Der frühere US-Präsident Jimmy Carter starb am 29. Dezember 2024 im Alter von 100 Jahren. Das berichtete die Zeitung „Atlanta Journal-Constitution“ am Sonntag. Der Friedensnobelpreisträger und 39. Präsident der Vereinigten Staaten feierte am 1. Oktober seinen 100. Geburtstag. Carter war der erste ehemalige US-Präsident, der dieses Alter erreicht hatte. Seine Amtszeit (1977-1981) liegt fast ein halbes Jahrhundert zurück.
Der Demokrat galt als glückloser Präsident. Als er abgewählt wurde, haftete ihm der Ruf eines weltfremden Idealisten an, dem als Staatsmann die politische Durchsetzungskraft fehlte. Später aber wurde er immer wieder als „bester Ex-Präsident“ des Landes gewürdigt.
Bescheidener, ruhiger Politiker
Erst nach dem Ende seiner Amtszeit stieg er zur vollen Beliebtheit auf: US-Präsident Jimmy Carter wurde 1924 im US-Bundesstaat Georgia geboren. Er verbrachte seine letzten Tage im Kreis seiner Familie in seinem Haus in Plains, Georgia, dem Dorf, wo er geboren wurde und aufgewachsen ist. Zwei Jahre zuvor hatte er seine Krankenhausbehandlung abgebrochen. Er starb 13 Monate nach dem Tod seiner Frau Rosalynn, mit der er 77 Jahre verheiratet war.
Zuletzt hat sich der Demokrat - der zuletzt noch seine Stimme für Kamala Harris abgegeben hatte - bei Habitat for Humanity engagiert und noch im hohen Alter selbst Hand angelegt, Häuser für mittellose Amerikaner zu bauen. Für sein „Carter Center“, das sich für Menschenrechte einsetzt, bekam der bescheidene, ruhige Politiker 2002 den Friedensnobelpreis. Seine Präsidentschaft aber war überschattet von der Geiselnahme in der US-Botschaft in Teheran 1978, an der letztlich seine Wiederwahl scheiterte.
Letzter öffentlicher Auftritt im Oktober 2024
Carters letzter öffentlicher Auftritt war am 1. Oktober 2024, an seinem 100sten Geburtstag, als eine Staffel von Militärflugzeugen zu seinen Ehren über sein Haus in Georgia flog. Da saß er bereits im Rollstuhl. Sein Sohn Chip Carter sagte heute, er sei ein Held gewesen für alle, die in Frieden, Menschenrechte und selbstlose Liebe glaubten.
Respektvolle Trauerbekundung von Donald Trump
Der designierte US-Präsident Donald Trump postete auf Truth Social — ungewöhnlich milde —, Carter habe sich als Präsident zentralen Herausforderungen konfrontiert gesehen und alles getan, was er konnte, um das Leben aller Amerikaner zu verbessern. „Dafür schulden wir alle ihm Dankbarkeit.“ Chuck Schumer, der Mehrheitsführer der Demokraten im Senat sagte, Carter sei einer „unserer demütigsten und engagiertesten Diener des Staates“ gewesen. Auch Republikaner, vor allem in Georgia, gedachten seiner.
Biden: „Leben voller Sinn und Bedeutung“
Nach dem Tod des ehemaligen US-Präsidenten gab es weltweit Trauerbekundungen. Der aktuelle US-Präsident Joe Biden würdigte seinen demokratischen Parteifreund in Reaktion auf dessen Tod als „Mann der Prinzipien, des Glaubens und der Bescheidenheit“. „Amerika und die Welt haben einen außergewöhnlichen Anführer, Staatsmann und Humanisten verloren“, schrieben Biden und seine Ehefrau Jill in einer am Sonntag veröffentlichten Erklärung. „Wenn jemand danach sucht, was ein Leben voller Sinn und Bedeutung ist - ein gutes Leben - schaut auf Jimmy Carter, einen Mann der Prinzipien, des Glaubens und der Bescheidenheit“, hieß es darin. Biden kündigte ein Staatsbegräbnis für Carter an.
Würdigung von Ex-Präsidenten Bill Clinton, Barack Obama und George W. Bush
Der frühere US-Präsident Bill Clinton (1993-2001), ebenfalls ein Demokrat, erklärte in seiner Reaktion auf Carters Tod, dieser habe „unermüdlich für eine bessere und gerechtere Welt“ gearbeitet. Der frühere und designierte US-Präsident Donald Trump (2017-21) von den Republikanern erklärte, die Amerikaner schuldeten Carter Dankbarkeit dafür, dass er „alles in seiner Macht stehende tat, um das Leben aller Amerikaner zu verbessern“.
Ex-Präsident Barack Obama (2009-17) würdigte seinen demokratischen Parteifreund Carter als Vorbild für „Würde und Gerechtigkeit“. Dieser „hat uns alle gelehrt, was es heißt, ein Leben in Anmut, Würde, Gerechtigkeit und im Dienste“ anderer zu führen, erklärte Obama am Sonntag im Onlinedienst X. Er und seine Frau Michelle „senden unsere Gedanken und Gebete an die Familie Carter und an alle, die diesen bemerkenswerten Mann geliebt und von ihm gelernt haben“.
Carter sei ein „Mann mit tiefen Überzeugungen“ gewesen, erklärte der republikanische Ex-Präsident George W. Bush. Sein Vermächtnis werde die Amerikaner „über Generationen hinweg inspirieren“. Carters „Bemühungen, eine bessere Welt zu hinterlassen“, seien dabei „nicht auf seine Präsidentschaft“ beschränkt gewesen. Bush hob hierbei insbesondere Carters Einsatz im Rahmen seiner gemeinnützigen Organisation Carter Center hervor. Als Beispiele für Carters Engagement nannte er den Bau bezahlbarer Wohnungen, die öffentliche Gesundheit und die Demokratie weltweit.
„Die Zeit der rassistischen Diskriminierung ist vorbei“
Carter war als junger Mann Navy-Offizier, übernahm dann aber die Erdnussfarm seines Vaters. 1962 ging er in die Politik, zunächst in Georgia. Der kirchentreue, gläubige Baptist, der im segregierten Süden aufgewachsen war, trat schon früh gegen die Rassentrennung auf, auch gegen seine eigene Partei. Als er jedoch als Gouverneur von Georgia kandidierte, änderte er seinen Ton und appellierte auch an Rassisten. 1971 aber, nachdem er tatsächlich gewählt worden war, erklärte er zum Schock vieler Wähler: „Die Zeit der rassistischen Diskriminierung ist vorbei.“ Anders, sagte er später, wäre er im Süden nicht gewählt worden.
Als er in die Bundespolitik ging, war Richard Nixon Präsident, ein Republikaner, und der Watergate-Skandal erschütterte die Nation. Carter war damals außerhalb von Georgia praktisch unbekannt, nutzte das aber zu seinem Vorteil. Er präsentierte sich als Außenseiter gegen die Washingtoner Elite. Seinen Wahlkampf führte er fleißig und gründlich, mit Hilfe unzähliger Aktenordner und Notizblätter. Saturday Night Live machte sich einmal über seine Detailverliebtheit lustig: In der Satiresendung erklärte Dan Aykroyd als Carter-Darstellerin einer Anruferin, wie sie eine Postsortiermaschine besser einstellt. Damals gestand er dem Playboy, dass er Frauen mit Lust betrachtet habe und in seinem Herzen ein Sünder sei; das wurde ihm von konservativen Christen übelgenommen, kostete ihn aber nicht den Wahlsieg.
Umstrittene Amnestie als erste Amtshandlung Carters
Umstritten war auch seine erste Amtshandlung: Eine Amnestie für junge Männer, die sich der Einberufung zum Vietnamkrieg entzogen hatten. Die Amnestie galt nicht für Deserteure und auch nicht für die Hunderttausenden, die geflüchtet waren, meist nach Kanada. Er wurde von allen Seiten kritisiert. Der Krieg war erst zwei Jahre vorher, 1975, zu Ende gegangen, um die 60.000 amerikanische Soldaten waren gestorben.
Seine Präsidentschaft fiel dann in eine Wirtschaftskrise — die US-Regierung musste Chrysler mit Milliardenzuschüssen retten —, die in die Ölkrise von 1979 mündete. Carter trug vor der TV-Kamera demonstrativ Strickjacke und ließ die Heizung im Weißen Haus herunterdrehen. Er plädierte für Solarenergie, als er aber versuchte, Benzin zu rationieren, scheiterte er am Widerstand des US-Kongresses.
Seine Außenpolitik hingegen war zunächst durchaus erfolgreich. Er brachte den israelischen Premier Menachem Begin und den ägyptischen Präsidenten Anwar Sadat dazu, ein Friedensabkommen zwischen ihren Ländern in Camp David zu unterzeichnen und einigte sich mit Panama über den Kanal. Und er setzte Nixons Taupolitik mit China fort, vor allem nachdem die Sowjetunion in Afghanistan einmarschiert war.
Carter rückte in seinem politischen Herbst deutlich nach links
Dann aber kam die Geiselnahme im Iran. Die Beziehungen zwischen Washington und Teheran waren gespannt, seit CIA-Chef Allen Dulles 1953 den gewählten Präsidenten Mohammad Mosaddegh gestürzt und durch den Schah ersetzt hatte. Der Schah wurde wiederum 1979 von revolutionären Islamisten unter Ayatollah Khomeini gestürzt. Carter gewährte ihm Asyl und weigerte sich, den Verbündeten an den Iran auszuliefern. Tage später besetzten Studenten die US-Botschaft in Teheran und hielten 55 Amerikaner gefangen. Ein militärischer Befreiungsversuch scheiterte.
Dass die USA den Irak im irakisch-iranischen Krieg unterstützten, verschlechterte das Verhältnis noch mehr. Erst nach 444 Tagen ließ Khomeini die Gefangenen frei — an dem Tag, an dem Carters Nachfolger Ronald Reagan Präsident wurde. Oft wurde gemutmaßt, dass Reagan (respektive sein Vizepräsident George W. Bush) mit der iranischen Führung insgeheim um das Datum verhandelt hatte; das behauptete etwa der damalige iranische Präsident Abolhassan Bani-Sadr. Bewiesen wurde es nie.
Carter engagierte sich erst in späteren Jahren wieder in der Politik, und er war nun deutlich nach links gerückt. Er kritisierte die israelische Besatzungspolitik in der Westbank, traf sich mit Nelson Mandela — der Reagan als Terrorist galt — und sprach sich gegen den Irakkrieg und die Drohnenattacken von Barack Obama aus.