Im Nahen Osten wachsen die Spannungen in der Krise um das iranische Atomprogramm. Dass der israelische Angriff tatsächlich bevorsteht, ist ungewiss. Die USA halten jedenfalls an der nächsten Runde der Atomgespräche mit Teheran an diesem Sonntag fest. Ein Angriff ohne US-Unterstützung wäre für Israel sehr schwierig.

Steve Witkoff, der Atomunterhändler von US-Präsident Donald Trump, plant für Sonntag die sechste Verhandlungsrunde mit den Iranern im Sultanat Oman, das im Atomstreit zwischen Teheran und Washington vermittelt. Trump bekräftigte sein Ziel, den Bau einer iranischen Atombombe zu verhindern, zeigte sich aber wesentlich optimistischer als noch vor einigen Wochen. Das jüngste iranische Angebot sei inakzeptabel, sagte der Präsident.

Die iranische Führung argumentiert, sie sei bereit, auf Atomwaffen zu verzichten, sie besteht aber auf dem Recht der Urananreicherung für friedliche Zwecke. Teheran bekräftigte diese Position am Donnerstag. Trumps Regierung hat sich in der Frage der Anreicherung bisher öffentlich nicht festgelegt: In einigen Äußerungen ließ sie erkennen, dass sie dem Iran ein niedriges Niveau der Anreicherung zugestehen will, in anderen betont sie, Teheran müsse auf die Urananreicherung komplett verzichten.

Bedenkliche Berichte

Aus Sicht der USA bedenklich sind zudem Berichte, wonach der Iran die Aufrüstung seiner Streitkräfte vorantreibt. So soll Teheran nach einem Bericht des „Wall Street Journal“ aus China Material zur Herstellung von 800 neuen Raketen importiert haben. Das iranische Raketenprogramm wird von Israel, arabischen Staaten und den USA als Bedrohung für die Region gesehen.

US official confirms evacuation of diplomatic staff from Iraq after Iran threats BAGHDAD, IRAQ - JUNE 11: A view of the U.S. Embassy building and its surroundings in Baghdad, Iraq on June 11, 2025. The U.S. Department of State has decided to withdraw some personnel from the U.S. Embassy located in Baghdad, the capital of Iraq. Murtadha AL-Sudani / Anadolu Baghdad Iraq. Editorial use only. Please get in touch for any other usage. PUBLICATIONxNOTxINxTURxUSAxCANxUKxJPNxITAxFRAxAUSxESPxBELxKORxRSAxHKGxNZL Copyright: x2025xAnadoluxMurtadhaxAL-Sudanix
Die US-Botschaft im Irak wurde zum Teil evakuiert © IMAGO/Murtadha AL-Sudani

Für den Fall, dass die Gespräche scheitern, droht Trump mit Angriffen auf iranische Atomanlagen. Teheran will in diesem Fall amerikanische Stützpunkte in Nahost und Israel angreifen. Abdolrasool Divsallar, Experte für Iran und Sicherheitspolitik an der Katholischen Universität vom Heiligen Herzen in Mailand, sieht die Gefahr, dass die USA eine iranische Antwort auf einen Militärschlag unterschätzen und die eigenen militärischen Kapazitäten überschätzen. Wenn die politischen Ansichten der Planer etwa zum Iran die Vorbereitung auf eine Militäraktion färben sollten, berge das „ein großes Risiko der Eskalation“, sagte Divsallar unserer Zeitung.

Die USA würden übersehen, „dass Iran nicht Irak oder Afghanistan ist, sondern eine Militärmacht im Nahen Osten“, meint Divsallar: Der Iran könne zurückschlagen. Auch könnten israelische Atomanlagen ins Visier der Iraner geraten, sagt Divsallar. „Es ist ein sehr riskantes Spiel.“

Netanjahu drängt Trump seit Monaten

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu drängt Trump seit Monaten, er solle Angriffen auf den Iran zustimmen; der US-Präsident will jedoch abwarten, wie sich die Verhandlungen mit Teheran entwickeln. Die israelische Luftwaffe kann zwar Ziele im Iran auch ohne Hilfe der USA angreifen, was sie zuletzt im vergangenen Jahr bewies. Für Luftschläge gegen die unterirdischen und stark gesicherten Atomanlagen im Iran braucht Israel aber die Unterstützung amerikanischer Langstreckenbomber.

Dennoch teilte Israels Regierung den USA laut Medienberichten jetzt mit, die Vorbereitungen für einen Angriff auf den Iran seien abgeschlossen. Der Abzug amerikanischer Diplomaten aus dem Nahen Osten sei eine Reaktion auf diese Ankündigung.

Der Iran bereitet sich nach Angaben seiner Regierung auf Angriffe vor, sieht die jüngsten Drohungen aber als Versuch, vor der Fortsetzung der Atomgespräche mehr Druck aufzubauen. Die Eskalation der Spannungen diene dazu, die iranische Position zu beeinflussen, sagte ein iranischer Regierungsvertreter der Nachrichtenagentur Reuters. Ein „befreundeter“ Staat im Nahen Osten habe die Iraner über die Gefahr eines Militärschlages informiert. Der Abzug des amerikanischen Personals aus Nahost sei an sich noch keine Gefahr für den Iran, meldete der staatliche iranische Sender Press TV unter Berufung auf Sicherheitskreise in Teheran.

Die iranische Führung hatte kürzlich erklärt, ihre Agenten hätten zahlreiche Unterlagen über das israelische Atomprogramm nach Teheran gebracht. Damit wolle Teheran signalisieren, dass der Iran über die Standorte israelischer Atomanlagen informiert sei, sagte der Iran-Experte Arash Azizi von der Universität Boston unserer Zeitung. Der iranische Sicherheitsrat habe Israel bereits Angriffe auf Atomanlagen angedroht, sagte Azizi.