Haben Sie auch schon einmal eine tiefe Abneigung gegen ein bestimmtes Wort entwickelt? Mir geht es mit dem Begriff "toxisch" so. Noch vor nicht allzu langer Zeit war er ein sprachlicher Außenseiter, vor allem Medizinern, Chemikern und Apothekern geläufig, die ihn seit jeher als Synonym für giftig verwenden. Doch seit einiger Zeit breitet er sich auch in unserer Alltagssprache aus wie eine jener aus fernen Ländern eingeschleppten Pflanzen, die in unseren Gärten alles Heimische überwuchern und ersticken: toxische Beziehungen, toxisches Sponsoring, toxische Unternehmenskultur, toxischer Reichtum, der toxische Staat …
 
Natürlich ist mir klar, dass auch unser Wortschatz Trends und Moden unterliegt, die durchaus die zeitweise inflationäre Verwendung gewisser Worte mit sich bringen.
 
Was mich an toxisch aber irritiert, ist sein Einsatz als ideologischer Kampfbegriff: Toxisch ist das ultimative Verdikt, das die neue Wokeness wie ein Fallbeil auf alles herabsausen lässt, das nicht ihren Maßstäben von politischer Korrektheit genügt. Wird heute etwas als toxisch bezeichnet, geschieht das meist nicht, um einen Sachverhalt zu erhellen und einen kritischen Diskurs darüber zu eröffnen, sondern um die Sache selbst zu delegitimieren. Toxisch ist ein Giftbecher, gegen den es kein Gegengift gibt, denn das Urteil ist bereits gefällt, ohne dass die Richter es näher begründen müssen. Man hat die Moral auf seiner Seite. Das muss als Erklärung genügen.
 
Woher diese Selbstgewissheit kommt, weiß ich nicht. Aber sie scheint mir Teil des dramatischen Verfalls der Debattenkultur und seiner zersetzenden Wirkung für unser demokratisches Gefüge zu sein, die Richard David Precht in dem Interview beklagt, das wir mit ihm beim Pfingstdialog "Geist & Gegenwart" in Seggau geführt haben.
 
Für Deutschlands gegenwärtig wohl populärsten öffentlichen Denker sind in nicht unerheblichem Ausmaß die Medien für diese besorgniserregende Entwicklung mitverantwortlich. Aber lesen Sie doch selbst!
 
Mit herzlichen Grüßen