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Anschlag in WienTerrorismusexperte: "Wien ist ein einfaches und attraktives Ziel"

Nicolas Stockhammer: "Unmittelbarer Anlass waren die Mohammed-Karikaturen in Frankreich." Aber der Terrorismusexperte sieht aber einen Unterschied zu den Anschlägen in Paris, Nizza und Dresden. Lockdown habe den Anschlag vermutlich früher stattfinden lassen als geplant.

Terrorismusexperte Nicolas Stockhammer
Terrorismusexperte Nicolas Stockhammer © APA/Herbert Pfarrhofer
 

Warum wurde Wien zum Schauplatz eines Terroranschlags? Der Terrorismusexperte Nicolas Stockhammer von der Universität Wien sieht auf Basis der derzeitigen Erkenntnisse zwei Gründe dafür: Die Bundeshauptstadt sei einerseits ein relativ "leichtes Ziel" für Terroristen, anderseits habe Wien als Sitz internationaler Organisationen "Attraktivität als terroristisches Ziel", so Stockhammer am Dienstag gegenüber der APA.

Unmittelbarer äußerer Anlass der Tat war laut Stockhammer die Wiederveröffentlichung der Mohammed-Karikaturen in Frankreich. Die terroristische Bedrohung für ganz Europa sei seitdem "graduell überall größer". Im Gegensatz zu den jüngst erfolgten Terroranschlägen bei Paris, in Dresden und in Nizza sieht der Experte bei dem Anschlag in Wien aber "einen qualitativ großen Unterschied". "Während überall nur Hieb- und Stichwaffen verwendet wurden, wurden in Wien Schusswaffen eingesetzt", sagt er.

Wenig Polizeipräsenz

"Wien ist ein relativ weiches Ziel mit vergleichsweise wenig Polizeipräsenz", sagt der Experte. "Aufgrund der freiheitlichen Lebensweise wurde bewusst darauf verzichtet, schwer bewaffnete Sicherheitskräfte durch die Straßen laufen zu lassen wie das in anderen europäischen Städten der Fall ist." Zugleich stehe Wien als diplomatische Drehscheibe und Hauptstadt eines neutralen Landes sowie aufgrund der Lage im Herzen Mitteleuropas im internationalen Fokus. Das zeige sich auch nun an der internationalen Aufmerksamkeit für den Anschlag, so Stockhammer.

Der Experte geht davon aus, dass der Anschlag eigentlich für einen späteren Zeitpunkt geplant war und wegen des bevorstehenden Lockdowns kurzfristig früher als geplant durchgeführt wurde. Die Planung für einen derartigen Anschlag dauere nur wenige Tage bis zwei Wochen, wenn es sich um eine organisierte Zelle handle. Andernfalls würden dir Vorbereitungen länger dauern. Durch die Coronavirus-Pandemie seien natürlich auch Ressourcen der Sicherheits- und Abwehrkräfte gebunden, wenn diese etwa schauen müssten, ob die Corona-Maßnahmen oder die Ausgangssperre eingehalten werde.

Nicht überraschend

Völlig überraschend sei der Anschlag nicht, meint der Experte. Denn es habe in den vergangenen Jahren diverse Vorfälle gegeben und auch den einen oder anderen vereitelten Anschlag. "Wien ist nicht die Insel der Seligen, wie es von vielen gerne oft gesehen wird", so Stockhammer. Es habe auch immer wieder Warnungen von ausländischen Nachrichtendiensten gegeben und Österreich habe "eine vergleichsweise recht ausgeprägte islamistische Szene", sagt er. "Was die Migration ins sogenannte Kalifat also nach Syrien und den Irak betrifft, liegt Österreich an vierter Stelle in Europa." Insgesamt 320 Kämpfer seien von Österreich aus nach Syrien und in den Irak gezogen.

Dass der oder die Täter des Anschlags aus den Reihen der Rückkehrer stammen müsse, sei aber nicht automatisch anzunehmen. Er gehe aber aufgrund der Hinweise von einer Verlinkung in die jihadistische Szene aus.

Dass der Anschlag eine Reaktion auf die Beteiligung Österreich an der US-geführten Anti-IS-Koalition sei, wie ein Jihadist laut der auf die Überwachung islamistischer Websites spezialisierte US-Unternehmen SITE behauptete, glaubt Stockhammer nicht. "Das ist ein bisschen weit hergeholt, natürlich versucht man immer einen internationalen Kontext herzustellen, aber ich sehe das eher im europäischen Kontext."

Kommentare (11)
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ModellR2d2
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aus normaler Familie

wenn der Täter angeblich aus einer normalen Familie stammt, wäre zu hinterfragen, wie und von wem so ein junger Mensch so radikalisiert wurde. Wenn es so ist, wie sein letzter Rechtsverteidiger meint - er sei eben in eine Moschee gegangen und nicht in einen Boxclub, sonst wäre er Boxer geworden - dann müssten eigentlich alle Alarmglocken im Land schrill und laut leuten! Offenbar gibt es hier Menschen im Hintergrund, die hier wesentlich mitverantwortlich sind junge orientierungslose Muslime zu radikalisieren. Gab es nicht schon im Bereich Wiener Kindergärten Hinweise in diese Richtung? Diese Täter gehören ausgeforscht und eliminiert.

Es wäre auch höchst an der Zeit auch mit einer echten Einwanderungspolitik im Land zu beginnen und nicht fälschlicher Weise aus einer Flüchtlingspolitik abzuleiten. Mit klaren Anforderungsprofilen können auch entsprechende Menschen und Familien gefunden werden. Je besser dies gemacht wird, umso besser wird auch eine Integration erfolgen.
Ehemalige IS Rückkehrer gehören ausnahmslos ausgewiesen und die Staatsbürgerschaft entzogen. Unvorstellbar dass dies nicht in allen Fällen rechtlich möglich ist (lt. Ludwig).

Plantago
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Hätten wir Einwanderungskriterien wie Kanada oder Australien,

stellten sich diese Fragen erst gar nicht.

hfg
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Es wahrscheinlich tausende

Versprengte IS Angehörige und noch viel mehr Sympathisanten in Europa . Der Großteil hat vermutlich keine oder fast keine Perspektiven, aber ihrer Ideologie haben sie nicht abgeschworen. Daraus kann man durchaus schließen das leider sehr viel Gefahrenpotential schlummert. Für Außenstehende ist das vermutlich nicht erkennbar - deshalb muss der gesamte Islam selbst mitarbeiten und für eine Deeskalation sorgen. Viel stärker den je, damit solche Verbrechen erst gar nicht entstehen können.

zweigerl
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Wir bleiben unbeeindruckt, sind aber betroffen

Hörte eben den Islamismusexperten Thomas Schmidinger auf Ö1:
"Ganz ruhig bleiben und sich nicht beeindrucken lassen." Das mach'ma. Die können auch noch unsere Geschichtelehrer guilletonieren, haha, wir bleiben unbeeindruckt. Denn sonst "erreichen die Islamisten ihre Ziele" /Schmidinger).

Gelernter Ösi
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Ehrlich gesagt kann ich "Experte" schon nicht mehr hören.

Siehe Corona: ExpertInnen, wohin das Auge reicht.
Aber ein paar Spitalsbetten aufstellen, das schaffen sie nicht. Ist ja viel zu einfach gedacht und zu billig im Vergleich zum Staatslockdown. Also lieber martialisch den Staat zusperren, als zusätzliche Betten.

mcmcdonald
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Betten allein

reichen halt nicht ohne ausreichend Personal.

dieRealität2020
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und wieder sind hier

die Neunmalklugen und Besserwisser unterwegs, die augenscheinlich nur theoretisch und über internationale Presse sich orientieren und daraus ihre Meinung bilden. Durch welche Qualifikation hat sich dieser selbsternannte Terrorismusexperte Nicolas Stockhammer qualifiziert? wo waren seine praktischen Einsätze?

purplish
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und was hast du geleistet?

Nachdem Hr. Dr. Stockhammer an einer renommierten Universität arbeitet und zu diesem Zweck wohl einen entsprechenden Bildungsweg und Lebenslauf vorweisen kann, er sich seit langem mit der Thematik beschäftigt, liegt es nahe ihn als "Experten" zu bezeichen. Was daran falsch sein soll, erschließt sich mir nicht. Im übrigen ist der Vorwurf, er hätte sich "selbsternannt" schon lächerlich... Außer man glaubt halt selbst, überall der Beste zu sein, nur weil man mal ein Sturmgewehr in der Hand hatte... Ich vermute mal, dieRealität2020 ist bei der Polizei oder Bundesheer, war irgendwo im Auslandseinsatz und wählt stramm br.... ähhh blau. Und jeder, der einen akademischen Titel vorzuweisen hat, wird vorsorglich verunglimpft.

dieRealität2020
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ihnen erschließt sich sehr vieles nicht

@purplish: "... Was daran falsch sein soll, erschließt sich mir nicht..."
.
Sie sollten den Inhalt des Artikels beurteilen bzw. bewerten und nicht Visionen, Hellseherei, Annahmen, Vorurteile und bedeutungsloses- wertloses Geschwätz betreiben, ohne über die Menschen Bescheid zu wissen. So bleibt es nur ein Gefasel.
.
Zu Stockhammer, wenn sie belesen wären dann könnte sie wissen, dass Stockhammer nur Informationen und Wissen (wie auch viele andere "theoretische" Experten) von "Dritter Seite" Informationen verarbeiten und für sich selbst verwenden und zu eigen machen.
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Wo hat Stockhammer dazu seine persönlichen Erfahrungswerte wahrgenommen? und wie kann ich Informationen vor Ort verwerten wenn ich nicht die Sprache(n) dieser Gesellschaften
und der Menschen spreche?

zweigerl
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Der "Islamismusexperte" ist per se hilflos

Die Kritik an den "Islamismusexperten" besteht zu Recht, aber nicht als eine Kritik "ad personam" (zur Person), sondern "ad rem" (zur Sache). Die Sache ist, dass der Terrorismus in einer hochdiversifizierten, multikulturellen Gesellschaft nicht mehr zu zähmen sein wird. Die können jederzeit ein Blutbad anrichten, und ein Anlass ist bald einmal gefunden (Der lächerlichste sind Karikaturen, für die man Menschen köpft!). Der "Islamismusexperte" ist per se hilflos. In Zukunft schlägt die Stunde der Traumaexpertinnen (Soene hörte ich eine auf Ö1 sprechen). Gott sei Dank haben wir die Psychologen , die uns über die religiös motivierten Schandtaten hinwegtrösten werden.

dieRealität2020
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das wir ein "...relativ "leichtes Ziel"

sind hat sich schon seit dem OPEC Überfall gezeigt. Dazu bedarf es keiner Studie noch derartiger Aussagen. Die Frage stellt sich, was wurde bis dato getan?