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Missbrauch im Maßnahmenvollzug "Guru" nötige Mithäftling zu sexuellen Handlungen

Der Mann erzählte, er sei ein Ordensführer und habe die Macht, einen Mithäftling früher aus der Haft zu holen.

© Kanizaj
 

Ein Häftling, der bereits wegen Missbrauchs im Maßnahmenvollzug ist, soll in Wien einen Mitinsassen manipuliert haben, um ihn zu sexuellen Handlungen zu nötigen. Der Mann erzählte dem 31-Jährigen, er sei ein Ordensführer und habe die Macht, ihn früher aus der Haft zu holen. Am Donnerstag musste sich der 38-Jährige, der wegen dieser Masche bereits vor Gericht saß, erneut verantworten.

Vor sieben Jahren erhielt der Salzburger wegen derselben Vorgehensweise eine mehrjährige Haftstrafe, weil er psychisch labile Opfer für seine sexuellen Gelüste beeinflusst hatte. Damals hatte er fünf Kinder und Jugendliche sowie eine junge Frau missbraucht. Er wurde zusätzlich in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher eingewiesen, wo er auch in der Außenstelle Floridsdorf der Justizanstalt Mittersteig untergebracht war. Dort lernte er im Mai 2017 den 31-jährigen Mithäftling kennen. Bei dem Mann handelt es laut Insassen um einen sogenannten Schutzhäftling, der in einer größeren Anstalt "zerrissen werden würde".

Der 38-Jährige nahm den Jüngeren unter seine Fittiche und freundete sich mit ihm an. Der 31-Jährige vertraute seinem Kollegen an, dass er nie eine richtige Familie gehabt habe und er in der Kindheit vom Vater geschlagen und missbraucht worden sei. Mit diesem Wissen erzählte der 38-Jährige, dass er der Obmann eines Ordens sei. Wenn der 31-Jährige diesem Orden beitreten würde, dann würde er dessen vorzeitige Entlassung bewirken können und eine Familie aus Oberösterreich würde den 31-Jährigen bei sich aufnehmen. Dazu manipulierte der 38-Jährige laut Staatsanwaltschaft zahlreiche Briefe dieser angeblichen Familie.

Eigene Ordenssprache

Fortan erhielt der 31-Jährige über die Anwaltspost des Freundes Nachrichten vom Familienvater, der Mutter und den Kindern, worin sie Freude über das neue Familienmitglied kund taten. Laut Anklage soll der Beschuldigte jedoch die Briefe allesamt selbst verfasst haben, um seine Glaubwürdigkeit zu unterstützen. Der 31-Jährige stimmte schließlich zu, dem Orden beizutreten, erhielt von dem 38-Jährigen Lernunterlagen, um sich die Glaubensgrundsätze und sogar eine eigene Ordenssprache anzueignen.

Eine Anweisung war, dass der 31-Jährige mithilfe des 38-Jährigen regelmäßig "Energie aufladen" sollte. Das bedeutet, der Jüngere musste sexuelle Handlungen am 38-Jährigen durchführen, die er in Hoffnung, bald zu der Familie zu kommen, über sich ergehen ließ. "Sie haben ja geschrieben, ich soll viel Energie aufladen und brav lernen", berichtete der 31-Jährige dem Schöffensenat (Vorsitz: Sonja Höpler-Salat). "Meine Ladung muss immer auf mindestens 20 Prozent sein", berichtete er. "Wie wurde das festgestellt", fragte die Richterin. "Das weiß ich nicht. Er hat mich angeschaut und gesagt, deine Energie ist wieder unten, jetzt musst wieder aufladen." Hätte er das nicht getan, würde er krank werden und sterben. Der 38-Jährige drohte auch damit, dass der 31-Jährige sonst in die Justizanstalt Stein verlegt werde, wo andere Ordensmitglieder schon auf ihn warten würden.

Vorwürfe bestritten

Der Angeklagte bestritt vehement die Vorwürfe. Es wäre zu keinen sexuellen Handlungen gekommen. Auch dass er Obmann eines Ordens oder gar einer Sekte sei, bestritt er. "Aber deshalb wurden Se doch schon einmal verurteilt", sagte die Richterin. "Das war keine Sekte, sondern ein Mittelalterverein." Dass er die Briefe geschrieben habe, gab der Beschuldigte zu. "Es war mit ihm ausgemacht, dass ich diese fiktiven Briefe schreibe." Der 31-Jährige sollte sie der Anstaltsleitung vorlegen und es melden, damit der 38-Jährige in eine andere Haftanstalt verlegt werden. "Ich wollte unbedingt aus Mittersteig weg. In einem Strafhaus kann man sich mit den Menschen normal unterhalten", sagte der 38-Jährige. "Dass er allerdings eine Anzeige macht, das war nicht ausgemacht."

Mehrere Mithäftlinge bestätigten jedoch, von diesem sektenähnlichen Verein etwas gewusst zu haben. "Er manipuliert Häftlinge", sagte etwa ein Mitgefangener im Zeugenstand. Der 27-Jährige wollte zunächst gar nichts sagen und seine ursprünglich bei der Polizei getätigte Aussage aus Angst vor dem 38-Jährigen zurückziehen. Die Männer wurden nämlich nach dem Vorfall beide verlegt und sind mittlerweile aber wieder in derselben Haftanstalt. "Glauben Sie, dass ich hier frei aussagen kann", fragte er die Richterin. Erst in Abwesenheit des Angeklagten berichtete er von Manipulationen des selbst ernannten Ordensoberhaupts. "Ich hoffe, ich bereue es dann nicht in der Justizanstalt", meinte der 27-Jährige. "Aber er sagte, er ist ein Halbengel und in der Position, Leute versetzen zu können."

Erst eineinhalb Jahre später im Oktober 2018 vertraute sich der 31-Jährige seiner Betreuerin an und es wurde Anzeige erstattet. Im Prozess kam zutage, dass der 38-Jährige bereits zwei Mal verlegt worden ist, weil er in anderen Haftanstalten ähnliche Manipulationen durchgeführt haben soll. Zu einer Strafverfolgung kam es allerdings nicht, weil die Opfer ihre Aussage zurücknahmen.

Der Prozess gegen den Mann wegen des Vorwurfs der geschlechtlichen Nötigung und der Nötigung wurde auf unbestimmte Zeit vertagt. Das Gericht gab ein psychiatrisches Gutachten in Auftrag, um zu klären, ob das Opfer durch die Übergriffe eine schwere Körperverletzung erlitten hat.

 

Kommentare (1)

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gonde
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Unglaublich! Was tut die Anstaltsleitung für den Mann, da ja beide wieder in derselben Anstalt sitzen? Wie ist das möglich?

Man kann nur den Kopf schütteln.

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