutschland einen neuen Kanzler: 325 Stimmen für Merz. Die Union steht sofort, ihr Applaus klingt eher erleichtert als begeistert. Die SPD bleibt sitzen. Bis auf Olaf Scholz. Historie und Schicksal gönnen sich noch ein Date. Scholz streckt Merz die Hand hin — und der alte Kanzler ist der erste Gratulant des neuen.