Barack Obamas Wahltriumph hat in Europa große Hoffnung auf einen Neustart der transatlantischen Beziehungen geweckt. "Die Hoffnung auf ein offenes, solidarisches und starkes Amerika, das aufs Neue mit seinen Partnern den Weg aufzeigt", wie es der französische Staatschef Nicolas Sarkozy in seinem Glückwunschtelegramm an den nächsten US-Präsidenten formulierte. Nach den Bush-Jahren der Spaltungen und Spannungen will Obama mehr Multilateralismus wagen. "Die USA dürfen sich nicht einigeln", sagte er selbst auf seiner Europatournee im Juli in Paris.

Forderungen. Aber wer nun auf ein einfaches Miteinander setzt, womöglich auf ein Einschwenken Washingtons auf die Positionen der Europäer, der könnte bitter enttäuscht werden. "Obama wird erst mal fordern", sagte der CDU-Europapolitiker Elmar Brok der Nachrichtenagentur AP. Das gelte für den Iran, wo die USA eine härtere Gangart wollen. In erster Linie aber für Afghanistan, was insbesondere für Deutschland unbequem werden wird.

Glaubwürdigkeit. Für den Europapolitiker Brok besteht indes kein Zweifel an der Chance zum Neustart: "Die Vorgehensweise Obamas wird völlig anders. Wir könnten wirklich als Partner miteinander vorgehen, die NATO könnte wieder zum Ort für strategische Debatten und Entscheidungen werden." Das wichtigste sei, dass der Nachfolger von George W. Bush die ramponierte Glaubwürdigkeit des Westens wieder herstelle, auf der Grundlage gemeinsamer Werte.

Raketenschild. Eine erste Möglichkeit dafür sieht der Vertraute der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel im Streit über den geplanten Raketenschild in Tschechien und Polen. "Obama wird klarmachen, dass es sich nicht um eine antirussische Provokation handelt. Und dass das Projekt nur realisiert würde, wenn die Notwendigkeit zum Schutz gegen den Iran außer Frage stünde."

Schutz von US-Interessen. Gleichwohl wird sich Obama nicht in allen Politikfeldern als bequemerer Partner im Vergleich zu Bush oder McCain erweisen. Die Demokraten vertreten in den USA traditionell protektionistischere Positionen, und sie stellen nun nicht nur die Kongressmehrheit, sondern auch den Präsidenten. Der pochte schon im Wahlkampf deutlich auf den Schutz amerikanischer Wirtschaftsinteressen, als es um einen Megaauftrag des Pentagons für eine Tankerflotte ging und der Europäische Luftfahrt- und Rüstungskonzern EADS den Vorzug vor Boeing erhalten hatte. Inzwischen ist der Auftrag annulliert.

Warnung vor Enthusiasmus. Nicht nur deswegen warnt USA-Experte Eberhard Sandschneider von der DGAP vor allzu hochgesteckten Erwartungen an die Lichtfigur Obama: "Ich fürchte, dass dieser Enthusiasmus in Europa, die Vorschusslorbeeren früher oder später kalter Ernüchterung weichen werden", sagte er auf einer Diskussionsveranstaltung in Berlin. Obama sei auf ein sehr hohes Podest gestellt worden "und wir tun so, als würde sich jedes Problem mit ihm in Luft auflösen. Aber er hat keine Wunderkräfte."