Die Omnipräsenz von Videoüberwachung des öffentlichen Raums ist in London schon längst Alltag. Doch die neuesten Methoden elektronischer Gesichtskontrolle und des KI-Abgleichs der erfassten Bilder mit vorhandenen Dateien lassen bei Bürgerrechtlern nun die Alarmglocken schrillen – und erinnern an Hollywood Dystopien wie Minority Report“.
Von diesem Monat an sollen die Gesichtszüge aller von den Kameras Erfassten mit behördlichen Datenbanken abgeglichen werden. Damit könnten „Verdächtige schnell identifiziert und verfolgt“ werden, versichert die Polizei. Kritiker warnen aber vor steter Beeinträchtigung der Privatsphäre und fordern dringlich Schutzmaßnahmen. Während früher ausschließlich nach Gewalttätern und Schwerverbrechern gefahndet worden sei, klagen Bürgerrechts-Verbände wie „Big Brother Watch“, suche man jetzt mithilfe von Künstlicher Intelligenz schon gegen antisoziales Verhalten oder das Wegwerfen von Müll vorzugehen.
Herumlungernde Personen sollen identifiziert werden
Unruhe löst etwa aus, dass die betreffenden Systeme inzwischen bereits auf „aggressive Gespräche“ anspringen oder „herumlungernde Personen“ identifizieren. Ein Fall wurde jüngst bekannt, bei dem der Stadtrat von Haringey Kameras auf die Fenster privater Wohnungen in einem Wohnblock ausrichten ließ, weil dort jemand Glasflaschen und Möbel auf die Straße geworfen hatte. Für die massenhafte Prüfung von Gesichtszügen beliebiger Passanten auf den Straßen sollen derweil künftig auch Bilder aus den sozialen Medien oder aus Haustür-Kameras benutzt werden. Überlegt wird auch der Zugriff auf das Führerschein-Register.
Auch Opfern traut man Schlimmes zu
Noch mehr Sorge hat die Enthüllung ausgelöst, dass das Justizministerium glaubt, auf Videos potenzielle Mörder ausmachen zu können. Dabei soll nicht nur nach Personen Ausschau gehalten werden, die in der Vergangenheit auf die eine oder andere Weise straffällig geworden sind. Auch ehemaligen Opfern von Gewalttaten traut man offenbar Schlimmes zu. Der Organisation „Statewatch“ zufolge, die diese Woche an entsprechende Dokumente kam, sollen auch andere „völlig unschuldige Leute“ in eine spezielle Datei eingespeichert werden, wie etwa Personen, die einmal Opfer häuslicher Gewalt waren oder die bei der Polizei aus anderen Gründen Hilfe suchten.
Generell „verdächtige“ Charakterzüge wie psychische Probleme, Drogensucht, Selbstverletzung oder versuchter Suizid sollen ebenfalls berücksichtigt werden. Für die Regierung ist das alles „nur ein Forschungsprojekt“, das „Risiken ermitteln“ und prüfen soll, „wie allgemeine Sicherheit sich verbessern lässt“. Für „Statewatch“ handelt es sich aber um das jüngste Beispiel einer regelrechten „Schreckensvision“ unkontrollierter Überwachung vor allem der Ärmsten und der ethnischen Minderheiten im Lande. Mit ihrer Idee der Aufdeckung „vorhersehbarer Morde“ betrete die britische Regierung gefährliches Terrain.