Black Lives Matter in Österreich“Wir sehen in George Floyd unsere Brüder, unsere Väter”

Die Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt aus den USA haben Österreich mit einer nicht vorhergesehenen Intensität erreicht. Donnerstag Abend versammelten sich rund 50.000 Menschen auf dem Wiener Karlsplatz um Solidarität zu zeigen und auf die gleichen Probleme in Österreich hinzuweisen. Nicht eingehaltene Corona-Maßnahmen werden nicht folgenlos bleiben. Von Anja Drechsler und Larissa Eberhardt

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© Anja Drechsler
 

Zu Beginn wurde noch versucht, den Mindestabstand einzumahnen. Doch nach kurzer Zeit war daran nicht mehr zu denken. Es fehlte schlichtweg der entsprechende Platz bei diesem Andrang an Menschen, der trotz Regen kontinuierlich größer wurde. “Der #Karlsplatz füllt sich mit tausenden Demoteilnehmer*innen. Unsere Kolleg*innen versuchen hier gerade mehr Platz zu schaffen, daher sind sämtliche Straßenzüge rund um den Karlsplatz für den Verkehr gesperrt,” twitterte die Wiener Polizei im Bemühen mehr Raum zu schaffen. „Man sieht einfach nicht, wo es aufhört“, beschrieb eine Demonstrantin die Lage während der Eröffnungskundgebung vor dem Museumsquartier im 7. Wiener Bezirk. Ganz Corona-konform trug die Mehrheit Masken, Babyelefanten waren am Donnerstag im Gewimmel  jedoch eine eher seltene Gattung. Das soll nach Kurier-Angaben Konsequenzen haben: Gesundheitsminister Rudolf Anschober lädt zu einem Runden Tisch zum Thema, um die Demonstration zu evaluieren und in Zukunft besser reagieren zu können.

Foto © Anja Drechsler
50.000 Teilnehmer auf der Demonstration 

Als sich der Demozug dann in Bewegung setzte, lockerte sich die Menge langsam auf. Sehr langsam. Denn als die Spitze der Demonstration bereits auf den Karlsplatz marschierte, war beim Museumsquartier noch nichts von Bewegung zu spüren. Der fast einen Kilometer lange Weg zwischen Museumsquartier und Karlsplatz wurde Schauplatz eines nicht enden wollenden Demozugs. Anfangs kursierte unter den Demonstrierenden noch die Annahme von etwa 4.000 TeilnehmerInnen. Doch schon kurz nach der Eröffnungskundgebung wurde deutlich, dass es sich um zehntausende Menschen handelte. Später korrigierte die Polizei die Teilnehmerzahl auf 50.000 hoch.

Bei den Protestierenden konnte man eine Mischung aus Betroffenheit und Begeisterung, ob der Masse an Gleichgesinnten vernehmen. Menschen aller möglichen Hautfarben waren anwesend. Manche machten ihrer Trauer und Wut mit Trommeln Luft, andere riefen im Chor „Black Lives Matter“ oder „No Peace, No Justice“. Alles lief friedlich ab, bestätigt auch die Wiener Polizei der Kleinen Zeitung gegenüber. Der Einsatz, so Markus Dittrich, Sprecher der Polizei Wien, sei zur Zufriedenheit der Polizei abgelaufen. 

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“Ich war überwältigt”

Mireille Ngosso, Organisatorin des Protests zeigte sich im Gespräch mit der Kleinen Zeitung tief bewegt von der Resonanz. “Ich war absolut überwältigt, ich hatte Tränen in den Augen. Es waren People of Color da, es waren Black People of Color da, es war die weiße Mehrheitsgesellschaft da. Wir haben gemeinsam, Hand in Hand, für Black Lives Matter gekämpft.”  Black Lives Matter wird aktuell zur globalen Bewegung. Nicht nur in Wien, sondern auch in Neuseeland, Deutschland und vielen anderen Ländern, gehen Menschen in Solidarität mit dem Verstorbenen auf die Straße. Viele weiße Menschen, so Ngosso, hätten durch den rassistischen Mord jetzt erst begriffen, wie privilegiert sie sind. Für Black People of Color zum Symbol geworden. “Wir haben in George Floyd mehr gesehen als nur George Floyd, wir haben unsere Söhne gesehen, unsere Brüder, unsere Onkel. Deswegen ist diese Bewegung auch international geworden und bis zu uns nach Österreich gekommen. Wir haben auch hier in Österreich einen strukturellen Rassismus.”

Mireille Ngosso organisierte den Protest. Sie hatte zunächst mit nur 3000 Menschen gerechnet. Foto © (c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)

Startpunkt Omofuma-Denkmal

Los ging die Demonstration in Wien am Mahnmal für den Nigerianer Marcus Omofuma. Er starb 1999 bei einer Abschiebung aus Österreich. Die Botschaft dahinter: Nicht nur in den USA gibt es rassistische Gewalt. Die Demonstration hingegen lief absolut friedlich ab, bestätigt Markus Dittrich von der Wiener Polizei, die kurzzeitig Mühe hatte ausreichend Platz zu schaffen. 

Österreichische Politiker verurteilen rassistische Tat

Auch führende Politiker melden sich zu Wort. Präsident Van der Bellen plädierte dafür, dass es Zeit sei von Rassismus betroffenen Menschen Gehör zu schenken. Diese Mahnung hat besonders in Anbetracht der neuesten Rüge des Europarates Brisanz. In einem Bericht kritisiert dieser, dass politische Reden in Österreich “spaltende und antagonistische Grundtöne” angenommen hätten, “besonders in Bezug auf Muslime und Flüchtlinge.” 

Sogar FPÖ-Abgeordneter Harald Vilimsky verurteilte den Gewaltexzess, der in Floyds Tod resultierte:  "Der Tod von George Floyd ist tragisch und offenbar ein klares Fehlverhalten der beteiligten Polizisten". Die ÖVP-EU-Abgeordnete Angelika Winzig wies darauf hin, dass struktureller Rassismus in der Tat nicht nur die USA betreffen. Othmar Karas bekräftigte diese Position. Man könne "Feuer nicht mit Feuer bekämpfen und Demokratie nicht durch das Schüren von Hass, Angst, Gewalt, Lügen und Rassismus leben", so der EU-Abgeordnete. Das sei "keine westliche Politik des 21. Jahrhunderts, sondern eine grausame Erinnerung an Schrecken der Vergangenheit”. 

Demo könnte erster Schritt in die richtige Richtung sein

Ngosso zeigt sich im Gespräch hoffnungsvoll, dass die Ereignisse in den USA jetzt auch bei Österreichern zu einem Umdenken führen und rassistische Aussagen von FPÖ und anderen jetzt auf mehr Widerspruch treffen werden. Die globale Bewegung macht vielen Menschen Mut, dass Vorfälle rassistischer Polizeigewalt in Zukunft nicht mehr unter den Teppich gekehrt werden können. Die vier beschuldigten Polizisten im Fall Floyd sind mittlerweile alle in Haft. In früheren ähnlichen Fällen hatte es deutlich länger gebraucht, bis Schritte eingeleitet wurden. Oft hatte die exzessive Gewalt für die Täter nur leichte Folgen.

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