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Österreich seit 25 Jahren EU-MitgliedWolfgang Sobotka: "Kenne keine Emotion für Weltverantwortung"

Vor 25 Jahren trat Österreich der EU bei. Die Republik feiert das Jubiläum, doch die Union ist eine andere als damals. Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka im Gespräch über Babyboomer, blasse Ideale und eine Alleinregierung in Österreich.

"Ich glaube nicht an die große Evolution der Menschheit", sagt Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka © (c) Parlamentsdirektion/ Johannes Zinner
 

Können Sie mit dem Ausdruck „OK, Boomer“ etwas anfangen?
WOLFGANG SOBOTKA: Nein.

Das ist ein Internet-Meme, mit dem junge Menschen Argumente der Babyboomer-Generation als nicht zeitgemäß kritisieren. Der Brexit ist da ein gutes Beispiel. In Großbritannien stimmten die meisten jungen Menschen für die EU, die Mehrheit der älteren für den Brexit. Macht die Generation der Baby-Boomer jetzt das Europa, das ihre Elterngeneration aufgebaut hat, wieder kaputt?
Nein, aber es gibt unterschiedliche, durchaus auch generationsspezifische Zugänge zu Europa. Es liegt im Wesen der Geschichte, dass Ereignisse später aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet werden. Wir leben immer in einem Prozess des Wandels. Der Wandel wird von manchen als eine Gefahr gesehen und von anderen als Perspektivenöffnung. Junge Menschen kennen Europa nicht anders, allenfalls einen historischen Kontext. Aus ihrer Perspektive haben sie in ihrer Haltung daher auch absolut recht, und es ist nachvollziehbar, dass Meinungen, die aus einem anderen Erfahrungshorizont stammen, für sie nicht gangbar sind. Aber die Politik lebt von unterschiedlichen Vorstellungen und das ist das Wesentliche einer Demokratie. Im Übrigen kann man nicht von Großbritannien auf die Europäische Union schließen.

Generationsspezifische, große Unterschiede im Wahlverhalten sind aber kein rein britisches Phänomen.
Ich finde es positiv, dass die jungen Generationen einen anderen Zugang haben als wir Babyboomer, weil ich weiß: Die wollen etwas. Auch ich bin damit aufgewachsen etwas ändern zu wollen. Auch ich habe gegen die Stationierung von Pershing Raketen oder Zwentendorf demonstriert. Das ist gut, wir sollten uns junge Menschen mit klarer Haltung wünschen – jede Demokratie lebt davon.

EU-Ausstellung

Zweifel, Hoffnung und Vertrauen liegen nahe beieinander. Diese Emotionen, nennen Europäer am häufigsten, wenn sie nach ihren Gefühlen gegenüber der EU gefragt werden. Das lernt, wer momentan ­– bevorzugt abends – über den Heldenplatz spaziert. In diesem Jahr ist Österreich nämlich 25 Jahre Mitglied der Europäischen Union. Eine Ausstellung der Parlamentsdirektion feiert dieses Jubiläum.


Der Historiker Ernst Bruckmüller entwickelte dafür zehn Narrative zur EU, der Grazer Architekt Alexander Kada setzte sie visuell um. Das Ergebnis ist eine politisch-künstlerische Installation im Herzen der Stadt, die sich mit der EU und ihren Bürger*innen auseinandersetzt.

Auf eigens entwickelten, mehr als drei Meter holen Stelen mit Leuchtdisplay erzählen künstlerisch (aber mathematisch korrekt) visualisierte Statistiken vom größten Friedensprojekt der Welt. 


Die Ausstellung ist bis April zu sehen, dann wird sie um Schauflächen zum 75-Jahre-Jubiläum der Zweiten Republik ergänzt.

Ist es einfacher, Dinge anders zu denken, weil man später eher versucht, etwas gut zu Ende zu führen, dass man begonnen hat?
Ich frage mich zeitlebens, was ich verändern kann. In allen politischen Funktionen habe ich nie versucht, ausgetretenen Pfade zu beschreiten. Als Präsident des Nationalrates geht es mir darum, den Parlamentarismus breit und in seinem Wesen näherzubringen und das ist bisweilen durchaus eine Mammutaufgabe. Er ist aber das Fundament unserer Demokratie!

Wenn im Parlament eine Woche vor der Wahl beschlossen wird, dass man doch schon mit 62 in Pension gehen kann …
Dann ist das ein leidvoller Beschluss.

Und ein Indiz dafür, dass Politik vorrangig für ältere Menschen gemacht wird, weil 42 Prozent der Wahlberechtigten in Österreich über 45 sind?
Das wäre zu einfach gedacht. Aber ja, die Verantwortung kommenden Generationen gegenüber muss stärker gelebt werden. Das kommt in Vorwahlzeiten oftmals zu kurz. Es geht generell um die Verantwortung dem Menschsein gegenüber. Arbeit gibt menschlichem Leben eine Struktur, einen Sinn. Daher ist die Frage, ob wir früher in Pension gehen sollen, die falsche.

Der Beitritt Österreichs zur EU ist eine Erfolgsgeschichte. Er hat Arbeitsplätze geschaffen, mehr Wohlstand.
Das ist wohl jedem klar…

Trotzdem ist die Beziehung der Österreicher zur EU keine Liebesgeschichte. Warum?
Positive wirtschaftliche Entwicklungen und Wohlstand führen nun mal nicht zu großen Emotionen. Gefühle entwickeln sich zu überschaubaren Einheiten, zum Lebensumfeld, das man einzuschätzen weiß. Die Emotion für die Weltverantwortung kenne ich jedoch nicht. 

Gerade globale Herausforderungen wie Klimawandel oder Migration könnten doch das Identifikationsgefühl mit der EU stärken.
Das glaube ich nicht. Ein radikales Beispiel aus der Geschichte: Viele Diktaturen haben versucht, durch Uniformierung dem einzelnen das Gefühl zu geben, zu einem großen Ganzen zu gehören, gleichzeitig aber auch die Individualität im Denken zu nehmen. Allesamt sind sie gescheitert.

Wie kann das große Ganze dann gelingen?
Nur, wenn die vielen kleinen Einheiten überlegen, was sie brauchen, um sich in ihrer Struktur besser entwickeln zu können und aus nüchternen, rationalen Überlegungen handeln. Zollschranken bauen sich in erster Linie nicht aus Liebe zu den Nachbarn ab, sondern weil Austausch und Handel besser möglich sind. Das steht im Vordergrund, nicht die großen Ideale, die verblassen. Ideale sind nur möglich, wenn der einzelne nicht auf der Strecke bleibt. Man kann das bedauern, aber ich glaube nicht an die große Evolution der Menschheit. 

Vor 25 Jahren, und auch in den Jahren davor, was der EU-Beitritt das wichtigste, innenpolitische Thema in Österreich. Gibt es jetzt ein vergleichbar großes Thema?
Nicht in der Form. Es ist vergleichbar mit den Herausforderungen der Klimaentwicklung oder der Migration, aber das war damals ein punktuelles Ereignis – nicht prozesshaft wie die aktuellen Problemstellungen. 

Die Große Koalition ist damals im Gleichschritt gegangen, am Tag des Referendums hat der ÖVP-Parteivorsitzende die „Internationale“ mitgesungen. Braucht es das eine große gemeinsame Thema, damit eine Regierung funktioniert?
Damals gab es wirklich noch eine Große Koalition, aus zwei große Parteien. Bei großen Wenden braucht es natürlich einen gemeinsamen Schulterschluss, denn da geht es um das zentrale Bedürfnis der Menschen, ihre alltäglichen Probleme auf die Reihe zu bekommen. Aber schon ab den 60er-Jahren hat man gesehen, dass Österreich auch eine Alleinregierung aushält. Für eine Regierung braucht es immer eine Vision, was sie erreichen möchte und da ist es egal, ob sie eine Ein- oder Mehrparteien-Regierung ist. 

Die österreichischen Beitrittsverhandlungen zur EU wären um ein Haar gescheitert wären, weil es scheinbar unüberwindbare Hindernisse in Agrarfragen gegeben hat.
Die Österreicher waren schon immer ein bisschen kompliziert und detailverliebt.

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Danke für Ihr Verständnis.

wnobbe
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Was ist Weltverantwortung?

Sobotka ist Dirigent, Musiker. Es kann mir niemand erzählen, dass Musiker, Künstler, gefühllose Menschen sind. Er hat ja gesagt, dass er sich für seine nähere Umgebung verantwortlich fühlt. Das tun viele seiner Kritiker nicht.

Was bedeutet Weltverantwortung? Das Wort stammt aus dem Glauben, Kreuzzüge, Inquisition, Diktaturen. Welche Glaubensgemeinschaft oder welche Politik übernimmt die Verantwortung für die Welt und wie? Und sind diejenigen, die sich nicht einer Gruppe unterordnen, gefühllos?

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bauchfleck
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An die unterbelichteten Minus - Strich - Marker . . . . . . .

. . . . . . . schick`s den Mann der keine Gefühle für die Weltverantwortung hat, was immer, das auch heißen mag ???, zu einer Audienzvisite zum "Kaiser"und der wird ihm, so wie ich den "Kaiser"kenne, ihm, einiges zu sagen haben, sowie auch die obligate Aufforderung, es wird nicht bei einer Empfehlung bleiben, > er soll halt a Bisserl brav sein, mitgeben wird !

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bauchfleck
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P a r a d o x u m

In meinen 73 Jahren, habe ich, kein größeres Paradoxum, als jenes, das noch in den Büchern zu finden sein wird, dass ein mit der Lizenz für das Erteilen von Ordnungsrufen Ausgestatteter, sich dermaßen verwendet, wie es in abrufbaren Videos zu erkennen ist, noch in dieser Funktion ordnungsruferteilend, als wäre nichts gravierendes passiert, sowie einer ausgebliebenen Entschuldigung, im Amt weiterhin wirken und somit ausüben kann, erlebt. In der Privatwirtschaft, ein absolutes No Go, sollte es sich im Bereich von Ansehen, Optik innen, sowie als auch außen ( Ausland ) und Anstand, befinden ! Die Frage muss erlaubt sein, deckt die Immunität, auch den psychischen Teil eines Politikers ab, oder nur sein physisches Handeln ?

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Lodengrün
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Bravo

Bravo, Bravo, - ita est.

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GordonKelz
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SOLCH EINER BEKOMMT....

....noch eine Bühne...???!!
Gordon Kelz

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bauchfleck
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Warum bringt unsere "Kleine", Einen, noch in der, jedoch, . . . . . .

ausklingenden, von Besinnlichkeit behafteten Adventzeit, die erst zum 6. Jan. endet, einen Bericht über Emotionen eines Mannes, von denen er keine Ahnung hat, der meiner Einschätzung nach, diesen Terminus, ob seiner Fähigkeit, zu buchstabieren, nicht imstande ist. Was will, unsere "Kleine", damit erreichen ? Will Sie uns, auf Grund der zunehmenden Vergesslichkeit, bedingt durch Überhäufung und Überflutung, der heut zu Tage, massenhafte, kolportierte Informationsflut, nur an solche Typen erinnern, Sie nicht in Vergessenheit geraten zu lassen oder will Sie uns aber, was ich nicht annehme, emotional aufwühlen, oder auch, ärgern genannt, tun. Wer, und so glaube ich, alle, die heuer am 03. Juli, frei Haus, via TV gelieferten , nur mit Fassung und bis zur Starre im ,Halswirbelbereich, sowie auch situationsbedingt, den Mund, außerstande zu schließen, Bilder eines in Reinkultur und in Hochform gehaltenes Chaos des österreichischen Parlamentarismuses, sich in allen Phasen, > D a r g e b o t e n e s <, erinnern kann. Seit, dem damals Gesehenem, stellt sich bei Frage, wie damit umzugehen ist, wie es auch die Praxis zeigt, wenn Einer so ausrastet, mit in Weißglut, Hass und Argwohn, gehaltenes Gesicht zu einer Fratze erscheinen lässt und in der Folge, unter anwesenden Zeugen, und die gab es ja damals zu Hauf, nicht auch mit einem Betretungverbot der Räumlichkeiten im Parlament belegt wird, wie jeder andere Bürger, gleichhandelnd, umgehängt bekommt ? ? ?

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Lodengrün
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Danke

sehr gut beschrieben. Bei so einem Kommentar keimt bei mir Hoffnung auf und gebe diese Welt noch nicht auf. Da gibt es noch Kräfte die in der Lage sind das Lot das es braucht zu sehen und auch wieder herzustellen. Zu Sobotka. Diese Fratze hat auch mich seitdem begleitet. Aber nach dem Strategiepapier, das ich nach wie vor als Putschdokument sehe, war dies auch nicht überraschend.

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fortus01
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Warum fällt mir

bei Herrn Sobotka immer wieder die Spekulation mit den Geldern der Mieter in Niederösterreich ein, bzw. seine Rolle als "Vollstrecker" für den gesalbten St. Sepatzdian beim Ende der großen Koalition ein?
Als Belohnung für den "Abschuss" von Hrn. Mitterlehner ist er nun Präsident des Nationalrat.

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Lodengrün
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Eigentlich unglaublich, gell?

Er ist wahrlich nicht der nette Zeitgenosse den er hier in diesem Interview hinterläßt. Was will er mit: "Die Emotion für die Weltverantwortung kenne ich jedoch nicht", sagen? Will er uns die Nabelschau schmackhaft machen?

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redlands
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Er ist einfach

ein wirklicher Sympathieträger. In Wahrheit aber ist es gut, derlei Charaktäre öfter zu sehen (würden es die Menschen nur auch bemerken...), denn es manifestiert sich in diesen Personen das ECHTE Bild der ÖVP.

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Lodengrün
8
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Sein

wahres Antlitz zeigt er bei der Wutrede. Zu sehen auf YouTube

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