Die Aufzeichnungen des Hydrografischen Dienstes in Eisenstadt zeigen ein eindeutiges Bild: Noch nie seit 1965 lag der Wasserstandspegel des Neusiedler Sees zu dieser Zeit im Jahr niedriger als derzeit. Zwar kann es bei der Wassertiefe aufgrund von Windverfrachtungen je nach Messpunkt bis zu 80 Zentimeter Unterschied auf dem 320 Quadratkilometer großen See geben. Der tagweise gemessene Mittelwert lag zuletzt aber nicht nur 70 Zentimeter unter dem Maximalwert (1996), sondern auch 20 Zentimeter unter dem Vorjahres- und zehn Zentimeter unter dem bisherigen Minimalwert (2020).

In der Wasserwirtschaftsabteilung des Landes wehrt man sich aber gegen Alarmismus. "Es ist ein Flachsee – das darf man nicht vergessen", relativiert Referatsleiter Christian Sailer. Die Erfahrung zeige, dass intensive Regenfälle das Niveau rasch wieder ansteigen lassen können. Auf diese Niederschläge hofft man jetzt, denn: "Besorgniserregend ist schon, dass die heißen, trockenen Sommermonate, in denen der Wasserstand durch Verdunstung automatisch sinkt, noch bevorstehen", räumt Sailer ein. Einzelne Buchten und Bereiche im Schilfgürtel könnten trockenfallen.

Pläne, die zu einer Entspannung der tendenziell angespannten Wasserstandssituation führen könnten, gibt es – beispielsweise Wasserzuleitungen aus der Donau in Österreich und der Slowakei. Beim Land und der österreichisch-ungarischen Gewässerkommission wird aber ein Kanalprojekt priorisiert, das Wasser aus der ungarischen Moson-Donau Richtung See leiten würde. Dafür müsste auf ungarischer Seite der Kanal bis an die Staatsgrenze verlängert werden.

Den Zuschlag für die Errichtung des Kanals hat mit Lörinc Mészáros ein in der Region nicht unbekannter Investor erhalten. Der Milliardär und Vertraute von Ministerpräsident Viktor Orbán ist auch Bauherr des ob seiner Dimension – Hotel, 20 Bungalows, Jachthafen mit 800 Stellplätzen, Tennisplätze – umstrittenen Ferienparks in Fertörakos südlich von Mörbisch.

Finanzierung ungeklärt

Für das Kanalprojekt blieben die erhofften EU-Fördergelder auf ungarischer Seite aber aus. Jetzt fehle eine alternative Finanzierungszusage durch den Staat, sagt Sailer. Indes hat das Burgenland vorerst drei Millionen Euro veranschlagt. Auch eine Machbarkeitsstudie und ein Grundsatzgutachten liegen laut Sailer vor. Durch den Kanal soll nicht nur der See, sondern auch die Grundwasserspeicher im Seewinkel gespeist werden. Grundsätzlich handelt es sich dabei um zwei unabhängige Wassersysteme, erklärt Sailer. Der See werde fast zur Gänze aus Niederschlägen und Oberflächenzuflüssen gespeist. Der Grundwasserspiegel macht Experten dennoch Sorge. Er ist zuletzt durch intensive Landwirtschaft und die Verlagerung der Niederschläge in Richtung Sommer sukzessive gesunken. Mit fatalen Folgen: Die charakteristischen Salzlacken im Seewinkel drohen auszutrocknen und der Boden auszusüßen, weil das Wasser es nicht mehr schafft, die Salzpartikel an die Oberfläche zu transportieren.

Von Naturschutzorganisationen gibt es dennoch massive Bedenken gegen Zuleitungen. Sie warnen vor Eingriffen in das ökologische Gleichgewicht. "Wir wollen das komplette Austrocknen des Sees verhindern", kontert Sailer. Zuletzt ist das Mitte des 19. Jahrhunderts passiert.