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Rudolf AnschoberDer Mann, der die Zeit strecken kann

Porträt: Gesundheitsminister Rudolf Anschober hat die Lehren aus seiner persönlichen Krise gezogen. Heute wendet er sie mit ruhiger Hand auf die ganze Republik an.

Vom Anti-Atom-Bewegten zum Gesundheitsminister. Rudolf Anschober gilt als "grünes Urgestein". © APA/ROLAND SCHLAGER
 

Wer genau zuhörte, hätte ahnen können, was kommt. In der Vorwoche schon hat Rudolf Anschober, seit ein paar Monaten Sozial- und Gesundheitsminister, angedeutet, was bevorstand: Entscheidungen. Jetzt fallen sie, Tag für Tag. So drastisch die Einschnitte sind, der Minister verkündet sie, als handle es sich um alltägliche administrative Verfügungen. Die Ruhe, mit der Anschober den Alltag der Bürger aus den Angeln hebt, ist Teil der Therapie. Wer so klar, so sachlich kommuniziert, scheint zu wissen, was er tut, auch wenn es noch so tief eingreift ins Gewohnte, auch wenn es Familien auseinandertreibt, Kunst verhindert und Börsen in den Abgrund reißt.
„Wir werden einige Monate anders leben müssen“, sagte Rudolf Anschober gelassen, nachdem die Regierung gerade die Schulen geschlossen hatte. Vielleicht kommt seine innere Ruhe ja daher, dass er sein eigenes Leben einmal ähnlich abrupt anhalten musste und gelernt hat: Es geht. Das war 2012.

Anschober war damals Landesrat in Oberösterreich und der verlässliche Partner des schwarzen Langzeitlandeshauptmanns Josef Pühringer. Seit 2003 schon hielt das Bündnis der Ungleichen, das auf klarer Aufgabenteilung basierte. Pühringer ließ Anschober das ehrgeizige Projekt der Energiewende, er behielt die übrigen Agenden. Dann passierte es.

Zur Person

Rudolf Anschober ist seit 29. Jänner Bundesminister für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz. Der gelernte Volksschullehrer wurde in den 1980er-Jahren von seinem Anti-Atom-Engagement in die Politik getrieben, 1990 zog der heute 59-jährige, mit einer Journalistin liierte Welser für die Grünen in den Nationalrat ein. 2003 wurde der begeisterte Gärtner Landesrat. 2017 gründete er die Initiative „Ausbildung statt Abschiebung“.


Anschober hatte alle Anzeichen von Überforderung ignoriert, Schlaflosigkeit, Bandscheibenvorfälle, Bluthochdruck, hohe Zuckerwerte. Im September war die Batterie leer: Burnout. Eine erfolgreiche politische Karriere schien zu Ende. Wie sollte sich ein Spitzenpolitiker, der seine Partei ebenso führte wie ein wichtiges Ressort, monatelang aus dem öffentlichen Leben zurückziehen und wieder zurückkehren? Wenige hielten das für möglich.

Halbgas nach dem Burnout

Dem Geschwächten blieb damals nichts übrig, als das zu tun, was er jetzt der ganzen Gesellschaft verordnet. Er musste lernen, gestauchte Zeit wieder zu strecken und seine zahllosen Kontakte auf ein Minimum zu verringern. „Das Leben verlangsamen“, nennt Anschober das heute, wenn er erklärt, was im Land jetzt passieren muss. Und Abstand halten.
Für den erfolgreichen Umweltlandesrat, der von sich damals sagte, er habe 80 bis 100 Stunden in der Woche seiner Aufgabe gewidmet, war es ein abrupter Tempowechsel. Er, der nahezu täglich mit seinen Kernthemen an die Öffentlichkeit getreten war, musste sich von einem Tag auf den nächsten zurückziehen. Quarantäne.

Drei Tage lang habe er noch die Zeitungen angeschaut, um zu wissen, wie sein Rückzug aufgenommen wurde, dann schrieb er nur noch Tagebuch, ging mit dem Hund spazieren und lernte mühsam wieder, zu schlafen und Langeweile zu genießen.
Ob sich die zähe, harte Arbeit politischer Gestaltung eindämmen ließe? Drei Monate lang hatte der Landeshauptmann sein Ressort mitverwaltet, aber keine wichtigen Entscheidungen getroffen. Jetzt musste Anschober wieder selbst Dynamik in das Projekt Energiewende bringen, ohne sich gleich wieder zu überfordern. Der Versuch gelang, mit Disziplin und Selbstkontrolle.

Täglich Qigong und Spaziergänge mit dem Hund

An den damals erlernten Ritualen hält Anschober auch unter höchstem Druck fest: tägliche Qigong-Übungen in der Früh, dann ein Spaziergang mit dem Hund, abends noch eine Runde.
Die Jahre in Oberösterreich, wo der junge Lehrer und Journalist 1986 als Reaktion auf den geplanten Bau des tschechischen Atomkraftwerks Temelín in die Politik gegangen war, machten sich im Herbst des Vorjahres bezahlt. Anschober saß in den Verhandlungen mit jener Partei, die er aus seiner Heimat gut kannte: der ÖVP. Von seinen Jahren an der Seite von Josef Pühringer, der gerne mit ihm weiterregiert hätte, wären seine Wähler 2015 nicht in hellen Scharen zur FPÖ übergelaufen, kannte er das Modell der Thementeilung: Leben und leben lassen. Nicht alle in seiner Partei fanden seinen Pragmatismus gut. Kaum war Anschober nicht mehr Teil der Regierung, zeigte er seine Krallen. Gemeinsam mit ÖVP-Politikern, Industriellen und einer breiten Phalanx von Prominenten opponierte er gegen die von Türkis-Blau verordnete Abschiebung abgewiesener Asylwerber in Lehre.

Nun klingt er wieder wie früher. Befragt zum Streit mit der ÖVP über die Aufnahme von Flüchtlingsfamilien, sagte er schlicht: „Da haben wir eine unterschiedliche Meinung und das kann man so stehen lassen.“ Und wieder gibt es manche in seiner Partei, die ihm das als Schwäche auslegen.

Minister nach Comeback der Grünen

Die triumphale Rückkehr der Grünen ins Parlament, die zähen Regierungsverhandlungen, all das nimmt sich im Rückblick wie ein Kinderspiel aus angesichts des Härtetests, dem sich Anschober nun unterziehen muss: das Management der Corona-Krise. Die in langen Oppositionsjahren gelernte Geduld, die Frustrationstoleranz, die innere Ruhe, all das hilft, im Sturm Kurs zu halten.
Damals, in den schwierigen drei Monaten des Umlernens, hatte Anschober eine Frage in sein neues Tagebuch geschrieben, die er sich seither immer wieder stellt: „Wie ist es mit der Balance zwischen Privatleben und der politischen Arbeit?“ In diesen Tagen fehlt die Zeit, sie zu stellen. Dafür trägt ihn seine Überzeugung, die er über die Lebenskrise gerettet hat: „Wenn ich in einer existenziellen Frage etwas beitragen kann und ich tue es nicht, weil ich zu bequem bin, dann würde ich mir das nicht verzeihen.“ Die Lektion von 2012 wird ihn vor Verausgabung schützen: „Mein Fehler damals war, dass ich mich dabei aus den Augen verloren habe.“

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