Der als rechtsradikal geltende Präsidentschaftskandidat Călin Georgescu, der am Sonntag in Rumänien zum Staatsoberhaupt gewählt werden könnte, hat zwischen 2011 und 2021 in Österreich gelebt. Seine österreichischen Aktivitäten bleiben jedoch weitgehend im Dunkeln, zu belegen ist bloß eine einzige ehrenamtliche Tätigkeit in einer NGO in Wien. Kontakte pflegte er indes zum Bürgermeister des niederösterreichischen Günselsdorf, wo er vor seiner Rückkehr nach Rumänien wohnte.

Eintragungen im österreichischen Grundbuch lassen darauf schließen, dass Georgescu im Jahr 2011 aus einem Bukarester Plattenbau nach Mödling und 2014 weiter nach Alland im Bezirk Baden zog. Später war seine Familie - er, Gattin Cristela-Elena und zwei Söhne - von 2017 bis 2021 in der Gemeinde Günselsdorf, ebenso Bezirk Baden, ansässig.

Osterweiterung und Securitate im „Club of Rome“

Georgescus Beziehungen nach Österreich reichen in die Zeit vor seiner Übersiedlung zurück. So wurde der damalige Nachhaltigkeitsexperte bereits 2009 im Internet als Vorstandsmitglied des Vereins „The Club of Rome - European Support Centre“ mit Sitz in Wien geführt. Ende der Neunzigerjahre gegründet sollte dieses „Europabüro des Club of Rome“ eine Osterweiterung des auf Ökologie- und Wirtschaftsfragen spezialisierten „Club of Rome“ vorantreiben und neue „Chapter“ (Landesorganisationen, Anm.) in Osteuropa unterstützen.

Die damals involvierten österreichischen Vereinsfunktionäre können sich nicht mehr genau erinnern, wie Georgescu konkret in den Vorstand kam. Naheliegend ist jedoch ein Zusammenhang mit dem rumänischen „Chapter“, das laut Wahrnehmung von „Europabüro“-Mitbegründer Siegfried Sellitsch seinerzeit von „Jungen mit den blauen Augen“ gegründet worden sei. „So hat man ehemalige Securitate-Mitarbeiter genannt“, erzählte der pensionierte Versicherungsmanager der APA unter Verweis auf den rumänischen Geheimdienst.

2010 avancierte der 1962 geborene Rumäne jedenfalls zum ehrenamtlichen Vorsitzenden dieses „Europabüros“ in Wien, dessen Existenz seinerzeit auch von rechtsextremen Verschwörungstheoretikern wahrgenommen wurde: In einer einschlägigen Internetpublikation wird er deshalb als eine jener Personen gelistet, die eine neue „Weltordnung“ kreieren wollen. Mittlerweile als Politiker prangert er ein „Weltoligarchensystem“ an.

Ehrenamtlicher UNO-Sonderberichterstatter

Georgescus Karriere im „European Support Centre“ währte jedoch nicht lange: Ohne seinen österreichischen Partnern plausible Gründe zu nennen, ließ er den Verein in Wien im Herbst 2013 auflösen. Gleichzeitig blieb er dem „Club of Rome“ treu - zwischen Juli 2011 und März 2021 war er Mitglied des Internationalen Sekretariats mit Sitz im schweizerischen Winterthur, erklärte man dort auf APA-Nachfrage.

Ebenso im Zusammenhang mit der Schweiz stand auch eine weitere Tätigkeit des Wahlniederösterreichers: Zwischen 2010 und 2012 wirkte er als UNO-Sonderberichterstatter zu Auswirkungen von Umweltverschmutzung auf die Menschenrechte und verfasste für das UNO-Menschenrechtskommissariat in Genf unter anderem einen breit rezipierten Bericht über die Auswirkungen von historischen US-Atomtests im Bikini-Atoll der Marshallinseln. Entlohnt wurde diese Arbeit jedoch kaum: „Sonderberichterstatter sind ehrenamtliche Funktionen, wo man von den Vereinten Nationen nur die Reise- und Aufenthaltskosten, also das ist in der Regel ein Taggeld, bekommt“, erläuterte Manfred Nowak, selbst ehemaliger UNO-Sonderberichterstatter.

Unklar, wovon die Georgescus in Österreich lebten

Obwohl die Familie bereits bei ihrem Zuzug 2011 Immobilien in Niederösterreich ganz ohne Hypothekarkredite im Wert von 530.000 Euro erwerben und später 2014 bzw. 2017 für höhere Summen weiterverkaufen konnte, bleibt angesichts der ehrenamtlichen Engagements unklar, wovon die Georgescus in ihren zehn österreichischen Jahren eigentlich lebten. Von Călin Georgescu selbst sind keine weiteren Jobs in Österreich bekannt, er war nach Angaben des Außenministeriums in Wien vor Ort auch nie als Diplomat akkreditiert.

Laut dem Nachrichtenmagazin „Profil“ hatte zumindest seine Ehefrau von August 2019 bis März 2021 eine Gewerbeberechtigung als „Humanenergetikerin“ und bot in einer Gemeinschaftspraxis in Schönau an der Triesting entsprechende Dienstleistungen an. Die häufigen Corona-Lockdowns ab dem Frühjahr 2020 dürften jedoch geschäftsschädigend gewesen sein: „Die Arbeit in der Praxis kann erst dann wieder frei aufgenommen werden, wenn die Maßnahmen und Beschränkungen unter dem Vorwand von Covid-19 aufgehoben und vom österreichischen Verfassungsgerichtshof für rechtswidrig erklärt werden“, schrieb Cristela-Elena Georgescu in einer mit Februar 2021 datierten Aktualisierung auf ihrer Homepage. Fünf Monate später verkaufte das Ehepaar das Domizil in Günselsdorf und kehrte Österreich den Rücken.

Niederösterreichischer Bürgermeister als Gesprächspartner

„Der Grund - so haben sie uns gesagt - für die Rückkehr war, dass er beruflich nicht Fuß fassen konnte“, erzählte der Günselsdorfer Bürgermeister Alfred Artmäuer. Die Georgescus hätten in seiner unmittelbaren Nähe gewohnt und man habe sich gerade im Sommer fast jeden Tag gesehen. Er könne nichts Schlechtes über die Familie sagen, betonte der Gemeindepolitiker. Der zurückgezogen lebende Călin Georgescu, der anders als seine Gattin nur schlecht Deutsch spreche, sei nie ausfällig geworden, er habe nie antisemitische Aussagen getätigt oder sich als Russland-Freund positioniert.

Gleichzeitig habe der nunmehrige Politiker betont, dass er es nicht wolle, wenn das Ausland zu viel Einfluss auf seine Heimat habe. Ihm gegenüber habe Georgescu aber auch kritisiert, ́dass die NATO eine Aufrüstung in Milliardenhöhe verlange, während alte Menschen in Rumänien nur sehr kleine Pensionen erhielten und nicht wüssten, wovon sie leben sollen. „Das hat er nicht verstanden“, sagte Artmäuer. Nach dem Wochenende will der Bürgermeister seinen guten Bekannten unabhängig vom Wahlergebnis erneut kontaktieren.