1.     Seid bildungshungrig, stets offen gegenüber neuen Erkenntnissen!

Macht, was euch Freude und Erfüllung bringt, aber macht es ganz, mit Begeisterung und vollem Einsatz, auch mit der Bereit- schaft, umzudenken und umzulernen. »Die einzige Möglichkeit, Zufriedenheit zu erlangen, besteht darin, das zu tun, was man selbst für großartige Arbeit hält. Und der einzige Weg, großartige Arbeit zu leisten, besteht darin, zu lieben, was man tut …« (Steve Jobs) Bildung ist der Schlüssel zum Erfolg, nicht nur individuell, auch gesellschaftlich: »Es gibt keinen gebildeten Staat, der arm ist, und es gibt keinen ungebildeten Staat, der irgendetwas anderes als arm ist.« (John Kenneth Galbraith) Mehr, neue, bessere Bil- dung ist der Schlüssel zur positiven Veränderung der Welt: »Wer will, dass die Welt so bleibt, wie sie ist, will, dass sie nicht bleibt.« (Erich Fried)

2.     Seid also in einem bestimmten Sinne verrückt, neugierig, erfindungsreich!

Nur innovative, »verrückte« Leute bewegen und verändern die Welt, die sich immer schneller dreht. Nicht so sehr formale Prü- fungsergebnisse zählen heute und künftig, sondern die Fähigkeit, sich dem schnellen sozialen und technologischen Wandel anzu- passen, im Idealfall an neuen Wegen für sich und andere mitzu- bauen. »Bleiben Sie hungrig, bleiben Sie verrückt!« (Steve Jobs in seiner bewegenden Rede an der Stanford University)

3.     Seid leistungsbereit, nutzt eure Chance!

Das setzt auch den individuellen Willen voraus, sich zu mühen: Wer nicht bereit oder fähig ist, schnell und lebenslang zu lernen, der wird unwiderruflich zurückbleiben. Auch wenn das keines- wegs immer persönliche Schuld ist, sondern die (bildungs-)politi- sche Schuld einer konservativen Gesellschaft: Wer beispielsweise nicht einschulungsfähig ist nach sechs Lebensjahren – etwa durch unzureichende Sprachkenntnisse –, wird darunter lebenslang lei- den. Ebenso nötig wie individueller Einsatz sind aber politische Rahmenbedingungen: Die bildungspolitischen Versäumnisse sind gerade in unseren Breitengraden ebenso ein Skandal wie die Tat- sache, dass allein in den 28 EU-Mitgliedsländern beinahe jeder vierte junge Erwachsene arbeitslos ist, nämlich mehr als fünf Millionen unter 25 Jahren. Wenn ihr aber vom Leben, vom Land oder eurer Familie eine Chance bekommt, so nutzt sie. Es ist wie bei einem Fußballspiel: Man muss gerne Fußball spielen, man muss trainiert haben, und man muss Tore erzielen können und wollen. Es gehört auch etwas Glück dazu – auch einen Elfmeter kann man vergeben.

4.     Seid selbstbewusst, aber auch solidarisch um eure Freiheit besorgt!

Freiheit muss erkämpft werden, nicht nur im »großen« Kampf gegen autoritäre Strukturen und Systeme, sondern auch im »klei- nen«, alltäglichen Leben: Freiheit bedeutet auch Verantwortlich- keit, für sich wie für andere. »Nur der verdient die Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muss.« (Goethe) Eigenverant- wortung, Eigeninitiative und Eigenvorsorge sind die Vorausset- zungen für Freiheit und Solidarität. »Freiheit bedeutet Verant- wortlichkeit; das ist der Grund, weshalb die meisten Menschen sich vor ihr fürchten.« (George Bernard Shaw) Ohne Leistungs- gerechtigkeit gibt es keine Verteilungsgerechtigkeit. Und ohne Chancengleichheit – und damit Durchlässigkeit im Bildungsbe- reich – keines von beiden. Die größten Ungleichheiten entstehen durch unterschiedliche Zugangsmöglichkeiten zur Bildung. Stabi- le Gesellschaften brauchen aber ein Mindestmaß an fairer Ausge- wogenheit, an Solidarität und Teilhabe, materiell wie immateriell. Verteilt kann aber nur werden, was vorher erwirtschaftet wurde: Nur wer sät, kann auch ernten.

5.     Seid international, denkt über die Tellerränder Österreichs hinaus, auch über die Europas!

Nutzt die Chancen, welche die unumkehrbare Globalisierung mit sich bringt, fürchtet euch nicht davor. Natürlich ist es bis- weilen schwer, sich zurechtzufinden in der neuen Unübersicht- lichkeit und Komplexität der modernen Welt, angesichts des enormen Tempos der digitalen Revolution und der riesigen Herausforderungen der weltweiten Konkurrenzen. Aber: Nur wer sich diesen Globalitäten mit all ihren – auch – individuellen Chancen stellt, wird bestehen können. Und wird vielleicht dazu beitragen können, dass die Fortschritte der modernen Welt wirk- lich international werden. Dass es – um mit Eric Hobsbawm zu sprechen – einem Durchschnittsbürger heute besser geht als einem Monarchen vor 200 Jahren, dass es uns mit unseren Kin- dern und Enkelkindern unendlich besser geht als unseren Eltern, Groß- und Urgroßeltern, gilt nur für unsere Breitengrade, nicht für große, eigentlich größere Teile der Welt, die in entsetzlicher Weise um Lichtjahre von unserer Entwicklungsstufe entfernt sind.

6.    Seid euch des Privilegs bewusst, in Österreich leben zu können!

Trotz der vielen Opfer zweier Weltkriege, trotz eines schmerzhaf- ten Bürgerkriegs in der Zwischenkriegszeit, trotz der Ausrottung wichtiger Bevölkerungsgruppen – vor allem der jüdischen – durch den Nationalsozialismus, trotz der Belastungen durch eine zehn- jährige Besatzung danach steht Österreich heute als ein Land da, das in vielen internationalen Wirtschaftsvergleichen hervorragen- de Positionen einnimmt. Wir alle leben im elftreichsten Land der Welt, im drittreichsten Europas, trotz aller bestehenden Vertei- lungsunterschiede auch in einem der sozial am ehesten ausgegli- chenen. Und Wien wird regelmäßig unter die drei Städte mit der weltbesten Lebensqualität gereiht, was aber immer von Neuem erkämpft werden muss.

7.     Seid euch aber auch dessen bewusst, dass Österreich grundlegende Reformen benötigt!

Österreich gerät in den letzten Jahren zunehmend in Gefahr, diese Spitzenposition zu verlieren. So hat der Wohlfahrtsstaat, eine der größten Errungenschaften des 20. Jahrhunderts, an Treffsicher- heit eingebüßt: Der Anteil aller Sozialausgaben an der jährlichen Wirtschaftsleistung ist seit Einführung des ASVG (Allgemeines Sozialversicherungsgesetz) im Jahr 1956 von 16 Prozent auf 21 Prozent (1970), 26 Prozent (1990) und 31 Prozent (2014) gestie- gen, gleichzeitig ist aber der Anteil der – relativ – Armen nicht gesunken. Auch andere Förderbereiche zeigen (zu) wenig Wir- kung. Wir haben etwa eine der niedrigsten Geburtenraten, dafür aber eines der höchstdotierten Familienförderungssysteme der Welt: weil zu viel Geld direkt ausgezahlt wird, aber zu wenig Sachleistungen (Kinderbetreuungsplätze) den Familien zugute- kommen. Vor 30 Jahren gab es 50.000 Frühpensionisten, jetzt sind es 650.000. Besonders spürbar sind unsere Defizite im Bil- dungssektor – allein die Aufregungen rund um die schulischen PISA-Tests sind wohl noch in bester (?) Erinnerung. Unser Land ist zwischen 2009 und 2014 im EU-Innovationsranking vom 6. auf den 10. Platz abgerutscht. Das ist ein wesentlicher Grund dafür, dass wir auch in der Wettbewerbsfähigkeit stark eingebüßt haben und international von Platz 14 auf Platz 21 (Global Com- petitiveness Report) zurückgefallen sind.

8.     Seid euch der tickenden »Generationenbombe« bewusst!

Besonders beunruhigend sind die Perspektiven des Pensionssys- tems: Die durchschnittliche Lebenserwartung ist seit 1956 erfreu- licherweise um 20 Jahre gestiegen (2013 auf 81,1 Jahre; Männer: 78,5, Frauen: 83,6), das effektive Pensionsalter ist aber in den letzten 30 Jahren von 61 auf 58 Jahre zurückgegangen. Die Zahl der Kinder und Jugendlichen (unter 15 Jahren) ist in vielen Regi- onen gesunken, die Bevölkerung im nicht mehr erwerbsfähigen Alter (65 Jahre und älter) stark gestiegen. Die erwerbsfähige Be- völkerung (15 bis 64 Jahre) ist in den letzten Jahren fast nur mehr durch – politisch oft bekämpfte – Zuwanderung gewachsen. Das kann sich für ein Pensionssystem auf bisherigem Niveau nicht ausgehen, schon gar nicht angesichts der demografischen Progno- sen: Sind derzeit 18 Prozent der Bevölkerung 65 Jahre oder älter, werden es bis 2020 rund 20 sein, ab 2030 mehr als 25, 2060 fast 30 Prozent. Der Anteil der 20- bis 64-Jährigen wird von 62 Pro- zent (2012) bis 2030 auf 57 Prozent zurückgehen, 2060 nur mehr bei 53 Prozent liegen.

9.    Seid politisch, nicht unbedingt parteipolitisch, aber engagiert euch!

Ich nehme für mich in Anspruch, mich mein ganzes Leben lang als Citoyen betätigt zu haben, als Bürger, der sich den histori- schen Werten der Französischen Revolution von Freiheit, Gleich- heit und Brüderlichkeit verpflichtet fühlt, am Gemeinwesen teil- nimmt und dieses mitgestaltet. Das war für mich niemals Sache eines Amtes oder einer Partei. Aber die Welt der Politik war und ist stets meine Sache, faszinierend wie die Welt der Wirtschaft oder der Wissenschaft. Wobei zu den wichtigsten Ratschlägen, die ich je erhalten habe, jener meines väterlichen Freundes, des Bundespräsidenten Adolf Schärf, gehört. Als ich in der Frühphase meiner Karriere vor der Entscheidung stand, ob ich einen weite- ren Schritt in die Politik wagen sollte, meinte er: »Wenn du in der Politik deinen Beruf oder deine Berufslaufbahn aufgeben musst, musst du Nein sagen. Wenn man dir aber einräumt, diese weiter- verfolgen zu können, dann sage Ja, weil das dann die Krönung ist: für die Politik: ja, von der Politik: nein!«

10. Seid niemals resignativ, lasst euch nicht unterkriegen!

Mein Leben war alles andere als stromlinienförmig, war eine Aneinanderreihung von Erfolgen und Enttäuschungen. Einem schnellen Aufstieg in der Politik folgte eine schmerzhafte, auch persönliche Auseinandersetzung, dann ein Wechsel in die Ban- kenwelt, schließlich ein harter Fall. Dann aber ein erfolgreicher Neustart als Industrieller, der aber seine politischen Wurzeln niemals vergisst. Und nicht (s)eine Lebensweisheit: Es gibt Nie- derlagen, aus denen man lernt, die stärker machen. So betrachtet ist jeder Fehler ein Gewinn, wenn man die richtigen Schlüsse da- raus zieht. Nur wer nichts tut, macht keine Fehler, aber das ist der größte von allen. Es scheitern nur jene, die liegen bleiben. Es gewinnen jene, die niemals aufgeben.