Trotz der mutmaßlichen Verwechslung sterblicher Überreste einer Geisel durch die Hamas sollen am Samstag sechs von ihr verschleppte Menschen freigelassen werden. Im Gegenzug werde Israel Hunderte palästinensische Gefangene aus der Haft entlassen, teilte die Hamas am Freitag mit. Sie hatte israelischen Untersuchungen zufolge am Donnerstag nicht wie vereinbart die sterblichen Überreste von Shiri Bibas übergeben, sondern die einer unbekannten Frau. Am Abend übergab die Hamas nach eigenen Angaben die Leiche von Bibas an das Rote Kreuz. Dies bestätigte ein Funktionär der Organisation der Deutschen Presse-Agentur. 

Israels Premier Benjamin Netanyahu drohte der Hamas mit Vergeltung. Das israelische Militär teilte mit, die beiden Buben Kfir und Ariel Bibas seien identifiziert worden, nicht aber ihre Mutter Shiri Bibas. Die Identität der Toten sei unklar. Bei den sterblichen Überresten der vierten Person handle es sich um die der Geisel Oded Lifshitz. Er sei offiziell identifiziert worden, erklärte seine Familie. Laut Hamas ist es möglicherweise zu einer Vermischung von sterblichen Überresten nach dem Luftangriff gekommen, bei dem Bibas starb. „Wir weisen auf die Möglichkeit eines Irrtums oder einer Vermischung von Leichen hin“, stand in einer Erklärung der Terrorgruppe. Die Hamas kündigte eine Untersuchung an.

Ariel und Kfir Bibas „mit bloßen Händen umgebracht“

Der Chef des von der Hamas kontrollierten Medienbüros der Regierung im Gazastreifen, Ismail Tawabtah, teilte mit, Shiri sei nach einem israelischen Bombenangriff zusammen mit anderen Opfern unter Trümmern begraben worden. Die sterblichen Überreste hätten nicht mehr eindeutig zugeordnet werden können und seien mit anderen „durcheinander geraten“, schrieb er auf der Plattform X. Diese Angaben lassen sich derzeit nicht unabhängig überprüfen.

Die beiden kleinen israelischen Geiseln Ariel und Kfir wurden nach israelischer Einschätzung von ihren Entführern im Gazastreifen ermordet. „Im Gegensatz zu den Lügen der Hamas wurden Ariel und Kfir nicht bei einem Luftangriff getötet, sondern kaltblütig ermordet“, sagte Armee-Sprecher Daniel Hagari. „Die Terroristen haben die beiden Buben nicht erschossen - sie haben sie mit bloßen Händen umgebracht“, fügte er hinzu. Anschließend hätten die Terroristen „grausame Taten“ begangen, um ihre Gräueltaten zu vertuschen, sagte Hagari. Diese Einschätzung stütze sich auf die forensischen Ergebnisse der Identifizierung der am Donnerstag übergebenen Leichen.

Netanyahu: „Grausamer und bösartiger Verstoß“ gegen Abkommen

„Wir werden entschlossen handeln, um Shiri zusammen mit all unseren Geiseln - den lebenden und den toten - nach Hause zu bringen und sicherzustellen, dass die Hamas den vollen Preis für diesen grausamen und bösartigen Verstoß gegen das Abkommen zahlt“, sagte Netanyahu. Er warf der Hamas vor, „auf unsagbar zynische Weise“ gehandelt zu haben, indem sie die Leiche einer Frau aus Gaza in den Sarg gelegt habe und nicht die von Shiri Bibas. Auch der israelische Botschafter in Wien, David Roet, sprach von einem „zynischen Akt“. Bibas war zusammen mit ihren beiden Söhnen und ihrem Ehemann Jarden bei dem Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 entführt worden. Kfir wurde neun Monate alt, Ariel vier Jahre. Jarden Bibas wurde im Februar freigelassen worden.

Das israelische Militär warf der Hamas vor, die bereits ins Wanken geratene Waffenruhe zu verletzen. „Dies ist ein äußerst schwerwiegender Verstoß durch die Hamas, die gemäß der Vereinbarung verpflichtet ist, vier tote Geiseln zu übergeben“, erklärte das Militär und forderte die Übergabe von Shiri Bibas und aller Geiseln. Die Familie Bibas wurde im Kibbuz Nir Oz entführt. Im November 2023 teilte die Hamas mit, die Buben und ihre Mutter seien bei einem israelischen Luftangriff getötet worden. Die israelischen Behörden wollten den Tod erst nach einer vollständigen DNA-Untersuchung bestätigen, bei der sich nun herausstellte, dass die übergebene Frauenleiche nicht Shiri Bibas ist. Auch Lifshitz war aus dem Kibbuz verschleppt worden, den er einst mitgegründet hatte.

Sechs Geiseln und über 600 Palästinenser sollen freikommen

Das Internationale Komitee des Roten Kreuzes (IKRK) zeigte sich besorgt über die Art und Weise der Übergabe von Geiseln durch die Hamas. Das IKRK beteilige sich nicht an der Auswahl oder Untersuchung der Toten, „dies liegt in der Verantwortung der Konfliktparteien“. Es kritisierte, dass die Übergaben nicht privat und in würdevoller Weise erfolgen. Das Rote Kreuz übernimmt die Geiseln von der Hamas und fährt sie zu israelischen Truppen im Gazastreifen, die sie dann nach Israel bringen. Die Hamas hat die Geiseln - auch die vier Särge am Donnerstag - auf einer Bühne zur Schau gestellt.

Es war die erste Übergabe von toten Geiseln seit Beginn der Waffenruhe am 19. Jänner. Auf sie soll am Samstag die Freilassung von sechs lebenden Geiseln folgen. Die Hamas nannte am Freitag die Namen der sechs von ihr festgehaltenen Menschen. Unter ihnen ist auch der Austro-Israeli Tal Shoham. Im Gegenzug sollen der Hamas zufolge 602 palästinensische Gefangene - vermutlich vor allem Frauen und Minderjährige - aus israelischer Haft freikommen.

Rubio: Hamas muss ausgerottet werden

"Dies ist ein neuer Tiefpunkt, ein Übel und eine Grausamkeit, die ihresgleichen sucht", sagte Israels UN-Botschafter Danny Danon laut der "Times of Israel" in einer Mitteilung. Die Hamas habe eine nicht identifizierte Leiche anstelle der Mutter von zwei - vor mehr als 16 Monaten in den Gazastreifen verschleppten und dann ermordeten - Buben zurückgegeben, "als ob es sich um eine wertlose Lieferung handelte", wurde Danon zitiert. Die Terrororganisation verstoße auch nach dem Tod der Kinder "gegen alle moralischen Grundwerte".

US-Außenminister Marco Rubio forderte zuvor, die Hamas müsse "ausgerottet" werden. "Die Hamas ist das Böse - das reine Böse - und muss ausgerottet werden. ALLE Geiseln müssen JETZT nach Hause kommen", schrieb Rubio auf der Plattform X. Sein Beitrag erschien vor der Nachricht, dass es sich bei der Frauenleiche nicht um Shiri Bibas handele.

Israels Armee informiert Familie Bibas

Die israelische Armee informierte unterdessen nach eigenen Angaben die Familie Bibas über den Tod der beiden Kinder Ariel und Kfir Bibas. Ariel sei zum Zeitpunkt seines Todes vier Jahre und Kfir zehn Monate alt gewesen. Der Vater der Kinder, Jarden Bibas, war kürzlich in Gaza freigelassen worden.

Beratungen über die Zukunft Gazas

Unterdessen kamen am Freitag in Saudi-Arabien die Staats- und Regierungschefs Ägyptens und Jordaniens sowie der Golfländer zusammen, um über einen möglichen Wiederaufbau des Gazastreifens zu beraten. Geplant sei ein "informelles brüderliches Treffen" in Riad, wie die saudi-arabische Staatsagentur SPA berichtete. Es finde statt im Kontext vergangener Treffen dieser Art und als Vorbereitung auf das Gipfeltreffen in Kairo zur Lage in dem abgeriegelten und verwüsteten Gazastreifen, das für Anfang März geplant ist.

US-Präsident Donald Trump hatte mit einem umstrittenen Vorschlag, die rund zwei Millionen Bewohner Gazas dauerhaft in arabische Staaten umzusiedeln, für Unruhe in der Region gesorgt. Ägypten, Jordanien und andere arabische Länder der Region lehnen solche Pläne strikt ab. Ägypten will mit einem eigenen Plan für den Wiederaufbau des Gazastreifens verhindern, dass die USA und der Verbündete Israel den Vorschlag Trumps weiter vorantreiben. Israel lehnt eine Fortsetzung der Hamas-Herrschaft im Gazastreifen ebenso ab wie eine Kontrolle des Gebiets durch die Palästinensische Autonomiebehörde.