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Fotos und Briefe gesuchtVor 80 Jahren erste Juden-Deportationen aus Wien nach Nisko

Ziel ist die Erschließung von neuen Quellen zur Nisko-Aktion sowie das Sichtbarmachen des Schicksals der fast 1.600 deportierten Männer.

Die Kultusgemeinde (IKG) in Wien wurde aufgefordert, Listen mit arbeitsfähigen Männern ohne großes Vermögen vorzulegen, © AP
 

Am 1. November startet das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (DÖW) ein einjähriges Projekt mit dem Titel "Nisko 1939: Online-Edition zur ersten Massendeportation aus Wien". Ziel ist die Erschließung von neuen Quellen zur Nisko-Aktion sowie das Sichtbarmachen des Schicksals der fast 1.600 deportierten Männer.

Vor 80 Jahren wurden die ersten Deportationen von Juden aus Wien durchgeführt. Am 20. Oktober 1939 fuhr ein Zug mit 912 Personen vom Aspangbahnhof ab. Sein Ziel war Nisko, eine Kleinstadt im von den Nazis kurz zuvor besetzten Teil Polens. Am 26. Oktober folgte der zweite Zug mit 672 Personen. Die meisten kamen nicht mehr zurück.

Das DÖW fokussiert sich dabei auf jene Personen, die im Lager Nisko untergebracht waren und nach dessen Schließung nach Wien zurückgekehrt waren. Von den Toten und Überlebenden, die in die Sowjetunion vertrieben wurden, sind bisher erst wenige Namen bekannt. Deren Erforschung obliegt einem künftigen Forschungsprojekt des DÖW, das in Kooperation mit in- und ausländischen Forschungseinrichtungen durchgeführt werden soll.

Fotos und Briefe gesucht

Um Biografien der Betroffenen erstellen zu können ist das DÖW neben Recherchen in österreichischen und ausländischen Archiven auch darauf angewiesen, Fotos, Briefe, Dokumente von Angehörigen, Bekannten und Freunden zu bekommen, hofft Projektleiterin Claudia Kuretsidis-Haider auf neue Informationen und Unterlagen.

Kern des Projekts ist die Erstellung einer frei zugängliche Online-Dokumentenedition zu den bisher einer breiten Öffentlichkeit in Österreich kaum bekannten Deportationen nach Nisko. Diese wird in Zusammenarbeit mit der vom FP7/Horizon 2020 der Europäischen Union finanzierten Forschungsinfrastruktur European Holocaust Research Infrastructure (EHRI) erstellt.

Zeuge überlebte

In einem Buch hat der 2011 verstorbene Historiker Jonny Moser die Verbrechen dargestellt: "Nisko - Die ersten Judendeportationen", dieses ist nach seinem Tod im Jahr 2012 von seinen Söhnen veröffentlicht worden. In einem "profil"-Interview sagte Moser: "Ich selbst habe gesehen, wie sich gegenüber unserer Wohnung in der Mohrengasse Männer mit Rucksäcken nach Nisko verabschiedeten. Im Frühjahr 1940 erfuhr man dann, dass einige von ihnen zurückgekommen waren. Man hörte aber nicht viel, denn sie wurden gleich in Arbeitslager weiterverschickt". Moser selbst überlebte den Holocaust in Ungarn. "Nisko war der Beginn der Shoah, denn die meisten der damals Deportierten haben nicht überlebt." Sie wurden von der SS über die sowjetische Linie vertrieben und zum Teil nach Sibirien verschleppt. Oder sie fielen nach dem Einmarsch der Deutschem 1941 den SS-Einsatzgruppen zum Opfer.

Juden rasch loswerden

Nach dem Einmarsch und dem "Anschluss" Österreichs ans Deutsche Reich wollten die Nationalsozialisten die Juden so schnell wie möglich loswerden. Zunächst wurde die Flucht der Juden in andere Länder beschleunigt, nachdem sie zuvor diskriminiert und ausgeraubt wurden. Dann kam die Idee eines "Judenreservats" im eben erst besetzten Polen auf, an der Demarkationslinie zur Sowjetunion. Aus dem ganzen deutschen Einflussgebiet sollten die Juden hingeschickt werden, um hier zu leben. Den Anfang sollten österreichische, tschechische und polnische Juden machen.

Freiwillig gemeldet

Einige wenige Juden aus Wien meldeten sich tatsächlich mehr oder weniger freiwillig für die "Umsiedlung" nach Nisko, denn es gab bereits komplettes Berufsverbot für die Juden, die daher zunehmend verarmt und von Hilfen der Kultusgemeinde abhängig waren. Sie dachten, sie könnten in Nisko zumindest in Frieden und von eigener Arbeit leben. Die übrigen wurden dann von der IKG auf die Liste gesetzt, geht aus Berichten hervor.

Pässe und Gepäck abgenommen

Die Deportierten durften bis zu 50 Kilogramm Gepäck mitführen, viele Handwerker nahmen ihre Werkzeuge mit. Ein Teil ihres Geldes wurde ihnen während der Zugfahrt nach Nisko geraubt, unter dem Vorwand dass es umgewechselt werden müsse. Auch ihre Pässe wurden ihnen abgenommen. Angekommen in Nisko mussten sie nach Zarzecze marschieren, ein Vorort der Stadt am Fluss San. Dort wurden aber nur 200 der Wiener Juden ausgesucht, um das Lager mit mitgebrachten Baumaterialien zu errichten. Die übrigen wurden sofort mit Waffengewalt in die umliegenden Wälder vertrieben. Sie sollten doch in die Sowjetunion gehen, hieß es.

"Geht zu euren roten Brüdern", riefen die SS- und Gestapo-Männer ihnen zu. Das Gepäck wurde vielen von den Nazi-Wachleuten oder ihren Hilfskräften geraubt. "Einer hat nicht wollen vom Platz gehen, den haben sie erschossen, einer von uns, ein junger Mensch mit 18, 19 Jahr", erinnerte sich Leopold Sonnenfeld, einer der überlebenden Wiener Juden. Nach einigen Tagen in den Wäldern auf der Flucht vor den Nazis habe man in der Nacht mit Hilfe von Schleppern den Grenzfluss San überquert.

Spionage-Verdacht

Dort mussten die sowjetischen Grenzbeamten zuerst klären, ob sie überhaupt einreisen durften, erschöpfte Männer aus Wien ohne Ausweise und ohne Gepäck. Die Sowjets verdächtigten sie der Spionage. Zwar wurden sie dann hineingelassen, fanden jedoch im Grenzgebiet keine Zuflucht. Nach dem Überfall der Nazis auf Polen war die Lage dort chaotisch, tausende Flüchtlinge waren unterwegs. Viele Wiener Juden schlugen sich weiter bis zur Stadt Lemberg (Lviv) durch, wo damals eine große jüdische Gemeinde lebte.

Lager selbst aufbauen

Die in Nisko bzw. Zarzecze Verbliebenen mussten selber ein Lager aufbauen. Mit unzureichenden Mitteln wurden schließlich einige Baracken errichtet. Nicht nur Wiener Juden wurden dorthin "ausgesiedelt": Nach Nisko wurden im Herbst 1939 insgesamt fünf Transporte geschickt: Der erste mit 901 Juden aus Mährisch-Ostrau im Nordosten des "Protektorats Böhmen und Mähren", dann die zwei genannten Züge aus Wien, ein weiterer aus Mährisch-Ostrau mit etwa 400 Juden und etwa 1.000 Personen kamen aus Kattowitz in Schlesien. Insgesamt also rund 3.900 Menschen, die plötzlich ihre Heimat verlassen mussten und sich völlig entwurzelt und hilflos im Krisengebiet wiederfanden. Die meisten kamen gar nicht in das zu errichtende Lager, sondern wurden gleich vertrieben. Einige fanden vorübergehend bei jüdischen Gemeinden in der Gegend Zuflucht. Die meisten versuchten, vor den Nazis in den von der Sowjetunion besetzten Teil Polens zu fliehen.

Judenreservat

Die Nazis ließen schließlich den Plan eines großen "Judenreservats" im Generalgouvernement bald fallen. Von den seit Oktober 1939 in Zarzecze bei Nisko festgehaltenen Männern kehrten im Frühjahr 1940 nach Auflösung des Lagers 198 Personen nach Wien zurück. Auch nach Mährisch-Ostrau gab es einen Rücktransport. Das war das einzige Mal, dass deportierte Juden wieder in ihre Heimatorte zurückgebracht wurden, wenn auch nur ein geringer Teil der Deportierten. Für viele bedeutete diese Rückkehr jedoch, dass sie mit ihren in Wien verbliebenen Familien bei den späteren Deportationen in den Osten erfasst wurden und in den Vernichtungslagern Auschwitz, Maly-Trostinez oder Chelmno ermordet wurden.

In Ghettos gesperrt, ermordet

Von den aus Nisko in die Sowjetunion geflüchteten Wienern wurden viele vom Geheimdienst NKWD verfolgt und in sowjetische Zwangsarbeitslager gesperrt, denn sie waren als Ausländer und Juden sowie wegen ihrer Kontakte in ihre Heimatländer gleich mehrfach verdächtig. Einige schrieben verzweifelte Briefe nach Hause über ihr ärmliches Leben, die von der Zensur gelesen wurden. Manche stellten bei den sowjetischen Behörden Gesuche, ihre Verwandten aus Wien einreisen zu lassen, was oft mit ihrer Einweisung in ein Sowjet-Lager endete. Diejenigen, die in Lemberg und Umgebung blieben, fielen nach dem Angriff des Deutschen Reichs auf die Sowjetunion im Juni 1941 zum großen Teil den "SS-Einsatzgruppen" zum Opfer. Die Wiener wurden zusammen mit den dort eingesessenen Juden in Ghettos gesperrt und ermordet. Das genaue Schicksal ist bei den meisten nicht bekannt. Auf den nach dem Zweiten Weltkrieg in Wien ausgestellten Totenscheinen hieß es dann "Letzter Wohnort: Nisko".

Kommentare (1)

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alberewrm
7
0
Lesenswert?

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"Wir haben doch nix gewußt ..."
"Das war damals eben so ..."

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