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Terror in WienExperte: "Anschlag war nur eine Frage der Zeit"

Bei den Maßnahmen zur Deradikalisierung von Jihadisten sei Österreich gut, aber es gebe noch viel Luft nach oben.

© AP/STR
 

Dass es zu einem Anschlag in Wien kommt, war "nur eine Frage der Zeit", meint der Islamwissenschafter Rüdiger Lohlker. "Erwartbar war es, aber nicht wann", sagte er am Dienstag gegenüber der APA. Bei den Maßnahmen zur Deradikalisierung von Jihadisten stehe Österreich gar nicht so schlecht da, so der Experte, sieht aber Verbesserungspotenzial bei der Begleitung nach der Haftentlassung und der Finanzierung der vorhandenen Initiativen zur Prävention und Deradikalisierung.

"Der Hausverstand sagt, dass wir bisher Glück gehabt haben, dass in Wien nichts passiert ist, wenn wir bedenken, dass wir eine große Anzahl an Ausreisenden nach Syrien gehabt haben", sagte der Professor der Universität Wien. Das jihadistische Milieu sei größer als die rund 90 Rückkehrer aus Syrien, aber das bedeute nicht, dass alle unmittelbar gefährlich seien. Es sei auch unmöglich, hundertprozentige Sicherheit zu erhalten, betont Lohlker.

So sei es bei jeder vorzeitigen Entlassung möglich, dass jemand das System austricksen würde, indem er lüge. "Solche Systeme haben ihre Grenzen. Auch die islamische Gefängnis-Seelsorge ist auf ihr Gefühl und ihre Menschenkenntnis angewiesen", so der Experte. Es gebe durchaus zahlreiche ernst zu nehmende Initiativen zur Deradikalisierung in den Haftanstalten und zur Prävention bei Jugendlichen. "Mehr wäre aber besser", meint Lohlker, und die Initiativen hätten immer wieder das Problem, das ihnen die längerfristige Finanzierung fehle. Bedarf sieht der Experte auch bei der Frage, wie Jihadisten nach der Haft begleitet würden. Da bräuchte es eine Art Supervision.

Beweggründe für den Anschlag sieht Lohlker in den intensiven Diskussionen in der jihadistischen Community seit der neuerlichen Veröffentlichung der Mohamed-Karikaturen in Frankreich und dem damit zusammenhängenden Mord auf den Lehrer bei Paris. Dadurch sei die Debatte wieder hochgekocht und "es war schon ziemlich drastisch was da geäußert wurde", so der Experte, der einschlägige Online-Foren beobachtet. Das sei dem Täter auch sicher zugänglich gewesen. "Der Täter ist vielleicht ein Einzeltäter, aber er ist nicht allein, er hängt in einem globalen Netz online wie offline drinnen", sagt Lohlker.

Die Tatsache, dass sich gläubige Muslime durch die Mohammed-Karikaturen getroffen fühlen, sei "der Resonanzboden, auf den jihadistische Kreise spekulieren, dass sie bei Attentaten Zuspruch erhalten, was nicht unbedingt der Fall sein muss". Denn de facto sei die Ablehnung der relativ kleinen jihadistischen Minderheit innerhalb der muslimischen Community groß.

Als weitere Beweggründe des Attentäter sieht der Experte gewisse innerislamische und innerjihadistische Konkurrenzeffekte. Einerseits würde es jihadistische Kreise stören, wenn politische Kräfte wie die türkische Regierung in dem Konflikt auftreten würden, "weil sie die türkische Regierung als nichtislamisch ansehen und meinen sie müssen was unternehmen", weil nur sie den wahren Islam vertreten würden. Anderseits gebe es auch einen innerjihadistischen Konkurrenzeffekt zwischen der Community der Balkanländer und arabischen Muslimen in Frankreich. Hinzu komme sicher im Fall des österreichischen Attentäters, dass es so einen Anschlag in Österreich noch nicht gegeben habe. Damit sei ihm garantiert, dass er "ein religiöser Held in seiner Subkultur" wird.

In den jihadistischen Foren habe es bereits am Montagabend Applaus für den Attentäter gegeben. Dabei seien die vorhandenen Videos der Tat mit entsprechenden Kommentaren wie "Wien brennt" und "Allahu akbar" gepostet worden. Derartige Akklamationen seien üblich nach derartigen Anschlägen, abzuwarten bleibe aber, ob Verantwortliche des IS das aufnehmen und für sich reklamieren werden. Genau aus diesem Grund sei es ziemlich "fatal" Videos der Tat zu verbreiten, so Lohlker. Medien rät der Experte daher nüchtern und nicht ausufernd über den Attentäter zu berichten.

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