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Abrechnung mit der GeschichteWie die Welt ihre Denkmäler von den Sockeln stößt

Die Debatte über Rassismus und Unterdrückung führt zu einer Abrechnung mit der Vergangenheit: Weltweit hinterfragt man Taten und Gesinnung der alten Helden und stößt diese vom Thron.

Am Boden zerstört: Denkmal von Christoph Kolumbus in Minnesota, USA © AP
 

Der Erste, der den Abflug machte, war Edward Colston. Genauer gesagt eine Statue des britischen Sklavenhändlers, die seit 1895 in einem Park der englischen Stadt Bristol stand und immer wieder für Kontroversen gesorgt hatte. Vor einer Woche brachten Teilnehmer einer Anti-Rassismus-Demonstration die in ihren Augen mehr alte als ehrwürdige Statue zu Fall und warfen sie unter dem Gejohle der Menge ins Hafenbecken.

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iMissionar
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1984 im Jahr 2020 - endlich angekommen

Orwell darf auch hier Einzug halten. Nachdem die Überwachung angeschlossen, der Wortschatz doppeltplusgut adaptiert und die gegenseitige Bespitzelung akkurat sind, darf nun die Geschichte umgeschrieben werden. Denn man befand sich immer schon im Krieg mit Ozeanien. 🤝

paulrandig
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Ich wäre für folgende symbolische Aktion:

Standbilder stehen oft auf Sockeln.
Nehmen wir sie herunter, stellen sie neben die Sockel, und bringen an den nun leeren Sockeln ausführliche Informationen an.
Das würde durch die Massivheit der Sockel den Worten viel Gewicht und Beständigkeit verleihen, die Eigenschaft der Verehrung/Erhöhung der Statue wegnehmen und es uns ermöglichen, einem historisch signifikanten Menschen auf Augenhöhe zu begegnen.
Jemanden "vom Sockel zu holen" mag vielleicht gar keine so schlechte Idee sein. Aber die von jemandem gespielte Rolle in der Geschichte zu vernichten hatte langfristig noch selten etwas Gutes.

zweigerl
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"Ausführliche Informationen"

Man muss bezweifeln, dass die vorgeschlagenen "ausführlichen Informationen" auf den Sockeln von den meisten nicht gelesen würden. Vor allem jene würden sie nicht lesen, die schon den Hammer in den Händen haben, um die Köpfe brutal herunterzuschlagen. Sie erinnern an die Tricoteuses während der Französischen Revolution, die lachend ihre Strickerei unterbrachen, wenn wieder ein Kopf guillotiniert worden ist. Lesen hieße ja differenzieren und sich auf komplexe Inhalte einlassen.

paulrandig
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Typische Daumen rauf/runter-Gesellschaft

Schwarz oder weiß, gut oder Böse, Daumen rauf oder runter, 0 oder 1.
Uns gehen Grauwerte verloren. Jeder irrt sich einmal, macht Fehler, tut dann wieder Gutes. Oder tut viel Böses und versucht dann mit ein bisserl Aktionismus drüberzutünchen.
Wir sollten uns in der Kurznachrichten-Emoji-Zeit wieder angewöhnen, manchmal genauer hinzusehen, das Sowohl-Als-Auch zu entdecken und Standbilder mit mehr Information zu versehen. "Dieser Mensch hat im Bereich soundo große Verdienste erzielt, indem er blabla. Gleichzeitig hat er aber dem Geist der damaligen Zeit entsprechend blabla."
Und irgendwo muss in der Kritik auch eine Grenze gezogen werden. Columbus ist über ein Land gestolpert, was jedem passieren hätte können. Hat er dadurch die folgende Unterdrückung selbst zu verantworten? So gesehen wäre Albert Einstein ein vielfacher Massenmörder, weil er die Formel gefunden hat, die den Bau von Atomwaffen ermöglicht.
Die Realität großer Errungenschaften und herausstechender Menschen ist nicht binär und lässt sich eben oft nicht im Tweet-Format darstellen. Lassen wir die Standbilder stehen und informieren lieber darüber anstatt sie alle zu entfernen.

reschal
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Opfer

Der Opfer in einer würdigen Form erinnern und die Namen der Täter nennen. Das würde ich für sinnvoll erachten.

mobile49
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man sollte eher vor jedem dieser monumente

eine überdimensionale tafel aufstellen mit den erläuterungen und aufzählungen all ihrer missetaten und gräuel .
dann würden die "denkmäler" ohnehin nicht mehr sichtbar sein und diese personen wären für jeden ersichtlich entlarvt .
wenn man aber diese monstren entfernt , denkt niemand mehr an deren opfer--"aus den augen,aus dem sinn"

zweigerl
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Lächerlicher und brutaler Ikonoklasmus

Völlig richtig. Diese Erläuterungen an den verblassten Idolen sollten einen Denk- und Lernprozess einleiten. Der Ikonoklasmus (Denkmalsturz) hat auch immer etwas Lächerliches und Brutales. Tempora mutantur - die Zeiten ändern sich. Und dass jetzt der zeitgenössische Plebs mit seinen naturräuberischen und blind konsumistischen Verhaltensweisen an den Ikonen der Vergangenheit Hand anlegt, reiht sich als ebenso schäbige Tat in die Geschichte unserer verblendeten Gattung "Mensch" ein. Der ist halt nicht zu helfen., sei sie nun schwarz, weiß oder sonst irgendwie.

tigeranddragon
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Absolut

richtig.

Denkmäler und Gedenkstätten von Personen, die in den Augen der (heutigen) westlichen Zivilisation nunmehr als Verbrecher angesehen werden, sollten trotzdessen nicht vernichtet sondern sollten mit einer ausführlichen Beschreibung dessen Untaten versehen werden.

Die ISIS haben Denkmäler aus genau diesem Grund vernichtet, in deren Augen verkörperten diese Gedenkstätten das Böse.