Seit neun Monaten ist Wien schon ohne Erzbischof. Wer in dieser Zeit gelegentlich beim heimischen Episkopat nachfragte, was denn so schwierig daran sei, einen geeigneten Nachfolger für Kardinal Christoph Schönborn zu finden, stieß auf verlegenes Schweigen oder aber wurde mit wenig zweckdienlichen Hinweisen auf die Kraft des Gebets vertröstet.

Tatsächlich zehrt das lange Warten auf die Klärung der für Österreich wichtigsten kirchlichen Personalie auch an den heimischen Bischöfen. Die Causa ist für sie zunehmend zur Belastung geworden – sowohl für jene unter ihnen, die sich hinter den Kulissen in Österreich und in Rom unverdrossen um eine Lösung bemühen, als auch für alle, die sich selber Hoffnungen auf Schönborns Nachfolge machen.

Doch jetzt könnte die Sedisvakanz, also die hirtenlose Zeit, seit dem Rücktritt von Kardinal Christoph Schönborn im Jänner des heurigen Jahres, ein Ende haben. Wie die Kleine Zeitung aus hohen Kirchenkreisen erfuhr, könnte Papst Leo XIV. schon am Donnerstag einen neuen Oberhirten für die größte katholische Diözese in Österreich ernennen, und vieles deutet darauf hin, dass es sich dabei wohl um Josef Grünwidl handeln wird, der seit Schönborns Abgang mit großem Geschick die Erzdiözese interimistisch als Apostolischer Administrator leitet.

Wie die Kleine Zeitung am Mittwoch von Regierungskreisen in Erfahrung brachte, wird der Ministerrat in einem Umlaufbeschluss den neuen Oberhirten absegnen. Das Konkordat zwischen dem Heiligen Stuhl und der Republik Österreich gäbe ihr theoretisch die Möglichkeit, gegen die Ernennung „Gründe allgemein politischer Natur" geltend machen, doch im Falle Grünwidls gilt das als ausgeschlossen.

Auch Peter Schipka, dem Generalsekretär der Bischofskonferenz wurden bis zuletzt intakte Chancen auf das hohe Amt eingeräumt, wiewohl nicht alle Bischöfe von dieser Option angetan sein sollen. Als aussichtsträchtiger Kandidat galt lange Zeit auch der Innsbrucker Bischof Hermann Glettler. Die Letztentscheidung trifft der Papst, der sich dabei für gewöhnlich auf die Empfehlungen des vatikanischen Dikasteriums (Ministeriums) für die Bischöfe in Rom stützt, welches wiederum auf eine vom päpstlichen Nuntius (Botschafter) in Wien, Pedro López Quintana, erstellte Liste tauglicher Anwärter zurückgreift.

Eigentlich wollte Kardinal Schönborn, der über beste Beziehungen in die römische Zentrale verfügt, seine Nachfolge schon rund um seinen 80. Geburtstag am 22. Jänner, dem Tag seines Rücktritts, geregelt wissen. Aber nach der kolportierten Absage von zumindest zwei Kandidaten musste der Nuntius das Auswahlverfahren von ganz vorne neu aufrollen.

Theologin Polak in ZiB 2: Grünwidl „sehr gute Wahl“

Regina Polak, Professorin für Pastoraltheologie, sieht in der Ernennung Grünwidls ein Zeichen dafür, dass die pastorale Ausrichtung im Zentrum der Wahl gestanden hat. Es spreche für Pater Grünwidl, dass er bei der Nachfolge anfangs zögerlich reagiert habe. In die Schuhe von Kardinal Schönborn einzusteigen, sei sicher keine leichte Aufgabe, so die Theologin. Grünwidl sei eine „sehr gute Wahl gewesen“. Polak beschreibt Grünwidl als „anschlussfähig“, guten Zuhörer und an Dialog interessiert. Er sei „vor allem und zuallererst“ Seelsorger.