"Trau‘ Dich“, lautet der Titel des jüngst von Ihnen herausgegebenen Buches. Wagen die Leute heute etwa zu wenig?
MICHAEL STEINER: Trau dich“ wird meist formuliert von Leuten, die selbst dazu nicht genügend Energie aufbringen. Sowohl individuell als auch kollektiv leben wir in einer Zeit, die mutlos und risikoavers ist – die „Risikogesellschaft“ will kein Risiko mehr eingehen.

Was sind die Gründe?
Ängste, Zukunftszweifel, Impfverweigerung, geringe Verteidigungsbereitschaft, die Erwartung, dass alle Gefährdungen staatlich aufgefangen werden, prägen zeitgeistige Befindlichkeiten und Ansprüche.

Was macht der Verlust der Risikobereitschaft mit uns?
Es droht geistiger, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Stillstand. Darum brauchen wir die Sich-Trauenden. Sie sind im Kontext des Möglichen für den Fortbestand unserer Welt unerlässlich. Sie sind die Schwerarbeiter für reflektierten Fortschritt. Ihre Arbeit setzt das Vertrauen auch vieler anderer in die Gestaltbarkeit unserer individuellen und kollektiven Umstände voraus, die nicht nur verbesserungswürdig, sondern auch verbesserungsfähig sind.

Woran denken Sie da konkret?
Im wirtschaftlichen Bereich fehlt uns eine ausreichende Zahl an mutigen Innovatoren – Europa fällt diesbezüglich hinter die USA und China zurück. Gesellschaftlich ist es das Klima vollversorgter Langeweile, in dem es sich viele Komfortzonenbewohner gemütlich machen und „den Staat“ und „die Politik“ als Alleslöser einfordern. In der Welt des Geistigen ist es die mangelnde Bereitschaft, sich auf die Suche nach Sinn einzulassen und das Wagnis des Glaubens einzugehen – mit allen Zweifeln, Irrungen und Wirrungen, die damit verbunden sind.


Tatsächlich erweist sich vieles, was im Moment als mutig erscheint, im Nachhinein eher als unbedacht. Braucht es mitunter nicht auch Mut zum Widerspruch?
Misstraue dem Imperativ der scheinmutigen Zurufe und der klar scheinenden Vorgaben! Wir brauchen auch die mutigen Widersprecher, die Zweifel anmelden. In ihrer übertriebenen Version sind sie individuell-anarchistische Rebellen, die jegliche Regeln als Diktat empfinden. In ihrer sinnvollen Variante sind sie vorsichtige Skeptiker, die davor warnen, sich vom Wunschdenken treiben zu lassen.

Es geht also um die Balance zwischen Mut und Skepsis?
Ein sinnvolles „Trau dich“ ist auf der ständigen Suche nach einem Gleichgewicht zwischen forsch voranschreitenden Abenteurern und vorsichtigen Mahnern. Wir brauchen die brüchige Koexistenz von Mut und Widerspruch, von einem utopischen Realismus und einer konstruktiven Skepsis.