Der russische Wallenstein
Der Morgenpost-Kommentar aus der Chefredaktion.

„Wie bitte?“ und „Was ist denn jetzt los?“ war wohl die gängigste Reaktion, als am gestrigen Morgen die Nachricht von einem Putschversuch gegen Putin durchs Land hallte. Könnte Prigoschins Sturm auf Moskau den Diktator im Kreml tatsächlich stürzen und die Wende im Kriegsverlauf bringen oder würde er am Ende einen noch skrupelloseren Despoten an die Spitze der größten Atommacht hieven? In allen News-Kanälen prasselten Fragen über Fragen auf spürbar überraschte Expertinnen, Korrespondenten und Politiker ein. Die Welt suchte dringend nach Antworten.
Zumindest eine zum Hauptdarsteller war schnell gefunden: Jewgeni Wiktorowitsch Prigoschins Karriereweg wurde minutiös nachgezeichnet, vom Kleinkriminellen und Hotdogstandler bis zum Gastrokönig und schwerreichen Söldnerführer. Als eben solcher war er nun in die Fußstapfen prominenter historischer Vorbilder getreten, sollen sich doch schon König David oder der karthagische Feldherr Hannibal bezahlter Kämpfer bedient haben. Man erfuhr, dass sich Söldnertruppen ab dem Mittelalter auch in Europa sukzessive gegen den Ritterstand durchsetzen konnten und der wirtschaftliche Abstieg des Adels damit schleichend begann. Im Dreißigjährigen Krieg kämpfte Albrecht Wenzel Eusebius von Waldstein alias „Wallenstein“ als Söldnerführer für Kaiser Ferdinand II. und die Katholiken und begründete damit Ruhm und Legenden, die später einmal Friedrich Schillers Verse inspirieren sollten. Als besonders effektiv galten anno dazumal übrigens Krieger aus der Schweiz, die sich unter dem Namen „Reisläufer“ auf eigene Faust verdingten und deren letzter Ableger in Form der Vatikangarde noch immer den Papst bewacht. Dass auch die Konflikte der jüngsten Vergangenheit, waren sie im Irak, in Ex-Jugoslawien oder Afghanistan, nicht ohne die Nachfolgeorganisationen der Söldnereinheiten über die Bühne gingen, ist gelebte Zeitgeschichte. Sogenannte „private military companys“ bzw. „private military contractors“ erledigen nun die Drecksarbeit hinter den Kulissen und scheinen praktischerweise in keiner Totenstatistik auf.
Auch auf russischer Seite tummeln sich inzwischen dutzende Söldnerarmeen, vom blutrünstigen Tschetschenentrupp unter Ramsan Kadyrow bis hin zu drei Splittergruppen, die angeblich vom staatlichen Konzern Gazprom dirigiert werden. Mit Prigoschins Wagner-Gruppe ist nun die bislang bekannteste Einheit weltweit in die Schlagzeilen geraten. Dass deren Chef mit seiner offenen Meuterei übers Ziel hinausgeschossen ist, mutmaßen heute etliche Experten. Auch Nina Koren, die in ihrer gestrigen Analyse schrieb: „Ab jetzt kann diesen Machtkampf zwischen Putin und Prigoschin nur noch einer überleben.“ Vielleicht sah der Wagner-Führer sein Schicksal bereits besiegelt, als er am Ende dieses dramatischen Tages den Retourgang einlegte und das Publikum völlig verdattert zurückließ. „Und ich erwart‘ es, dass der Rache Stahl auch schon für meine Brust geschliffen ist“ – ein Zitat aus Schillers Dramen-Trilogie, das plötzlich auch für Putins Wallenstein passend erscheint.
Elisabeth Zankel
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